Im Gespräch: Deftones

Es ist einer dieser magischen Momente, der sich tief einbrennt in das von Nostalgie überschwemmte Poesiealbum eines jeden konzertbesessen jungen Mannes. Vor genau zehn Jahren erhielt ich in meinen damaligen Kathedralen der Coolness, den alten Elserhallen, den absoluten Ritterschlag, meine nachgeholte Taufe und zugleich Himmelfahrt. Mein erstes Band in der Menge. Zu verdanken habe ich es alten Helden, den Deftones.

Mein erster Ritt auf den Händen der Menge verlief erstaunlich angenehm, fühlte sich gar großartig an und der Freudentränenflüssigkeitspegel lag ob der Tatsache, es genau in dem Moment, den ich mir so lebhaft ausmalte, zu tun, extrem hoch. In dieser Nacht spielten mich die Deftones mit ihrem Song „Korea“ endgültig verrückt. Verrückt nach Konzerten, verrückt nach dieser irrsinnigen Veranstaltungsform, von der ich bis heute nicht genug bekomme, und verrückt bis ans Ende meiner Tage. Dieser Crowdsurfer war mein erster, mein letzter und wird aus Gründen der Realität weit überlegener Heldenhysterie unübertreffbar bleiben. Das Idealbild war erreicht: auf Händen getragen, während einen die Götter von der Bühne aus mit einer absoluten Hymne ins eigene Walhalla emporsteigen lassen. Dass ich für dieses Konzert die Klassenfahrt nach Dublin sausen ließ, erscheint mir bis heute völlig schlüssig.

Zehn Jahre später hat sich der Geschmack verschoben, doch der Respekt ist geblieben. Die Achtung vor einer Band, die aus dem Brackwasser der Nu-Metal-Bewegung schon damals positiv hervorstach und vermutlich deswegen von nur einigen wenigen gehört wurde. Chino Moreno, Stephen Carpenter, Abe Cunningham und Frank Delgado halten auch heute noch ihre Fahne hoch und haben sich stetig weiterentwickelt. Nach außen hin selbstsicher, innerlich immer etwas zurückhaltend, haben die Deftones Minenfelder der Peinlichkeit umschifft und Bands wie Limp Bizkit, KoRn und später auch Linkin Park souverän hinter sich gelassen. Eingeäschert.

Mit „Gore“ erschien vor rund einem Jahr ihr achtes und bis dahin erfolgreichstes Album. Fans und Kritiker überschlagen sich mit Lobeshymnen und die Deftones befinden sich, trotz des tragischen Unfalltods von Gründungsmitglied und Bassist Chi Cheng, in ihrer dritten Ruhmesdekade.

Anlässlich ihres München-Comebacks am 19. April bedankte ich mich bei Sänger Chino Moreno nach zehn Jahren endlich für den alles entscheidenden Funken Wahnsinn und schwadronierte mit ihm für 15 vom Management einberaumte, aber nicht minder aufregende Minuten über Legendenstatus, alte Helden und ein langweiliges Privatleben. Ein Ferngespräch nach Beverly Hills, klang wie folgt:


Chino, 28 Jahre sind seit eurer Gründung vergangen, ihr habt die Welt gesehen, spielt nur aufgrund eines tragischen Vorfalls nicht mehr in der Originalbesetzung und entwickelt euch kontinuierlich weiter. Als relevanteste Band eines Genres , aus dem ihr euch schnell hinausentwickelt habt, habt ihr letztes Jahr mit „Gore“ euer bis dato erfolgreichstes Album vorgelegt, und sogar Freunde wie „The Dillinger Escape Plan“ als Band überlebt. Wie fühlt es sich an, 2017 bei den Deftones zu spielen?

Es ist der Wahnsinn, oder? Ich kann es selber manchmal kaum glauben, dass ich hier sitze und solche Fragen beantworte. Erst gestern hatte ich eine ruhige Minute und dachte mir nur: „Moment!“ Es fühlt sich großartig an, wir sind immer noch eine Band und ich bin wahnsinnig stolz darauf, bis heute mit meinen Freunden Musik machen zu können. Wir waren damals fast noch Kinder und trotzdem ist da immer noch diese Energie. Ich genieße es sehr, die Jungs um mich zu haben und all diese Erfahrungen machen zu können. Klar stellt sich in gewissen Dingen eine Routine ein, doch wenn ich es manchmal so betrachte, fehlen mir die Worte. Wir hatten sehr viel Glück.

Anders als viele eurer Genre-Kollegen werdet ihr für euren Mut gefeiert, alte Pfade zu verlassen, und mehr denn je ist es diese Dichotomie, die euch innewohnt, die euch heute da sein lässt, wo ihr seid. Ihr seid laut und leise, habt Flamingos oder Eulen auf dem Cover, dann aber wiederum Musikvideos voller Blut, voller Ambiguität. Ihr seid alles andere als vorhersehbar und doch weiß man, was man bekommt. Sind die Deftones eine außergewöhnliche Band?

Das ist ein guter Punkt und ich denke, wir haben unseren Punkt auch immer wieder bewiesen. Wir experimentieren einfach gerne. Das liegt zum einen daran, dass wir allesamt unterschiedliche Musik hören. Wir sind miteinander aufgewachsen, klar, aber jeder hat seine eigene musikalische Identität und seinen Stil. Unsere Hintergründe sind wahnsinnig verschieden. Auf der anderen Seite haben wir damals absolut keine Ahnung von härterer Musik gehabt und einfach gejamt. Ich habe viel von Steph gelernt und er von mir, aber auch die anderen haben ihre Einflüsse stets mit eingebracht. Die offene Sicht auf Musik ist es, denke ich, die uns als Band bis heute spannend hält. Das spiegelt sich schließlich auch in unseren Videos, den Artworks und dem ganzen Drumherum wider. Jedenfalls ist es das, was mich am Ball bleiben lässt, auch wenn wir nie all das umsetzen können, was wir in die Runde werfen.

Spätestens seit „Diamond Eyes“, für das ihr euch relativ viel Zeit gelassen habt, tretet ihr mit dem wahnsinnig positiv aufgenommenen neuen Sound auf.  Die Erwartungen an euch waren hoch, sind es immer noch und waren es auch bei „Gore“. Deine Soloprojekte wurden ebenfalls mit Spannung erwartet und gut aufgenommen. Fällt es schwer, die Formel-Deftones einzuhalten, und wie gehst du persönlich mit Erwartungen um?

Wir machen uns natürlich Gedanken über unsere Identität als Band und mit Sicherheit gibt es da dieses Deftones-Element. Nichtsdestotrotz sind wir einfach gewachsen und somit auch unser Sound. Wir sind jetzt hier angekommen und genauso klingen wir jetzt auch. Dabei haben wir uns, wenn, nur wenig Gedanken um die Nuancen gemacht. Deftones sind nach wie vor seidenweich, dann wieder überaus bestrafend laut und hart. Diese Dichotomie, von der du bereits sprachst, ist großartig. Genau das liebe ich an dieser Band. Und so geht es mir mit meinen Texten auch. Ich bin oft überfordert mit zu viel Text, mit zu vielen Worten, Strophen, ich will den Vibe spüren und mich dem hingeben. Es soll alles über uns hereinbrechen musikalisch, gepaart mit diesem Push-Pull-Spiel – das sind meine Deftones.

Du machst keinen Hehl aus dem Einfluss früherer Helden aus den 80ern. Einen deiner größten Einflüsse siehst du bei Depeche Mode, die ihrerseits 2017 ein neues Album veröffentlichen werden. Hat sich deine Sicht auf alte Idole verändert und spielen diese auch heute noch eine große Rolle für dich?

Ich liebe Depeche Mode, wirklich wahr! Für eine Band, die doppelt so lang unterwegs ist wie wir, finde ich es wahnsinnig bemerkenswert, wo sie heute stehen. Jeder Mensch auf der Welt weiß, wer Depeche Mode sind, sie sind eine absolut kreative Naturgewalt und für mich ist das bis heute sehr ermutigend. Sie machen etwas Neues? Her damit! Bands wie Depeche Mode pushen mich bis heute als Künstler und spielen nach wie vor eine große Rolle für mich. Auch sie haben experimentiert, sind sich aber immer treu geblieben. Ich bewundere das sehr und es gibt mir viel Kraft. Seit ich 11 Jahre alt bin, um ehrlich zu sein. (lacht)

Chino Moreno

Chino Moreno

Du bist nun selbst eine Art Legende, ein Gesicht der modernen Rockszene. Nimmst du diese Rolle als solche wahr und schwingt da gegenüber den Fans eine Art Vorbildfunktion mit?

Puh … nicht wirklich. Ich habe mir jedoch immer Mühe gegeben und tue es bis heute, nie den Fokus zu verlieren und mich immer wieder zu pushen. Ich will die Dinge ehrlich angehen und die Leute sollen das spüren. Sie sollen es sehen. Niemand soll den Eindruck gewinnen, ich würde nur einer Routine folgen und Standard abspielen. Mir ist es wichtig, artistisch integer zu bleiben und meinen künstlerischen Anspruch zu pflegen. Wir sind als Band und als Menschen gewachsen, aber wir sind immer noch dieselben Jungs von damals. Nur unsere Palette hat sich vergrößert. Hoffe ich zumindest.

Wir haben bereits viel über Veränderungen gesprochen. Das letzte Jahr hat viele Musiker gehen sehen, es sind nunmehr deine Idole, aber auch meine, deren Sterblichkeit wir uns bewusst werden. Darüber hinaus sind euch als Band mit dem Tod von Chi und dem Aufenthalt in Paris 2015 tragische Vorfälle widerfahren. Welchen Einfluss haben diese Dinge auf dich im Studio und der Bühne?

Tragische Dinge passieren, aus dem Nichts und völlig unerwartet, meistens, und sie machen einen erstmal fertig. Wir sind nicht die einzigen, denen schlimme Dinge widerfahren sind. Das wissen wir. Doch wie bei so vielen Dingen, die uns quälen und beschäftigen, waren diese beiden Ereignisse definitiv ein Lernprozess für uns, für uns als Menschen und als Band. Jeder hat sein Körbchen zu tragen und diese Vorfälle setzen Dinge in ein bestimmtes Licht. Uns hat es gezeigt, dass die Leute immer noch interessiert sind und auch wir nach wie vor 100% hinter dieser Band stehen. Es hat uns definitiv viel Kraft gekostet und es sah erst einmal nicht rosig aus, doch am Ende haben wir uns zusammengerauft, einfach nur zusammengesessen, Bier getrunken, gejamt und gemerkt, dass wir uns nun ein ganzes Stück näherstehen. Die Musik war definitiv unsere Therapie und sie war es schon immer.

Chino, ich will zum Ende gerne mit einer zweiten Anekdote abschließen. Der Trend, Metal mit weiteren Stilen zu mischen, hat natürlich auch in Deutschland um sich gegriffen und viele Bands haben euren Sound oder den von KoRn versucht zu emulieren. Eine dieser Bands waren 4Lyn aus Hamburg, die ihrerseits relativ erfolgreich ab Mitte der 90er Konzerte gespielt haben. Der damalige Drummer war unter dem Spitznamen „Chino“ bekannt und ich kann mich noch gut an eine wütende Festivalmenge erinnern, die skandierte, dass sie den „echten Chino“ sehen wollen. Nun, wer ist der echte Chino überhaupt? Und gibt es Dinge, die die Menschen an dir überraschen?

Ha ha, der arme Kerl, aber das ehrt mich! 4Lyn, sagst du? Lohnt es sich, danach zu googlen? Nein, also ich bin immer wieder peinlich berührt, wenn die Leute erkennen, dass ich eigentlich ein ziemlich langweiliger Kerl bin. Ich bin ruhig und das war ich privat eigentlich schon immer. Ich bin ein normaler Kerl, der die Musik liebt. Mittlerweile habe ich  Familie und lebe in den Bergen. Und anders als auf der Bühne hasse ich es, mich den Leuten aufzudrängen, und schätze ein wenig Distanz. Ich genieße den Frieden daheim und mag es ruhig. Aber eine Sache ist mir gerade eingefallen … Wir sprachen über meine Einflüsse und New Wave … Erst vor ein paar Tagen habe ich diese Band wiederentdeckt. Camouflage. Sagen die dir was?

Aber natürlich, Deutschlands New-Wave-Heroen. „love is a shield“ und „the great commandment“ sind ihre großen Hits!

Du sagst es. Einfach großartig! Camouflage sind ohne Scheiß eine meiner Lieblingsbands. Überraschung geglückt!? (lacht)


Mit diesen beiden Ohrwürmern im Ohr bedanke ich mich bei einem wohltuend gelassenen und redseligen Chino Moreno und freue mich auf die baldige Rückkehr der jungen Legenden aus Sacramento. Die Deftones stellen am 19. April ihr Meisterwerk „Gore“ endlich auch in München vor und stellen aufs Neue eindrucksvoll unter Beweis, dass sie alles andere als ein Nostalgie-Act vom Schulhof sind. Sphärisch, mutig, radikal – Deftones klingen besser denn je.


Deftones > Homepage // Live: 19. April // TonHalle// Support: Skyharbour > Facebook // Einlass: 18.30 Uhr, Beginn: 20 Uhr // VVK: 30 Euro zzgl. Gebühren

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