curt war da: SonneMondSterne Festival 2018

Für die einen ist es Realitätsflucht, weg vom tristen Job-Alltag und Kurzurlaub für die Gehirnzellen. Andere sehen darin einen Abenteuertrip, bei dem man garantiert im Stundentakt mit undenkbaren Absurditäten konfrontiert wird. Und wieder andere wollen einfach nur ein Wochenende mit guten Freunden verbringen, dabei hektoliterweise billiges Dosenbier in sich hineinschütten und vor allem: sehr viel, sehr laute Musik hören. Festivals sind in Deutschland schwer angesagt und die Veranstalter freuen sich über verlässliche Ausverkauft-Meldungen, längst bevor die ersten Bässe durch die üppig dimensionierte PA ballern. Wenn dann noch 35.000 Menschen drei Tage auf elektronischer Musik durchdrehen, befindet man sich mit hoher Wahrscheinlichkeit beim SonneMondSterne Festival an der Bleilochtalsperre in Thüringen. Von München aus braucht man mit dem Auto lumpige drei Stunden bis nach Saalburg – das entspricht ungefähr der durchschnittlichen Wartezeit beim Münchner KVR. Logisch, dass curt sich in den Discofummel geschmissen hat und bei der XXL-Techno-Gaudi am Start war.

Bissl spät ist es bereits, als wir auf dem Campingplatz ankommen. Viele Vollblutraver reisen hier bereits am Mittwoch an. Wer zwei Tage hart am Warm-up-Gas hängt, ist in der Regel schon ziemlich druff, bevor es überhaupt losgeht. Der ganz normale Festival-Wahnsinn also auf dem SonneMondSterne-Zeltplatz, in den wir erstmal stocknüchtern hineinplatzen. Wir genehmigen uns ein paar schnelle Akklimatisierungs-Augusts, um uns dem allgemeinen Level zumindest einen kleinen Schritt anzunähern. Erstmal orientieren. Unfassbar, was die Leute hier alles anschleppen. Es gibt reihenweise Clubs in München, die nicht mit den Boxentürmen auf dem großen Campingplatz mithalten können. Dazu ein buntes Sammelsurium aus Großraumzelten, Generatoren, Sofagarnituren – sogar ein komplettes Baugerüst mit Rave-Ausguck auf fünf Metern Höhe hat dort jemand aufgebaut. Wer es gediegener und vor allem ruhiger mag, sollte sich auf den „leisen“ Campingplatz stellen. Der Fußweg zum eigentlichen Festival-Gelände ist zwar geringfügig weiter, doch bekommt man dort nachts zumindest ein Auge zu.

SonneMondSterne Festival 2018 curt München

Das eigentliche Ziel liegt jedoch hinter der großen Eingangsbrücke. Auf den obersten Treppenstufen wird man erst mal von einem visuellen Overload weggeblasen. Alles leuchtet, blinkt in den wildesten Farbkombinationen und unten wuseln Tausende Techno-Anhänger durcheinander. Wir müssen uns zum zweiten Mal orientieren. Denn auf dem SonneMondSterne läuft es nicht wie auf dem Southside oder Rock Im Park, bei dem sich alles auf zwei bis drei Bühnen und in einem Zelt abspielt. Dezentralisierung heißt das Zauberwort. Menschenmengen sammeln sich allenfalls vor der großen Hauptbühne, wenn Headliner wie Paul Kalkbrenner oder Steve Aoki hinter den Plattentellern die Arme in die Luft reißen. Alle anderen verteilen sich auf die kleineren Bühnen und Zelte. Diese Vielfalt und das verschachtelte Gelände sind der Grund dafür, dass man sich nicht auf einem Festival mit 35.000 Besuchern wähnt, sondern allenfalls auf einer Veranstaltung so groß wie das Sommertollwood – nur mit besserer Musik und weniger überflüssigen Schnickschnack-Läden. Apropos überflüssiger Schnickschnack: Was sich die Veranstalter dieses Jahr mit ihren Sterntalern als eigener Festivalwährung überlegt haben, fanden wir – und eine nicht repräsentative Mehrheit – leider ungeil. Erstens wurde es im Vorfeld nicht wirklich kommuniziert, dass man sein Bargeld in „Sterntaler“ tauschen muss, um sich auf dem Gelände mit Bier, Pizza und auch allem anderen versorgen zu können. Zweitens: Versucht mal, mit Zwei-Komma-Nochwas Promille auf dem Kessel den Überblick über den Umrechnungskurs zu behalten und dann noch mit halben Talern im Miniformat hantieren zu müssen. Dafür benötigt man zwar kein Mathe-Diplom, es nervt aber gewaltig. Und den praktischen Mehrwert davon muss uns erstmal jemand plausibel machen.

SonneMondSterne Festival 2018 curt München

Aber sei’s drum, wir lieben das SonneMondSterne trotzdem. Wegen der Katermukke-Stage, bei der man von Freitag bis Sonntagnachmittag non-stop (sic!) in allerfeinstem Sand barfuß tanzen und zur Abkühlung mal eben in den Stausee hopsen kann. Oder wegen des überragenden Line-ups, das uns feuchte Öhrchen und einen leichten Tinnitus beschert hat. Wegen der abgefahrenen Visuals, die mit viel Liebe zum Detail auf, vor, über und überall um die Bühnen herum installiert wurden. Und wegen dem positiven Vibe, der von der tanzenden Menge ausgeht. Klar rennen hier auch Festival-Assis herum, aber die sind irgendwie weniger assi als auf großen Rockfestivals. Und weil man sich dort so entspannt bewegen beziehungsweise tanzen kann. Wir hätten es nicht für möglich gehalten, dass man viel zu spät zu Kracher-DJs wie Boys Noize einreitet und locker flockig nach vorne vor die Bühne marschieren kann. Übrigens kein Einzelfall, trotz ausverkaufter Hütte. Das Angebot an Hochkarätern ist einfach so groß, dass sich die Masse zwangsläufig verteilt. Wer bis Sonntag Nachmittags durchgehalten hat (da klopfen wir uns mal still selbst auf unsere Ü30-Schultern), kann in seiner ganzen Verschallertheit sogar in fast familiärer Kleingruppenatmosphäre zu allerfeinstem Minimal in der Sonne am Strand tanzen, bis die Synapsen den Dienst quittieren. Die Afterhour endet am Sonntag um 17 Uhr. Versucht das mal in München.

Aufmacherfoto: ©SonneMondSterne 2017, Tony Günther
Weitere Fotos: ©SonneMondSterne 2017, Mattäus Machuletz TimeCodePic


About Julia Fell

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Exilsaarländerin, in jungen Jahren nach England verpflanzt, über einen Zwischenstopp im beschaulichen Passau in München gelandet, um irgendwas mit Medien zu studieren. Will entweder für immer hier bleiben oder doch noch nach Amsterdam ziehen. Mag Reggae, Rap, spleenige Menschen, große Männer mit schönen Augenbrauen und großer Schnauze, Gruselstreifen, Stinkekäse, Biografien und flache Witze. Mag nicht, dass ihr ständig jemand eine Berufsunfähigkeitsversicherung andrehen will. Im 9-to-5-Leben Fotoredakteurin.