1. Dezember im Zenith: CLUESO

Ganze drei Jahre ist es her, dass Clueso sein letztes Album veröffentlicht hat. Dazwischen ist viel passiert: Auftritte in ausverkauften Hallen, Songs zusammen mit Wolfgang Niedecken und Udo Lindenberg. Es folgte ein Jahr Bühnenabstinenz, in der Thomas Hübner auf Fuerteventura surfen war und mit dem Opa zum Angeln ging.

An einem sonnigen Sonntagnachmittag im September packten wir eine Picknickdecke ein und verabredeten uns mit Clueso am Eisbach: auf Erdnüsse und ein entspanntes Gespräch über das Leben, die Musik und seine bevorstehende Tour.

Du hast in deiner Kreativpause das Surfen für dich entdeckt. Kitzelt es ein bisschen, jetzt hier am Eisbach zu sein und den Surfern zuzusehen?
Es kitzelt nicht, weil ich mir nicht vorstellen könnte, in diese Welle zu hüpfen. Es kitzelt mich aber insofern, weil es unglaublich Spaß gemacht hat. Ich habe gemerkt, dass Surfen mir total liegt. Es war ein schönes Erfolgserlebnis, die ersten Wellen zu stehen. Ich kann mich gut halten, weil ich viel Longboard gefahren und geskatet bin. Aber hier sind Profis, die schon an vielen Spots gesurft haben. Der Mix aus Schaulustigen und Szeneleuten hier ist toll. Der Eisbach ist ein Ort, auf den die Stadt achten muss, weil er magisch ist. Das Lebensgefühl, das Brett unter den Arm zu stecken, ist einmalig.

Unsere letzte Ausgabe widmete sich dem Thema „Heimat“. Was bedeutet Heimat für dich?
Meine erste Assoziation: der Ort, aus dem man stammt, und die ersten Kindheitserinnerungen. Es gibt eine Grundheimat, bei der gewisse Gefühle aufkommen. Das ist für mich ganz klar Erfurt, meine Wahlheimat. Wobei ich nicht gegen andere Städte bin, aber ich habe dort alles, was ich brauche: Umfeld, Tools und Menschen, die den Begriff Heimat ausmachen. Dort ist eine Gruppe von Leuten, bei denen ich mich wohlfühle. Ansonsten kann man sich überall heimisch fühlen. Wenn wir ein Konzert geben und merken, dass ringsherum alles perfekt ist, empfinden wir schnell dieses heimische Gefühl und entwickeln eine persönliche Komfortzone.

Clueso Interview curt München

Foto: Adrian Leeder

Spiegelt sich davon etwas im neuen Album „Stadtrandlichter“ wider?
Ja, vor allem weil die Bedeutung von „Heimat“ heute einen anderen Stellenwert für mich hat. Früher war mir unwichtig, wo und wie ich lebte. Hauptsache, ich habe irgendwo schlafen können. Ich war viel unterwegs, ständig unter Strom. Jetzt habe ich es mir heimisch gemacht, mit meinem eigenen Studio, meiner WG und den vielen anderen Künstlern um mich herum. Und wenn einem etwas am Herzen liegt, dann bekommt man auch ein bisschen Angst. Dann kommen Gefühle auf und man fragt sich: Passt das alles und zu mir? Bleibt alles so, wie es ist? Muss man noch einmal woanders hin und wie wird es weitergehen? Mit 34 Jahren bekommt man langsam ein Gefühl dafür, wie lang man auf dem Planeten ist. Das alles nicht mehr so unendlich ist. Ich bin Musiker, das ist mein Lebensweg. Vielleicht reiße ich die Biografie noch einmal an, aber momentan sieht es so aus, als werde ich mit der Musik älter. Das Album ist eine kleine Reise ins Ich, in die Vergangenheit und das Hier und Jetzt.

Wie lange hast du an den Songs geschrieben?
Ich mache verschiedene Arten von Musik. „Stadtrandlichter“ ist ein großes Band-Album, ein Pop-Album mit Weitsicht, das Platz braucht. Ich hatte weitere drei bis vier Songs und kochte auf mehreren Herdplatten. So ist z. B. ein Reise-Album entstanden, was ich mir demnächst genauer anschauen werde. Diese Herdplatte habe ich allerdings erst einmal ausgeschaltet, weil „Stadtrandlichter“ heißer war. Auf Reisen nehme ich stetig Songs auf. Ich mach immer Songs und skizziere. Für mich ist Musik ein Bedürfnis wie Essen und daher gibt’s bei mir ein unglaubliches Archiv. Ich hab jetzt Songs ausgesucht, die am besten zueinander stehen und sich ein bisschen bekämpfen. Es gibt Lieder auf dem Album, die nicht den typischen Clueso-Sound haben und nebeneinander Reibung erzeugen.

Clueso Interview curt München

Foto: Adrian Leeder

Sind auf „Stadtrandlichter“ Songs dabei, die bereits länger in der Schubalade lagen?
„Pack meine Sachen“ ist sieben Jahre alt und hatte es bisher nie geschafft. Jetzt habe ich ein Gewand gefunden, dass mir gefällt: eine Art positive Wut, mit der das Album einsteigt. An dieser Stelle verabschiedet sich Clueso vom alten Clueso. Die Romanfigur startet mit dem Zuhörer auf eine energetische Reise.

Die Tour wird in zwei bayerischen Städten Halt machen: Hof und München. Wie kommt es, dass ihr nicht in einem großen Haus in Nürnberg startet?
Wir haben immer gerne in solch kleinen Städten begonnen, die man nicht auf dem Schirm hat. Das ist einerseits gut, um warm zu werden, andererseits wird man sehr herzlich empfangen. In diesen Regionen gibt es keine Übersättigung. Man bekommt die heimatliche Stimmung zu spüren.

Was dürfen sich die Fans von der Tour erwarten?
Über die Jahre hat sich viel getan. Viele kleine Gewerke haben sich um das Clueso-Projekt gebildet und alle haben bei anderen Bands Erfahrungen gesammelt. Wir arbeiten am Konzept und ich lass mich gerade überraschen, welche Ideen jeder Einzelne des Clueso-Teams mit einbringt.

Wie sieht eigentlich deine perfekte Setlist aus?
Die perfekte Setlist ist komischerweise eine, bei der man es einfach gestaltet und es sich gleichzeitig schwer macht. Sie bedeutet Spaß für die Band und Anspruch für das Publikum. Man hat eine Art schamanische Aufgabe, denn eine Band, die ihren größten Hit nicht spielt, hat andere Schwerpunkte. Ich kann verstehen, dass Radiohead keinen Bock mehr auf „Creep“ hat. Wir wollen auch nicht immer „Chicago“ spielen, aber man muss die Leute sozusagen befreien, indem man ihnen den Song gibt, mit dem sie viele persönliche Gedanken und Erlebnisse verbinden.

Welche Träume hast du für die Zukunft?
Ich möchte, dass es weiter so läuft wie bisher. Mit dem eigenen Label geht nochmal ein neuer Raum auf, der mich kreativ bleiben lässt. Ich möchte gerne mehr ausprobieren und vielleicht bringe ich Musik raus, die man nicht unbedingt erwartet. Wenn ich meine Archive anschaue, gibt es unglaublich viel Instrumentalmusik. Mein Reise-Album entstand zwischen Tür und Angel. Man hört Türen zuklappen und Leute quatschen. Es kann natürlich sein, dass dadurch die Aufmerksamkeit von den Radios nachlässt. Aber das sind alles Ideen. Ich verspreche lieber nichts. (Lacht)

Werden auf dem eigenen Label auch anderen Musiker veröffentlicht?
Das ist nicht die Idee. Es ist ein One-Artist-Label. Die Kapazitäten sind krass erschöpft und in jeder Form ausgereizt. Wenn es sich ergeben sollte, muss ich mich in die Musik verknallen. Der Schwerpunkt wäre klar: deutscher Text und Ton.

Die Gewinner unserer Kartenverlosung wurden gezogen und informiert!


Clueso live in concert >> Hof – 24. November, Freiheizhalle // München – 1. Dezember, Zenith