Auf DVD/Blu-ray: Liebe

Ein Film übers Sterben, wenig sentimental, kompromisslos: Leichte Kost ist das sicherlich nicht. Und doch war „Liebe“ bei der Oscarverleihung für fast alle großen Kategorien nominiert. Gewonnen hat er zwar nicht, ein „ausgezeichneter“ Film ist er aber dennoch.

„Es ist schön.“
„Was?“
„Das Leben. So lang.“

Geradezu beiläufig sagt sie diesen Satz, während ihre Finger über die vergilbten Fotos des Familienalbums gleiten. Lang ist ihr Leben zu dem Zeitpunkt, ja, über 80 ist Anne bereits. Ein glückliches Leben war es, an der Seite ihres ergebenen Mannes George. Bis ins hohe Alter sind die beiden körperlich wie geistig fit, aktiv, besuchen etwa Konzerte von Annes ehemaligem Klavierschüler Alexandre.

Aber so richtig schön ist es nicht mehr, seit ein Schlaganfall und eine missglückte Operation Anne zugesetzt haben. Halbseitig gelähmt ist sie seither, muss im Rollstuhl sitzen, braucht selbst beim Anziehen und dem Schneiden ihres Essens Hilfe. George gibt sich zwar sichtlich Mühe, ihr alles abzunehmen, kümmert sich aufopferungsvoll um sie, will sie vom Wert ihres Lebens überzeugen. Schließlich ist Anne seine Seelenverwandte, die Frau, mit der er sein ganzes Leben geteilt hat, und er ist nicht bereit, sie aufzugeben.

Doch für die stolze, unabhängige Frau ist die Hilflosigkeit eine Qual; ein überaus gesunder Geist, gefangen in einem Körper, der ihr nicht mehr gehorcht, ihr nicht mehr gehört. Vor allem, als sie einen zweiten Schlaganfall erleidet und sie als Folge komplett ans Bett gefesselt ist und kaum noch sprechen kann, verzweifelt sie an ihrem Schicksal. Noch immer versucht George, ihr beizustehen, doch auch seine Kräfte schwinden und in ihm macht sich Verbitterung breit. Zunehmend muss er sich selbst fragen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, seine große Liebe gehen zu lassen.

Ein französischsprachiger Film, der für den besten Film, Regie, Hauptdarstellerin und Drehbuch nominiert ist, das hat sicherlich Seltenheitswert. Fast schon ein Märchen, so wie „The Artist“ letztes Jahr. Aber „Liebe“ hat wenig mit dem Vorjahresgewinner gemein. Eine Frau, die auf einmal Windeln tragen muss und nur noch „Hilfe“ schreit, weil sie nicht mehr sprechen kann – märchenhaft ist das nicht. Und ein „und wenn sie nicht gestorben sind“ gibt es auch nicht. Denn gleich zu Beginn sehen wir die Leiche von Anne. Der Film erzählt also die letzten Wochen aus ihrem Leben.

Liebe Film Kino

Insofern verwundert es auch nicht, dass der Film letztendlich bei den großen Preisen leer ausging, sich „Argo“ geschlagen geben musste, „Life of Pi“, „Django Unchained“ und auch „Silver Linings“. Allesamt Filme, die an den amerikanischen Kinokassen mindestens zwanzig Mal so viel eingespielt haben. Nur der Trostpreis als bester nicht englischsprachiger Film sprang für Regisseur Michael Haneke raus.

Immerhin, Emanuelle Riva darf sich damit rühmen, mit 85 Jahren die älteste je für einen Oscar nominierte Hauptdarstellerin zu sein. Sie ist es auch, die zusammen mit Jean-Louis Trintignant dem Film Leben einhaucht. Denn gerade für eine derart unspektakuläre Geschichte – die letzten Wochen eines alten Ehepaares – braucht es Schauspieler, die einem das Geschehen nahebringen. Was den beiden ohne Wenn und Aber gelingt, in vielen rührenden und teils äußerst schmerzvollen Szenen. Zusammen spielen die beiden französischen Altstars überzeugend ein Paar, das sich tatsächlich liebt, bis dass der Tod sie scheidet. Große Gesten sind da fehl am Platz, es sind sogar gerade die ungeschönten, lebensnahen Situationen, die einem die Kehle zuschnüren.

Ebenso schonungs- und schnörkellos fällt auch die Inszenierung des Österreichers Haneke aus. Nach dem Auftakt des Films spielt die gesamte Handlung in der geräumigen, eher spärlichen Pariser Wohnung des Paares. Nur vereinzelt tauchen weitere Figuren auf, etwa die Tochter der beiden oder die Pflegerinnen. Auch musikalisch gibt es kein Entkommen, Haneke verzichtet völlig auf gefällige Hintergrundbeschallung. Selbst die Dialoge fallen mitunter spärlich aus. So kommt es durchaus vor, dass über längere Zeit nichts gesagt wird und wir nur die Stille der Wohnung hören, die niemand mehr füllen kann.

Schön ist das nicht, streng genommen vielleicht nicht einmal unterhaltsam. Aber ungemein wirkungsvoll, denn „Liebe“ zeigt so auf ungeschminkte Weise nicht nur das Ende eines Menschen, sondern auch die hässliche Zeit davor. Haneke und seinen beiden Schauspielern ist damit ein leiser, aufwühlender Film gelungen, über den Kampf um Würde, wenn der eigene Körper sie einem verwehrt. Was es heißt, wenn ein geliebter Mensch vor den eigenen Augen langsam im Nichts verschwindet. Und darüber, was von einem übrig bleibt, nachdem das Familienalbum geschlossen wurde.

„Liebe“
Regie: Michael Haneke; Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert; VÖ: 22. Februar 2013

TEXT: Oliver Armknecht