curt war da:
SWR3 New Pop Festival 2013

Das Schöne am SWR3 New Pop Festival ist, dass einem der Baden-Badener Regen samt Kälte nichts anhaben kann. Wer ein Ticket hat, flüchtet einfach in eine der drei atemberaubenden Locations. Die ganze Stadt ist im Aufbruch, besticht Baden-Baden doch sonst eher durch seine klassisch schöne, aber leider auch versnobte Einöde.

Bastille Band

Bastille
© Lucas Martin

Die ersten zwei Tage standen größtenteils unter britischer Präsenz: Das Londoner Quartett Bastille um Frontmann Dan Smith präsentierte seinen eklektischen Elektro-Pop im gold-weiß-verschnörkelten Bénazetsaals des Kurhauses. „Overjoyed“ hob nicht nur die melancholische Dimension von Smiths Stimme hervor, seine dekadent-gesetzten Tempowechsel unterstrichen auch, was man auf der britischen Insel schon länger zu schätzen weiß: Smith ist einer der vielversprechendsten Songschreiber der letzten zwei Jahre. Schön auch, dass sich die Jungs trotz Mainstream-Übertragung nicht davon abbringen ließen, ihre „Other People’s Heartache“-Versionen „What Would You Do“ and „Of The Night“ zu spielen. Am Ende des City-High-Covers landete ein Papierflugzeug neben Smith, der sein Lachen nicht länger unterdrücken konnte und sich sichtlich entspannte. Während „Flaws“ kletterte er dann auf den Balkon des Konzertsaals, lehnte sich gegen die Absperrungen und animierte das Publikum. Eine mittlerweile etablierte Einlage in ihrer Show. „Wie ihr im Laufe der letzten Stunde mitbekommen habt, bin ich ein fürchterlicher Tänzer. Daher wäre es super, wenn ihr mich etwas unterstützen könntet“, sagte Smith, ehe die ersten Klänge des 90er-Klassikers „The Rhythm Of The Night“ erklangen. Das Publikum tanzte euphorisch, war begeistert. Wer aber Bastille kennt, merkte, dass sie etwas müde schienen. Eineinhalb Jahre des Tourens sind nicht spurlos an ihnen vorübergegangen.

Jake Bugg

Jake Bugg
© Lucas Martin

Jake Bugg betrat die Bühne des Baden-Badener Theaters mit einem taktvollen, very britischen „good evening“. Umringt von weißem Stuck, Kronleuchtern und roten Samtapplikationen schuf sein Country-Blues eine Intensität und Wärme, die das Publikum noch mehr zusammenrücken ließen und fast schon wie ein Magnet wirkten. Seine auf ein Minimum reduzierte Show legte den Fokus auf seinen quirligen, vom Britpop und Rock ’n’ Roll inspirierten Gesang. Ein in Schwarz gekleideter junger Mann mit seiner Gitarre, wie etwa im „Country Song“. Der 60er-Jahre-Vibe zog sich durch Songs wie „Seen It All“ und „Two Fingers“ sowie durch Hintergrund-Illustrationen, die wie in „Simple As This“ die gepflasterten Gassen Londons zeigten. Seine Songs schwankten zwischen nachdenklich und bestimmt bis hin zu fordernd. Selten klangen Gesang, Gitarre und Darbietung so rein wie in „Broken“. Und selten war ein Publikum so andächtig.

Passenger Band

Passenger
© Lucas Martin

Der britische Singer-Songwriter Passenger a.k.a. Mike Rosenberg lieferte den Zuschauern am zweiten Festival-Tag einen Mix aus Musik und selbstironischen Anekdoten mit wahnsinnigem Comedy-Effekt. So erzählte er von seiner Wirkung auf Frauen … die in der Regel in seiner Gegenwart weinen. Er verglich seine erste Show im Vorprogramm von Ed Sheeran mit einem Konzert in „Herr der Ringe“-Mordor und zerriss in dem Song „I Hate“ so ziemlich alles von X Factor über Festivaltoiletten bis hin zu Rassisten. „Alle anderen Songs ziehen uns jetzt wieder in das schwarze Loch des Elends“, sagte Passenger mit einem mitfühlenden Grinsen. Und tatsächlich, Songs wie „Life’s For The Living“ oder „Patient Love“ erinnerten stark an die traurigen Klänge von Singer-Songwriter Ben Howard. Seine melancholische Nummer-1-Single „Let Her Go“ über seine Ex-Freundin, die in gerade einmal 45 Minuten geschrieben wurde, bildete für die meisten Fans den Höhepunkt.

Tom Odell

Tom Odell
© Lucas Martin

Tom Odell, der ganz leger im weiß-blau-karierten Hemd und mit ungekämmten Haaren die Bühne des Theaters betrat, eröffnete sein Set mit dem poppigen „Grow Old With Me“ – eine optimistisch-romantische Hymne an eine lebenslange Liebe. Mit seiner zerbrechlichen Stimme transportierte er Emotionen, die auch seine Körperhaltung reflektierte. Im Refrain von „Can’t Pretend“ schlug er hoffnungslos mit seiner Hand auf das schwarze Klavier. Er wirkte aufgerieben. Während des Beatles-Covers „Oh Darling“, einer Blues-Rock ’n’ Roll-Nummer, rutschte er fast schon theatralisch auf seinem Klavierstuhl herum. Bei „Another Love“ bot sich ein ähnliches Bild. Odell litt am Klavier, schlug verzweifelt in die Tasten, war zornig und emotional, seine Stimme brach. Beim letzten Song „Cruel“ schließlich befreite sich von allem, warf den Mikrofonständer um, kickte seinen Stuhl nach hinten und verausgabte sich am Klavier.

Biffy Clyro

Biffy Clyro
© Lucas Martin

Während des Sister-Sledge-Intros „We Are Family“ kamen die drei Schotten von Biffy Clyro auf die Bühne des Kurhauses. Beim Opener „Stingin’ Belle“ wurde sofort deutlich, dass die Alternative Rocker mitunter die impulsivsten und erfahrensten Musiker des Festivals waren. Irgendwie ist es ja auch schon fast eine Frechheit, eine Band wie Biffy Clyro, die mittlerweile ihr sechstes Studioalbum veröffentlicht hat und gerade als Headliner beim Reading und Leeds Festival auftrat, bei einem „New Pop“-Festival spielen zu lassen. Sänger Simon Neils Reaktion darauf: „Wir sind keine New-Pop-Band, aber Scheiß darauf.“ Sie sind Vollprofis und ziehen ihre schnelle, energetische Live-Show durch. Neil bäumte sich mit seiner hochgeschnallten Gitarre am Bühnenrand auf, James Johnston wand sich um seinen Bass. Das ruhigere „Biblical“ unterstrich Biffy Clyros Live-Qualitäten. Mit ihren Tempowechseln, den hymnenartigen Songstrukturen und Neils Aura sind sie in die Liga einer der interessantesten Live-Bands aufgestiegen. Bei „Many of Horror“ bebte die Halle, das Publikum sang mit, wobei hier ganz klar langjährige Biffy-Fans zugegen waren. Am Ende des Songs drückte Neil seinen Kopf in Gedanken gegen seine Gitarre. Der Schweiß tropfte von seinem Haar. Intim wurde die Atmosphäre während „Machines“. Zwei Scheinwerfer waren auf Neil und seine akustische Gitarre gerichtet, als die Menge zum persönlichen Refrain „Cause I’ve started falling apart I’m not savouring life …“ ansetzte.

Im Vergleich zu all den vorigen Bands konnten die Amerikaner von Imagine Dragons nicht überzeugen. Ihre Bandidentität kam holprig daher, schienen sie sich doch sämtliche Einflüsse von Mumford & Sons, Maccabees und etwas Extravaganz von Patrick Wolf und Muse zu borgen. Ein schlüssiges Konzept sieht anders aus. Falls das Intro eines Songs überzeugte, konnte man sich gewiss sein, dass ein zu kitschig geratener Refrain alles ruinierte.

Der dominierende Negativpunkt des Festivals war ganz klar Morning-Show-Moderatorin Anneta Politi. Mit ihren künstlichen, übertriebenen Ankündigungen jeder New-Pop-Show gab sie einem zuweilen das Gefühl, bei einer Bravo-Super-Show zu sein. Einige schauderhafte Fremdschäm-Momente waren ihr zu verdanken. Die Keine-Getränke-Regelung in den Veranstaltungshallen war auch nicht optimal, jedoch wahrscheinlich auf die Erhaltung der Jahrhunderte alten Gebäude zurückzuführen.

Fazit: Insgesamt hatte das SWR3 New Pop Festival 2013 beeindruckende Künstler vor wunderschönen Kulissen zu bieten. Soundtechnisch war die Messlatte hoch angesetzt. Manchmal wäre jedoch ein bisschen weniger künstlich erzeugter SWR3-Spaßfaktor mehr gewesen und hätte nicht nur die Acts, sondern auch das Festival an sich als einen authentischeren Beitrag zur Pop-Kultur dastehen lassen.

TEXT: Ines Punessen