Porträt: Behind the Green Door

Behind the Green Door. A Psychedelic Shelter

Midnight, one more night without sleeping
watching till the morning comes creeping
green door, what’s that secret you’re keeping?
Jim Lowe, The Green Door

Es gibt sie, diese Nächte, in denen alles zusammenkommt. Die Sehnsucht nach etwas Neuem, der Hunger nach einem kleinen Abenteuer und das Kribbeln, weil es so noch nie da war und sogar ein wenig gefährlich anmutet. Ein solches Szenario lässt sich seit einigen Monaten im Kreativquartier am Leonrodplatz beobachten, wenn sich Hunderte Menschen vor den kleinen Studios und Ateliers tummeln, ins Import Export stürmen und dieses bis ins Morgengrauen nicht mehr verlassen.

Keineswegs hat hier der nächste Club aus der Feder eines angeblich bemerkenswerten Szene-Moguls eröffnet. Doch trotzdem kommen sie in Scharen und zusammen treten wir ein, hinter die Tür, Behind the Green Door

Veit Oberrauch, seines Zeichens Gitarrist der Heavy-Psychedelic-Blues-Band Mount Hush und in der Münchner Szene alles andere als grün hinter den Ohren, ist es leid zu hören, dass diese Stadt außer jungen Affen, die der „Feierbanane“ nachlaufen, um das Geld ihrer Eltern in überteuerte Longdrinks zu investieren, nichts zu bieten habe. „Als Musikschaffender, kreativer Mensch ist das frustrierend, aber es hilft nichts zu jammern, man muss eben etwas tun“, so sein Kredo, mit dem sogleich eine Idee geboren war: Behind the Green Door – ein Kollektiv für musikalische Sinneserfahrungen der anderen Art.

„Es muss wieder mehr Platz für Musik abseits vom Mainstream geben, denn das ist die Wiege der Kultur. Der nächste Jimi Hendrix steht nämlich nicht in der Olympiahalle, sondern auf unserer Bühne. Ich würde es als ideologisches Kollektiv bezeichnen, da mir viele Leute bei der Umsetzung meiner Visionen helfen.“

Behind the Green Door
Foto: Vincenzo Buscemi

Das Psychedelische spielt für Veit eine außerordentlich wichtige Rolle. Aus dem Altgriechischen übersetzt steht „die offenbarte Seele“ seit den 60ern für einen Zufluchtsort vor dem, was wir als Realität bezeichnen. Das Verborgene entdecken und den Kopf vom Alltagswahnsinn befreien, dafür setzt sich Behind the Green Door ein und mit ihm eine ganze Reihe an Vertretern der ungeahnt vielfältigen Münchner Szene, wie etwa Black Voodoo Train, Karaba, Skurreal, JJ Whitefield (Karl Hector & the Malcouns, Embryo) Rosa Red, Seducation und viele mehr.

Mit jenen Künstlern, Bands und DJs arbeitet Behind the Green Door eng zusammen, wobei es das hehre Ziel ist, eine lebendige Szene zu schaffen, die im regen Austausch steht. Mit dem DJ und Produzenten Thur Deephrey hat Veit Ende 2017 einen Gleichgesinnten gefunden, mit dem er fortan gemeinsam an neuen Projekten arbeitet und so neben einer Vielzahl an Konzerten und Sessions auch monatlich die schon jetzt legendären Psychedelic Porn Funk Experiences heraufbeschwört.

In einer Melange aus dem Geist der sexuellen Revolution der 60er und 70er entsteht im Zusammenspiel mit dem Publikum, teils expliziten Vintage-Filmen und berauschenden Visuals jener Zufluchtsort, den sie als Psychedelic Shelter fernab von hektischem Strobo-Licht und Getränkespecials der hiesigen Clublandschaft bezeichnen.

Doch wie bei Alice im Wunderland lebt auch die grüne Tür von ihrer Doppelbödigkeit. Neben den ausschweifenden Partys im Kreativquartier startet nun die erste psychedelische Abfahrt im The Lovelace Hotel und mit ihm die Veranstaltungsreihe „in bed with“. Mit ihr soll ein Gegenpol geschaffen werden, ein entschleunigter Ort mit guter Musik, offenen Menschen und intimer Atmosphäre, in der eine Vielzahl an psychedelischen Akteuren zum verträumten Gute-Nacht-Lied unter die Decke schlüpfen wird. Und was eignet sich hierfür besser als ein Hotelzimmer?

Dabei wirkt das Lovelace aufgrund seiner Lage, trotz aller Underground-Bemühungen und Werbe-Gags, oftmals befremdlich für eine alternative Szene. Doch genau das mache es in Veits Augen spannend: „München ist nun mal so und genau solche Strukturen müssen wir aufbrechen, anstatt sie zu meiden. Diese Infiltration ist unser Beitrag zur Heterogenisierung der Stadt.“
Und so folgen wir der lieben Alice noch tiefer in den Kaninchenbau von Behind the Green Door, hinein in ein surreales Erlebnis zwischen Fear and Loathing und Boiler-Room-Party.

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Der Artikel ist in unserer Printausgabe curt #89 erschienen.



Fotos: Vincenzo Buscemi > Homepage