Bis 29. Juni
„Der Vater“ @ Münchner Kammerspiele

Getrieben von der Thematik der Entfaltung der Frau in einem patriarchalischen System erlebt man eine Inszenierung, die ermüdend langsam beginnt, doch über den Abend hinweg stetig an Power gewinnt. Starke Bilder, aber auch zähe Momente.

August Strindbergs „Der Vater“ entstand in einer Zeit erster feministischer Bewegungen. Vater und Mutter streiten sich über den Werdegang ihrer gemeinsamen zehn Jahre alten Tochter Bertha. Die Mutter möchte ihre künstlerische Ader fördern, der Vater Adolf sieht sie eher in der Stadt Lehramt studieren. Bertha steht zwischen den Stühlen, möchte keinen der Eltern verletzen und sucht nach Eigenständigkeit. Der Vater, von seinem männlichen Chauvinismus geplagt, lässt sich auf keinen Kompromiss ein. Die Mutter fordert ihn daraufhin heraus. Der Streit eskaliert und der Vater wird systematisch demontiert. Er bricht. Auch wenn er sich wieder aufrappelt, der Gleiche wird er nicht mehr sein.

Der Vater Kammerspiele curt München

Das Stück startet in gewohnter Manier mit dem scheinbar Improvisierten. Die Rollen verschmelzen, beide spielen beide Charaktere, jeweils Mutter und Vater, mithilfe von Reithosen, die die Geschlechter verstecken. Die Tochter Bertha erscheint nur in Erzählungen. Szenenanweisungen werden in das Spiel integriert. Der Spielpartner wird – aufgrund schlechter Kritiken der Premiere drei Tage vorher – scheinbar bloßgestellt. Natürlich sieht man dieses Spiel mit der Spielsituation nicht zum ersten Mal an den Kammerspielen, doch bringt sie noch immer eine Art Spontaneität in den Abend. Leider ist aber auch diese schnell abgenutzt und die Einführung in das Thema schleppt sich eher dahin. Das liegt jedoch nicht an der starken Leistung des Duos Riedler und Lommatzsch, sondern ganz klar an der inszenatorischen Idee.

Der Vater Kammerspiele curt München

Dann aber beginnt der zweite Akt und das Stück nimmt mit Bozbay und Radjaipour, die zusammen Bertha verkörpern, an Fahrt auf. Die Besetzung der beiden soll den Konflikt der Tochter Bertha, die zwischen ihrer Mutter und dem Vater hin und her gerissen ist, symbolisieren. Die Bilder werden spektakulärer, die Rollen klarer, die Gags besser. Gleichzeitig spitzt sich die Situation um Lommatzsch zu und er wird in das Patriarchat gedrängt. Untermauert wird das von der Camerata Vocale München. Die bärtigen und in Holzfällerhemden auftretenden Männer singen Songs wie „Wir fahren in den Puff nach Barcelona“ und trinken in Stammtischstimmung Bier mit dem Vater. Zurückversetzt in die Zeit der unhinterfragten Männlichkeit. Nun spitzt es sich erst richtig zu. Riedler und Lommatzsch verschmelzen per Videoprojektion ineinander zu Wiebke Puls die plötzlich auf der Bühne erscheint. In routinierter Weise übernimmt sie die Rolle des Mannes und der Frau, welche eben noch von zwei Schauspielern dargestellt wurden. Die Routine nimmt ihr aber keinesfalls etwas von ihrer stets kraftvollen Präsenz auf der Bühne. Geplagt vom inneren Kampf beider Geschlechterrollen gibt es nur den Ausweg der Zwangsjacke und die Einlieferung in die Psychiatrie. Noch kann der Vater sich wieder aufraffen, aber sicher nicht in der gewohnten Männerrolle.

Die Schauspieler müssen sich jedenfalls für ihre Leistung nicht verstecken, das Publikum belohnte das mit lang anhaltendem Applaus. Die Inszenierung mit knapp zwei Stunden sicherlich auch nicht, doch erlebte man schon spannendere Theaterabende.


„Der Vater“ von August Strindberg // Inszenierung: Nicolas Stemann //
Weitere Vorstellungen: 7., 20., 25. Mai; 2., 14., 29. Juni // Münchner Kammerspiele // > Homepage