Gehört: Blonde Redhead – Barragán

Blond und rote Haare, ist das nicht ein Widerspruch? Das mag schon sein. Aber an Widersprüche muss man sich gewöhnen, wenn zwei italienische Zwillinge mit einer japanischen Sängerin in den USA Musik machen und dabei von Album zu Album die Stilrichtung wechseln. Und manchmal eben auch innerhalb eines Albums.

Nehmen wir „Barragán“, das neunte Album des Trios, das gerade frisch in die Läden gekommen ist. Eine fröhliche Weise liegt in der Luft, gespielt irgendwo auf einer Flöte. Und horch, ist das nicht ein Vöglein, das wir im Hintergrund zwitschern hören? Nein, mit dem Noise Rock ihrer Anfangstage vor mittlerweile zwanzig Jahren haben sie beim Opener und Titellied selbst mit sehr viel Fantasie so gar nichts mehr gemeinsam. Dann schon eher mit Jethro Tull, sollten die sich eines Tages entscheiden, sich auf einer Wiese zu versammeln und Naturgötter anzubeten.

Diese lassen wir jedoch schnell hinter uns, begeben uns in „Lady M“ stattdessen lieber an Bord eines Raumschiffs und gleiten sanft durch ein Kaleidoskop aus rotierenden Regenbogentunneln, gleichmäßigen Drumbeats und lustigen Hintergrundgeräuschen, eingehüllt von Kazu Makinos ätherischer Stimme. Überhaupt hat „Barragán“ oft etwas Sphärisches an sich, etwa beim spacigen „Dripping“, bei dem Amedeo Pace – einer der beiden Zwillinge – das Mikro ergreift und das ein wenig an MGMT erinnert. Und selbst bei „The One I Love“, das so klingt, als hätte Portishead-Sirene Beth Gibbons ein Folklied aus dem Mittelalter vertont, werden verzerrte Klänge eingebaut, die nicht ganz von dieser Welt sind.

Immer wieder werden auf diese Weise neue Elemente eingeführt, wie die jaulenden Gitarrenriffs in „No More Honey“ oder das elektronische Geblubber in „No More Honey“. „Defeatist Anthem (Harry And I)“ wiederum hätte man sogar problemlos in mehrere Lieder aufspalten können, so oft wechselt das Stück in seinen sechs Minuten seine Verkleidung. Dabei ist „Barragán“ alles andere als überladen. Im Gegenteil, nach dem Motto weniger ist mehr arbeiten Blonde Redhead mit einer sehr spärlichen Instrumentierung und lassen ihren Klängen viel Raum zur Entfaltung, soll doch der Zuhörer die vielen Leerstellen im Kopf ausfüllen. Manchen wird dieser Dreampop sicher zu langweilig sein, zu minimalistisch, um dabei wirklich Spaß zu haben.

Geduldigere Zeitgenossen werden dafür mit einem sich ständig erweiternden Soundteppich belohnt, auf dem man sich am besten mit geschlossenen Augen treiben lässt. Und wenn wir im wunderschönen, melancholischen Abschluss „Seven Two“ allmählich in einem Rauschen verschluckt werden, hören wir ganz zum Schluss sogar wieder die Vögel vom Anfang. Sind wir wieder zurück? Sind wir überhaupt je weg gewesen? War das alles nur ein Traum? Vielleicht ja, vielleicht nein. Wie so oft ist hier die Reise das Ziel. Und wenn am Ende diverse Fragen offenbleiben und man das Album deshalb lieber wieder von vorne hört, wer sich da schon ernsthaft drüber beklagen?


 

Blonde Redhead – „Barragán“ // Asawa Kuru Llc (rough trade) // VÖ: 5. September 2014