Auf DVD/Blu-ray:
Thriller-Special – Teil 1

Beim Thema Abhörskandal und Whistleblower auf der Flucht könnt ihr nur mit den Schultern zucken? Auch Terror in Mali und Tote in Syrien lassen euch kalt? Dann haben wir vielleicht etwas Besseres für euch: curt hat sich für euch umgesehen, was der aktuelle Thrillermarkt so zu bieten hat.

„The Call“

Leute, die sich verirrt haben oder vor Fledermäusen fürchten – die meisten Anrufe, die die Notrufzentrale der Polizei entgegennehmen muss, gehören nicht unbedingt der Kategorie „Hochspannung“ an. Dass das jedoch ein Segen sein kann, stellt die Telefonistin Jordan Turner fest, als eine Anruferin noch während des Gesprächs entführt und später tot aufgefunden wird. Eine traumatische Erfahrung, aufgrund derer die von Selbstvorwürfen zerfressene Jordan sich aus dem aktiven Dienst zurückzieht und stattdessen lieber unterrichtet. Bis eines Tages ein neuer Anruf eingeht: Wieder wurde ein junges Mädchen entführt und liegt nun eingesperrt im Kofferraum des Kidnappers. Deren einzige Verbindung nach draußen ist ein nicht ortbares Prepaid-Handy, ihre einzige Chance auf Rettung Jordan, die nun die Gelegenheit bekommt, ihren früheren Fehlschlag wieder auszugleichen.

Eine Frau am Telefon, ein Mädchen im Kofferraum – bei einem derart eingeschränkten Setting braucht es schon einige gute Ideen, damit das nicht schnell langweilig wird. Überraschenderweise holt „The Call“ sogar ziemlich viel aus der Situation heraus, lässt die Protagonisten intelligenter handeln, als man es erwarten müsste, und sorgt so zumindest die erste Hälfte für gute Spannung. Natürlich lässt sich ein solches Szenario aber nicht über einen ganzen Film hinweg aufrechterhalten, ohne dass es ermüdend wird. So richtig geglückt ist die Alternative aber nicht. Man spürt zwar, dass die Drehbuchautoren versuchten, die Zuschauer mit überraschenden Wendungen bei Laune zu halten. Was sicherlich clever gemeint war, entpuppt sich bedauerlicherweise aber als zu konstruiert, als überflüssiger Ballast und ganz zum Schluss sogar als richtig ärgerlich. Da wäre weniger eindeutig mehr gewesen. Dank der spannenden ersten Hälfte und der soliden Schauspieler reicht es aber immerhin zum oberen Durchschnitt.

Regie: Brad Anderson; Darsteller: Halle Berry, Abigail Breslin, Morris Chestnut; Kinostart: 11. Juli 2013

„Get the Gringo“

Nein, den Coup hat sich Driver ganz anders vorgestellt. Die Millionen aus dem Raub hat er zwar, dafür aber die Grenzpolizei der USA und die von Mexiko am Hals. Zugegeben, letztere hat zunächst nur wenig Interesse an dem „Gringo“. Bis sie neben dem toten Clown auf der Rückbank die fette Beute entdecken. Die US-Beamten toben vor Wut, können aber nicht verhindern, dass ihr Landsmann in einem mexikanischen Gefängnis verschwindet. Dort trifft er auf Javi, Insasse und heimlicher Boss des Knastes zugleich. Klar, dass der Gringo bei Javi seine große Chance wittert. Aber er ist nicht der Einzige, der den inoffiziellen Knastpapst im Visier hat – auch ein Junge und dessen attraktive Mutter haben mit Javi noch eine Rechnung offen.

Schon ein Blick auf das absurde Setting – das Gefängnis ähnelt mit Markt, Kiosk und Kasino mehr einem Dorf – zeigt, dass hier vieles nicht ganz so ernst genommen werden sollte. Eine reine Komödie ist „Get the Gringo“ zwar nicht, hat aber mehr als genug witzige, weil übertriebene Szenen. Etwas übertrieben ist auch die Gewalt. Hier wird geschossen, geprügelt und sogar gefoltert, was das Zeug hält. Dazu passen auch die dreckigen, heruntergekommenen Unterkünfte der Sträflinge. Allzu düster ist das Regiedebüt von Adrian Grunberg aber nicht geworden. Vielmehr findet man hier den unverkrampft-naiven Bezug zu Gewalt, so wie er zu Gibsons Glanzzeiten einfach noch üblich war. Und auch dessen Rolle selbst entspricht dem, was er schon immer am besten konnte: sympathische Halunken. Wer seinerzeit ein Fan des Schauspielers war oder allgemein für Actionfilme mit Raubeincharme und etwas derbem Humor zu haben ist, sollte also auf jeden Fall einmal einen Abstecher nach Mexiko machen.

Regie: Adrian Grunberg; Darsteller: Mel Gibson, Kevin Hernandez, Daniel Giménez Cacho, Dolores Heredia; VÖ: 11. Juli 2013

„Der Hypnotiseur“

Ein Sportlehrer wird ermordet aufgefunden. Als ein Polizist die Familie über den Mord informieren will, entdeckt dieser, dass dort auch sämtliche Angehörigen ihr Leben lassen mussten. Nicht einmal vor der kleinen Tochter machte der Täter halt, schlachtete sie ebenso bestialisch ab wie die anderen. Nur der Sohn überlebt schwer verletzt und liegt im Koma. Wer könnte derart skrupellos eine ganze Familie auslöschen? Und warum? Der Polizeichef vermutet eine Racheaktion, die mit den Spielschulden des Vaters zusammenhängen. Aber Kommissar Joona Linna ist von dieser Theorie nicht überzeugt. Also soll der umstrittene Hypnotiseur Erik Maria Bark mit dem Jungen „sprechen“ und so den Mörder entlarven. Doch Letzterer lässt sich nicht in sein Handwerk pfuschen, bricht nachts bei Erik ein und entführt Benjamin. Wenn der Hypnotiseur sich nicht aus dem Fall raushält – so die Drohung –, muss sein Sohn sterben.

Die Romanverfilmung – der Film basiert auf einem Buch des schwedischen Autorenduos Lars Kepler – fängt schön stimmungsvoll an: Man fiebert mit, rätselt, was wohl der Hintergrund des Mehrfachmordes sein mag. Doch mit der Zeit setzen erste Ermüdungserscheinungen ein. Die Figuren sind in Ordnung und kompetent gespielt, aber letztendlich für Fans von skandinavischen Krimis doch zu bekannt. Das wirkliche Problem ist aber die Handlung, die zu wenige echte Wendungen und falsche Spuren enthält. Vor allem ist die eigentliche Auflösung recht enttäuschend, da sie sich zu einfach aus der Affäre zieht. Da wäre bei der Geschichte auf jeden Fall mehr drin gewesen. So bleibt ein insgesamt stimmungsvoller und kompetenter Thriller, der an einem Sonntagabend im Fernsehen nicht weiter auffallen würde – weder positiv noch negativ.

Regie: Lasse Hallström; Darsteller: Tobias Zilliacus, Mikael Persbrandt, Lena Olin, Jonatan Bökman, Oscar Pettersson; VÖ: 11. Juli 2013

„Y/N – Yes/No (You Lie, You Die)“

Keine Fenster, keine Türen, keine Gitterstäbe – aus den Räumen, in denen das Ehepaar Kate und Jake aufwacht, gibt es kein Entkommen, weder physisch noch optisch. Und auch keinen Kontakt zur Außenwelt. Sie wissen zunächst nicht einmal, dass der Partner ebenfalls in einem solchen Raum ist. Bis das „Spiel“ beginnt: Regelmäßig werden Fragen an die Insassen gestellt – allgemeine Fragen, Fragen über sie selbst, Fragen über den Partner –, die die Teilnehmer wahrheitsgemäß beantworten müssen. Doch mit einem herkömmlichen Quiz hat das Ganze nur wenig zu tun, mehr mit einem Experiment: Statt toller Preise winken hier im besten Fall neue Erkenntnisse, im schlimmsten Fall Bestrafungen wie Licht- oder Wasserentzug. Und das nicht nur für einen selbst, sondern auch für den Partner.

Trotz ähnlicher Ausgangssituation hat „Y/N – Yes/No (You Lie, You Die)“ nichts mit Gorestreifen à la „Saw“ zu tun. Stattdessen konzentriert sich der Film auf seine beiden Hauptfiguren und deren Beziehung zueinander. Sind sie wirklich das Traumpaar, für das sie sich halten? Sind sie sich des anderen tatsächlich so sicher, dass sie ihren Schlaf darauf verwetten würden? Die eigenen Beine? Schnell kommen wir da in unangenehme Bereiche, die wir vielleicht lieber nicht kennenlernen würden. Kate und Jake müssen das aber und daraus zieht der Film seine Stärke. Zusammen mit dem begrenzten Setting – die ganze Geschichte spielt in den zwei Zellen – und der unaufdringlichen, stimmungsvollen Musik entsteht eine schön klaustrophobische Atmosphäre. Leider wird der Film mit der Zeit immer konstruierter, unglaubwürdiger und teilweise sogar kitschig. Das ist ausgesprochen schade, denn mit einem besseren Ende hätte das hier richtig klasse werden können. So bleibt es aber bei einem „nur“ durchwachsenen Film mit originellen Ansätzen, der es nicht ganz mit den Großen aufnehmen kann.

Regie: Enrico Clerico Nasino; Darsteller: Ellen Hollman, John Brotherton; VÖ: 11. Juli 2013

TEXT: Oliver Armknecht