curt war da: Cat Power

Das Konzert von Cat Power beginnt, kaum überraschend, mit einem Lied. Doch es ist keine scheue melancholische Frau, die hier singt. Es ist Bob Dylan, wenn auch nur aus den Lautsprechern: „Come in, she said, i’ll give ya’ shelter from the storm.“

Die Zuschauer in den vorderen Reihen jubeln, denn das ist die Fanfare zum Auftritt der  Künstlerin, die mit bürgerlichem Namen Charlyn Marie Marshall heißt – schon Tage zuvor in Berlin hatte sie zur Begrüßung einen Dylan-Song von dessen großartiger „Blood on the Tracks“ spielen lassen: „If you see her, say hello.“ Wer weit hinten steht und noch nicht mitbekommen hat, dass sie vor geraumer Zeit beim Friseur war, muss sich wundern. Warum platziert sie sich so weit außen? Kommt da noch jemand? Doch natürlich ist dies nicht Cat Power, sondern Adeline Fargier, die als hübsche zweite Gitarre zu bezeichnen wirklich komplett daneben wäre. Plötzlich ertönt lauter Applaus, auch dem kleinsten Licht in der Theaterfabrik geht nun auf, dass erst diese kurzhaarige Frau mit den blondierten Strähnen Cat Power ist.

„Once I wanted to be the greatest“ sind die ersten Worte aus ihrem Mund. Wie praktisch, dass Cat Power diese Zeile beständig wiederholt, nur so lässt sich erahnen, dass es sich um die schmachtjazzige Hymne „The Greatest“ aus dem gleichnamigen Album handelt. Der Rhythmus, die Intonation, alles klingt in bester Dylan-Manier wie die Neuerfindung einer Eigenkomposition. Auch wirklich fremde Songs kann Cat Power wunderbar kopieren, hat ganze Cover-Alben bestückt. Doch leider lässt sie an diesem Abend weder „Fortunate Son“ erklingen noch ihre todtraurige, von allem Bombast befreite Interpretation von Sinatras „New York, New York“.

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Sieben Jahre ist „The Greatest“ nun alt, auch auf dem Soundtrack von Wong Kar-Wais romantischem Road-Movie „My Blueberry Nights“ war sie zu hören. All das hat ihr Bekanntheit beschert und größere Hallen. Cat Power ist, mit ihren verschlagenen Bewegungen, ihrer betörend verlorenen, vor sich hin kreisende Laute ausstoßenden Stimme immer eine große Atmosphärikerin gewesen. Eine große Entertainerin ist sie nicht. Alles Feierbiestige, das sie in diesen Abend legt, die Interaktion mit dem Publikum, wirkt abgepresst. Auch der strubbelige Gitarrist Gregg Foreman ergeht sich in Rockposen, springt zu seinen Riffs in die Luft. Und auf die inzwischen fast obligatorischen, hinter die Band projizierten Videos wollte man offenbar auch nicht verzichten. Cat Power verführt zur Selbsttäuschung, singt derart intim, dass man sie mit keinem anderen teilen möchte. „Sie tut das nur für mich“, denkt man dann. Aber sie gehört in eine verrauchte Kneipe, nicht in eine Großraumhalle. Ihre Lieder wecken Erwartungen, die in mehrtausendköpfiger Gesellschaft nur enttäuscht werden können.

Cat Power präsentiert an diesem späten Freitagabend viele Songs von ihrem letztjährigen Album „Sun“. Sie hatte ja schon damals nach München kommen sollen, musste dann absagen – es hieß, sie sei krank oder pleite oder beides. „Cherokee“ ist der schönste Track aus diesem recht elektropoppigen Werk: „Bury me, marry me to the sky, if i die before my time, bury me upside down.” Hier ist er noch zu spüren, der Drive, der sich dann im Einerlei verliert. Denn so elegisch schön Cat Powers Stimme auch ist, auf die Dauer kann ihre gleichmäßige Intonation wie eine Planierraupe wirken. Alles vermischt sich.

Es folgen  „Human Being“, „Manhattan“, „3,6,9“, unterbrochen von älteren Sachen. Ein letzter Höhepunkt dann das energisch herausgeschleuderte Ruin: „Bitching, complaining, when so many people ain´t got shit to eat … What are we doing, sittin on a ruin.” Doch so schlimm fühlt sich dieser Abend dann wirklich nicht an. Man nimmt sich vor, wieder mehr alte Songs von Cat Power zu hören. Ganz für sich allein. Ohne die anderen.

 TEXT: ARNE KOLTERMANN // FOTOS: MICHAELA NEUKIRCH


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