Im Gespräch: Desolat – Songs of Love in the Age of Anarchy

Desolat kommen aus Wien und spielen fetten Sludge Metal, angereichert mit Riffs aus der Death Metal Schule und zusammengehalten von der Klebrigkeit des Doom. Aus dem Punk kommt die DIY-Attitüde und das ständige Bemühen, die Blätter vor den Mündern zu zerreißen. Songs of Love in the Age of Anarchy nennt sich die aktuelle Scheibe des Trios und wird als 12” Picture Disc im Eigenvertrieb angeboten. Leider wir es in absehbarere Zeit wohl kaum die Möglichkeit geben, die Band hier in München live zu erleben. Daher hat uns Gitarrist und Sänger Alfred ein paar Fragen zu Desolat beantwortet, inklusive ein paar einschlägiger Ausgehtipps.

Desolat, kann man die Situation der Musikbranche in den letzten Monaten treffender beschreiben? Hattet ihr bei eurer Namenswahl eine gewisse Vorahnung? Bitte stellt euch den Münchner Curt Leser*innen vor. Was, wer, wie, warum sind DESOLAT?
Der Name passt zum Musikstil, unserer Kultur und uns als Typen und ist ganz klassisch entstanden: unzählige Vorschläge, Listen, bis irgendwann DESOLAT allen gefallen hat. Wir sind aus Wien, sind alle 3 in der DIY/Anarcho-Punk-Szene sozialisiert und haben schon in vielen Bands gespielt, Klaus (Bass) und ich (Git/Vox) gemeinsam in RADIKALKUR und CYRUSS, Klaus aktuell noch in DIM PROSPECTS, ich bei E.M.S., PHAL:ANGST, Mentl (Drums) bei LA LIGNET MAGINOT, GFRAST, FACE THE OWL und noch so einigen. Die Musikbranche im Speziellen ist uns ¬- glaub ich – egal, da interessieren wir uns schon eher für gesamtgesellschaftliche, soziale & politische Vorgänge.

Wovon fühlt ihr euch beeinflusst? Was inspiriert euch, welche Musik liegt bei euch auf dem Plattenteller?
Noise Rock, (Swedish) Death Metal, Crust Punk, Sludge (Metal). MELVINS, UNSANE, HELMET, ENTOMBED, DISMEMBER, BOLT THROWER, AMEBIX, DISCHARGE, LVMEN, NEUROSIS, DYSTOPIA, IRON MONKEY, EYEHATEGOD. Bei dieser Platte kann ich ganz konkret diverse Elemente von LVMEN, NEUROSIS, AMEBIX, SEPULTURA, ENTOMBED, IRON MONKEY, EYEHATEGOD und UNSANE ableiten.

Eure Platte nennt sich Songs of Love in the Age of Anarchy. Sind Anarchisten die bessern Liebhaber und von was träumt der Yuppie wenn ihn das Schlachtmesser trifft?
Anarchismus ist natürlich unsere Lieblingsphilosophie und ideelle Grundlage unserer musikalischen Kultur. Ich würde schon meinen, was zumindest in seinen Grundannahmen nicht anarchistischer Natur ist, also eine gewisse Fundamentalopposition, ein umfassendes, radikales Infrage-Stellen, ist uninteressant, sei es nun Musik, Texte, Literatur, Philosophie. Anarchismus ist soziale Ordnung ohne Hierarchie, kann also nur mit großer Liebe funktionieren. Und der Yuppie als Sinnbild von enthemmten Finanzkapitalismus und Konsumgütern als Statussymbol und sich über andere Erhöhen ist dann schon so etwas wie der natürliche Feind. Der Begriff ist ja etwas aus der Mode gekommen. Und von dessen Ende träumen wir. Alle weitere Gewaltlyrik ist dann aber der Sound- & Gesamtästhetik geschuldet.

Aus welchen Gründen habt ihr euch für eine Picture Disc entschieden? Wie tief lässt die Collage in die Seele Österreichs blicken?
Einfach weil wir sowas noch nie gemacht haben. Es ist Teil des Konzeptes der Band ist, dass wir alle Formate einmal ausprobieren wollen. Darum war die 1. Platte auch eine 10“. Die Collage hat eine Freundin von uns, Liesl Matzer, gestaltet. Es ist einfach eine wilde Collage aus österreichischen Versatzstücken, ästhetisch durchaus an Deutschpunk und Elementen unserer 1. Platte angelehnt, um eine gewisse Konsistenz zu erzeugen. Der Karikaturist Manfred Deix hat die österreichische Mentalität hervorragend dargestellt, man muss ihn lieben. Bei der 1. Platte haben wir uns an den Kabarettisten und Dramatikern Helmut Qualtinger und Peter Turrini orientiert. Freundliche Fassade, düstere Realität, Opportunismus, Kleingeist, nach oben buckeln und nach unten treten. Hinterm Haus im Garten sind die Leichen von 150 missbrauchten Kindern vergraben und vorn beim Hauseingang erzürnt sich der liebe Onkel über die schiefe Krawatte des Firmlings. So!

Ihr bringt euer Album in dieser für Kulturschaffende denkbar ungünstigen Zeit heraus, wie hat sich die Pandemie auf den Entstehungsprozess ausgewirkt?
Nervig und lähmend. Wir betrachten uns natürlich primär als Live-Band und somit wollten wir die Platte mit einem Releasekonzert begleitend veröffentlichen. Ab April wären wir soweit gewesen. Da aber kein Konzert weit und breit möglich schien, haben wir sie einfach mal digital veröffentlicht. Erst im Oktober war dann ein Konzert in würdigem Rahmen, also an einem Punkort mit genügend Platz und stehend möglich, nämlich am Open Air Gelände der Arena Wien. Und da haben wir die Platte dann physisch veröffentlicht.

Alles steht still, die Bühnen und Backstageräume sind verrammelt, wie haltet ihr trotz allem die Spannung hoch?
Na ja, wir sind ja gar keine so typische Band mit regelmäßigen Proben und den Ambitionen soviel wie möglich zu spielen. Wir machen 2-3 mal pro Jahr für ein paar Tage Klausur zum Lieder jammen. Vor dem Studiobesuch oder vor Live-Gigs treffen wir uns ein paarmal zum eingrooven. Das ist ja fast eher projektmäßig und so gesehen ändert es sich für uns nicht massiv. Trotzdem, zur Platte hätten wir schon gern eine Handvoll Gigs gespielt. Es gibt uns seit Ende 2018 und eigentlich wollten wir grad ein bißchen loslegen und dann wurde schon der Stecker gezogen, wir haben bislang bloß 4 oder 5 Gigs gespielt.

Alles Schlechte hat vielleicht auch etwas Gutes? Was nehmt ihr aus den letzten Monaten positives mit für die Entwicklung der Band? Sind jetzt vielleicht Dinge möglich, die vor 2021 nicht im Fokus gewesen sind?
Für uns nichts Wesentliches. Wir tun weiter wie gehabt und nun sind halt wieder Gigs möglich, also werden auch wir wieder gelegentlich eine Bühne betreten. Online/Stream-Konzerte sind zwar besser als nichts, aber nicht wirklich toll, das hätten wir nicht gemacht. Was bleibt ist die Erkenntnis was Kultur, insbesondere jene abseits der Hochkultur wert ist: nichts. So ziemlich das letzte Glied in der Rücksichtnahme bei den Corona-Maßnahmen von Seiten der Regierungen und kein besonderer Aufschrei deswegen. Nicht dass ich verwundert wäre.

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https://youtu.be/XqkEOqReV6I

 

Stellt euch vor, ihr veranstaltet ein Festival zur Beerdigung des Corona-Virus. Welche Bands / Künstler sollen mit euch die Bühne teilen? Wo würdet ihr das Konzert veranstalten wollen?
Das wäre dann ja wohl mal fix in Wien im EKH. Der Ort ist absolut das Beste was es hier gibt. Ein großes, klassisches Squat im Stil der späten 80er/90er. Ein Anarcho/Punk-Heaven! Es gibt auch andere gute Punk-Orte in Wien, Venster99, Einbaumöbel, Arena Wien, Pankahyttn. Die sind wirklich super und darum liegt‘s mir auch am Herzen diese zumindest zu erwähnen. Aber als Gesamtpaket ist das EKH unschlagbar. Solche Orte sollte es viel mehr geben, doch es werden immer weniger. Für die Auswahl des Billings sind wir dann nicht mehr so DIY fokussiert, weil gute Musik ist gute Musik ist gute Musik. Deshalb würden wir in den finsteren EKH-Keller Bands wie die MELVINS, NEUROSIS, MOGWAI, LVMEN, UNSANE, ENTOBMED mit dem wiederauferstandenen L.G. PETROV, SEPULTURA in Originalbesetzung, die reunierten BOLT THROWER runterschicken. Na ja, unsere Lieblingsbands halt.

Wie ist der Kontakt zu Dan Swanö zustande gekommen. Bei dem Namen denkt man zuerst an Death und Progressiv Metal und weniger an Crust-Punk. Seit ihr mit dem Resultat seiner Arbeit zufrieden?
Wir haben ja Elemente von Swedish Death Metal in unsere Musik und ich spiele meine Gitarre auch mit dem typischen BOSS HM-II Sound. So gesehen war ein Mastering aus dem Eck naheliegend. Und da sind eben Dan Swanö oder Tomas Skogsberg DIE 2 Typen in der Old-School-Oberliga. Ich hab Dan angeschrieben und er hat positiv geantwortet. Er verlangt keine astronomischen Preise. Mit dem Ergebnis sind wir extrem zufrieden. Er weiß genau, was Musik wie die unsere braucht.

Do spielst auch noch bei Phal:Angst. Wie unterscheiden oder ergänzen sich die beiden Ansätze der Bands? Wo steckt mehr Alfred drinnen?
Die 2 Bands sind sehr unterschiedlich. Bei DESOLAT hab ich großen Spaß an dem hyperaggressiven Geschrei, das hat beinahe kathartische Wirkung auf mich, sehr befriedigend, was für andere eventuell Sport oder Yoga sein könnte. Bei PHAL:ANGST geht es für mich primär darum über einen meist ziemlich vorgefertigten Elektronik-Rahmen mit der Gitarre schöne und hoffentlich interessante Melodien zu finden. Das Gitarrenspiel ist bei PHAL:ANGST ungleich anspruchsvoller. Beide Bands sind sehr unterschiedlich, aber DESOLAT kann in manchen Zuständen schon auch anstrengend sein, PHAL:ANGST geht sich immer aus.

Auf was kann sich München freuen, wenn ihr für ein Konzert in die Stadt kommt?
Wir klopfen unsere Lieder ohne Schnickschnack runter, kein Geplappere, kein Bühnenoutfit, keine Lichtshow. Denke wir sind so gut, dass wir unsere Songs von den Veröffentlichungen ziemlich 1:1 und vielleicht sogar noch mit ein bisschen extra-Kick reproduzieren.


Bestellen könnte ihr Songs of Love in the Age of Anarchy über das Bandeigenen Label > Homepage oder ihr besucht Alfred in seinem Plattenladen und greift noch ein paar andere Scheiben ab > Homepage

 

Foto: Paayarazzi