curt liest: „Giftgrün“
von Bettina Plecher

„Erst wenn der letzte deutsche Lehrer und der letzte deutsche Journalist einen Regionalkrimi geschrieben haben werden, werdet ihr merken, dass man’s auch übertreiben kann.“ Axel Hacke hat es im SZ-Magazin auf den Punkt gebracht. Dennoch waren wir – trotz aller Zweifel – neugierig auf den Münchner Kriminalroman „Giftgrün“ von Bettina Plecher.

Giftgrün Bettina Plecher

Unsere Zweifel wurden – zumindest was das Cover angeht – vollauf bestätigt. Da will doch wieder ein Verlag – hier: der Rowohlt Taschenbuch Verlag rororo – ganz oben auf der weiterhin hoch schäumenden Welle der Regionalkrimis mitschwimmen. So zumindest unsere anfängliche Vermutung. Bärlauchpesto vor Münchner Stadtsilhouette samt Alpenpanorama. Hier kommen also all jene auf ihre Kosten, die in erster Linie ihre Heimat wiedererkennen wollen. Quasi a bisserl Gänsehaut vor der eigenen Haustüre. Handlung und Schreibe bitte nicht zu anspruchsvoll – gefällig soll es sein. Dachten wir! Jetzt wissen wir: Erst lesen, dann mäkeln. Denn die gebürtige Pasingerin Bettina Plecher hat uns positiv überrascht.

Doch zunächst zum Inhalt: Frieda May folgt ihrem Doktorvater Gabor Nader von Würzburg an die Münchner Eisbachklinik, um dort ihre erste Stelle als Stationsärztin anzutreten. Weil es denn ein Kriminalroman ist, verstirbt der leitende Oberarzt Nader kurze Zeit später an einer Vergiftung: Die Klinikleitung geht davon aus, dass der Hobbykoch beim Kräutersammeln im Englischen Garten Bärlauch mit der hochgiftigen Herbstzeitlosen verwechselt hat. Soll ja schon des Öfteren vorgekommen sein. Frieda und ihr neuer Mitbewohner, der eigenbrötlerische Toxikologe Quirin Quast, vermuten hingegen Böses und ermitteln auf eigene Faust.

Um es gleich klarzustellen: „Giftgrün“ ist kein Regionalkrimi im eigentlichen Sinne. Er spielt in München, hat Lokalkolorit, aber die Autorin begnügt sich keinesfalls damit, den Pseudokrimi-Stadtführer zu geben. Ihr Hauptaugenmerk liegt vielmehr auf der überzeugenden Darstellung eines Klinikalltags, der von streng hierarchischen Strukturen beherrscht wird. Oben buckeln, unten treten – diese Devise ist regional nicht begrenzt. Wenn krankhafter Ehrgeiz, Geltungssucht, Neid und Missgunst, Vetternwirtschaft und Intrigen hinzukommen, ist dies der perfekte Rahmen für einen Kriminalroman. Und Bettina Plecher weiß ganz offensichtlich, wovon sie schreibt, ist sie doch mit einem Klinikarzt verheiratet.

Weiterer Pluspunkt: Die Autorin lässt die gängigen Regionalkrimi-Ermittler à la Hauptkommissar oder Pathologin außen vor und gibt mit frisch gebackener Stationsärztin May und Alt-Toxikologen Quast einem ungleichen Hobbydetektiv-Duo den Zuschlag. Und auch wenn die Ermittlungen der beiden keine nervenaufreibende Spannung bieten, so hält Bettina Plecher den Leser doch beharrlich bei der Stange.

Woran es liegt? „Giftgrün“ ist schlicht ein stimmiges Werk: gut gezeichnete, wenn auch zum Teil etwas stereotype Charaktere, ein durchdachter Plot, lebendige Dialoge, sichere Schreibe. Wenn dann noch bayerische Mundart und wohlbekannte Schauplätze der Stadt einfließen, ist das für München-Liebhaber ein zusätzliches Zuckerl.

Das curt-Fazit: Nicht der ganz große Wurf, aber ein überaus kurzweiliger Erstling, der sich nicht nur im Englischen Garten hervorragend lesen lässt.

TEXT: Mirjam Karasek


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Quasselstrippende Lektorin und Mutter eines ebenfalls sehr redseligen jungen Kerlchens. Geht gerne auf Überraschungskonzerte und Flohmärkte, liebt Kommas an der richtigen Stelle, 70er-Jahre-Lampen ... Seit drei Jahren mischt sie bei curt als Online-Redakteurin und als Lektorin/Schlussredakteurin beim Magazin mit.