Kino: Auf der Couch in Tunis

Die französische Psychologin Selma (Golshifteh Farahani) hat einen Traum. Sie möchte in ihr Heimatland Tunesien zurückkehren, um dort eine Praxis für Psychotherapie zu eröffnen! Schließlich ist das Land im Wandel, die Zeit ist also gekommen – dachte sie. Tatsächlich gestaltet sich das Vorhaben ein wenig schwierig. Die Menschen vor Ort sind überaus skeptisch, was so eine Therapie eigentlich bringen soll. Hinzu kommen organisatorische Probleme wie etwa die Suche nach dem geeigneten Ort oder die Beschaffung der notwendigen Papiere. Doch trotz der anfänglichen Schwierigkeiten: Immer mehr Menschen kommen zu ihr, um über den Alltag und die Probleme zu reden, für die es vorher keinen Platz in dem Land gab …

Die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Manele Labidi, die mit „Auf der Couch in Tunis“ ihr Debüt gibt, erzählt von Wechseln und schwierigen Änderungen. Vor allem erzählt sie aber von zahlreichen Menschen, die irgendwo auf der Suche sind. Sie begleitet sie eine Weile auf dem Weg zu einem Leben, von dem keiner so genau sagen kann, wie es am Ende aussieht. Dass sie dafür Tunesien als Schauplatz ausgesucht hat, ist nicht nur aufgrund ihrer eigenen Biografie naheliegend, lebt sie doch selbst als Tochter tunesischer Einwanderer in Frankreich. Das Land ist zudem wie kaum ein anderes im Wandel. Nach der Revolution 2010/11 wurde Tunesien der erste demokratische arabische Staat. Doch wenn ein Volk über Jahrzehnte autoritär regiert wurde, dann ist das natürlich prägend. Viele der Figuren sind irgendwie unsicher, wie sie damit umgehen sollen. Während die einen auf alte Werte pochen, wollen andere endlich weiterkommen.

„Auf der Couch in Tunis“ wird auf diese Weise zu einem Querschnitt der Gesellschaft, zeigt die Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit des nordafrikanischen Landes. Hier wird eine improvisierte Praxis auf einem Dach zu einem Ort der Begegnung. Allein die Wahl dieses Schauplatzes zeigt vorab, dass Labidi dem Stoff mit Humor begegnet. Sie spart zwar nicht mit ernsten Elementen, motiviert auch zu einer bewussten Auseinandersetzung, versucht sich aber an einer Leichtigkeit, anstatt daraus ein nüchternes Drama machen zu wollen.

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Die thematische Vielfalt ist dabei beachtlich. Einige Geschichten sind sehr persönlicher Natur, handeln beispielsweise von familiären Bindungen oder auch einer ungelebten Sexualität. Ein anderer Fall handelt von Mobbing, der bis zu einem Selbstmordversuch führt, der offiziell natürlich keiner sein kann. An der Stelle zeigen sich die Stärken des geschickt gewählten Szenario Labidis. Immer wieder geht es um das Spiel zwischen Fassade und Kern. Die Tragikomödie zeigt die vielen Widersprüche zwischen einem öffentlichen Leben und dem, was eigentlich in den Leuten vorgeht. Sie verbindet dies zudem mit Ausführungen zu der Rolle der Frau und dem Verhältnis zwischen Tunesien und Frankreich, welches Ende des 19. Jahrhunderts das Land eroberte und anschließend maßgeblich prägte.

Teilweise wirkt das schon etwas idealisierend, etwa bei der Figurenzeichnung. Labidi vermeidet es, auf die nach wie vor problematischen Aspekte des Landes einzugehen – gerade im Bereich LGBT. Zudem hat „Auf der Couch in Tunis“ mit dem Problem zu kämpfen, das episodenhaften Geschichten immer mit sich bringen. Es fehlt der rote Faden. Der Film ist eine Aneinanderreihung von Anekdoten, was zwischendurch schon mal zu einem kleinen Durchhänger führen kann. Insgesamt ist das Debüt aber gelungen. Der Film ist eine charmante Momentaufnahme, die gleichzeitig zurück und nach vorne schaut und nicht zuletzt wegen der selbstbewusst auftretenden Golshifteh Farahani unterhält.

Fazit: In „Auf der Couch in Tunis“ kehrt eine französische Psychotherapeutin in ihr Heimatland Tunesien zurück, um dort eine Praxis zu eröffnen und stößt dabei auf jede Menge Widerstände. Die charmante Tragikomödie ist dabei einerseits Geschichte einer Frau, die für eine Öffnung kämpft. Sie ist gleichzeitig ein Querschnitt durch ein Land im Wandel und der Widersprüchlichkeit.

Wertung: 7 von 10

„Auf der Couch in Tunis“ // Regie: Manele Labidi // Besetzung: Golshifteh Farahani, Majd Mastoura, Aïcha Ben Miled, Feriel Chamari, Hichem Yacoubi, Najoua Zouhair // Kinostart: 30. Juli 2020