Im Kino: Capernaum – Stadt der Hoffnung

Zain (Zain Al Rafeea) mag erst zwölf Jahre alt sein. Doch in dieser Zeit hat der libanesische Junge schon jede Menge erlebt. So musste er mitansehen, wie seine Eltern seine jüngere Schwester verkaufen! Aber auch er selbst hat viel Unheil angerichtet. Derzeit sitzt er im Jugendgefängnis, weil er jemanden niedergestochen haben soll. Dabei hätte das alles verhindert werden können, hätten ihn seine Eltern nicht geboren. Und eben das macht er ihnen zum Vorwurf, schleppt sie sogar vor Gericht, um sie zu verklagen. Denn jemand wie sie hätte niemals Kinder bekommen dürfen …

Die meisten von uns dürften schon einmal in der Situation gewesen, in der wir uns fragen, warum wir überhaupt geboren wurden. Und auch der Gedanke, dass manche Eltern keine Kinder bekommen sollten, ist nicht unbedingt fremd. Genügend Beispielen läuft man im Alltag ja über den Weg. Aus beidem aber einen Film zu machen, das ist schon ein starkes Stück. Nadine Labaki hat dies getan, als Regisseurin und Co-Autorin, jahrelang an dem Drama über den jungen Zain gearbeitet, der seine Eltern verklagt.

Die Gerichtsverhandlung ist dabei jedoch eine Rahmenhandlung. Grundsatzdebatten um Verantwortung und das Kinderkriegen gibt es keine. Man hätte den kompletten Aspekt der Klage sogar rauslassen können, ohne dass es wirklich etwas geändert hätte. Denn im Mittelpunkt steht nicht die Auseinandersetzung zwischen dem Jungen und seinen Eltern. Vielmehr führt „Capernaum“ vor Augen, was Zain überhaupt dazu veranlasst hat, derart wütend auf seine Eltern und die ganze Welt zu sein.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=fPpJC29FFFs

Der deutsche Untertitel „Stadt der Hoffnung“ ist dabei bewusst irreführend. Denn Hoffnung gibt es in dem Film keine, weder für Zain noch seine Familie, noch die zahllosen anderen Kinder und Verlierer im Libanon. Labaki zeigt eine Gesellschaft, in der zu viele an den Rand gedrängt und dort vergessen wurden. Die oftmals auch gar nicht existieren, weil nicht einmal das Geld für eine offizielle Dokumentation reicht. Zain ist kein Einzelfall, steht stellvertretend für die vielen anderen im Stich gelassenen Kinder. Das Drama ist nicht einmal ein rein libanesisches Gesellschaftsporträt. Stattdessen ist zu spüren, wie die zweifache Mutter Labaki die Gemeinschaft für die Probleme der Schwächsten sensibilisieren will.

Das ist naturgemäß harte Kost, zumal „Capernaum“ sehr eng an den Figuren bleibt. Labaki arbeitete hier ausschließlich mit Laiendarstellern, die selbst aus prekären Verhältnissen kommen. Das dokumentarisch wirkende Sozialdrama geht schnell an die Nieren, ohne dabei billig die Gefühle des Publikums manipulieren zu wollen. Wie hier von einem Tag auf den nächsten gelebt wird, Zain zu ebenso verzweifelten wie kuriosen Mitteln greift, um sich über Wasser zu halten, das ist schon ein schmerzhaftes und eindringliches Plädoyer. Eine wirkliche Konsequenz ergibt sich daraus nicht, da auch die Gerichtsverhandlung seltsam folgenlos bleibt. Doch auch so brennt sich der Film ins Gedächtnis und weckt zumindest für eine Weile den Willen, doch wieder genauer hinzuschauen.

Fazit: Die Rahmenhandlung um einen Jungen, der seine Eltern dafür verklagt, ihn geboren zu haben, ist kurios. Doch dahinter verbirgt sich ein hartes Sozialdrama über Straßenkinder bzw. allgemein Menschen am Rand der Gesellschaft, das auch deshalb an die Nieren geht, weil es sehr dokumentarisch aufgezogen ist.

Wertung: 8 von 10

Regie: Nadine Labaki; Darsteller: Zain Al Rafeea, Yordanos Shiferaw; Kinostart: 17. Januar 2019