Auf DVD/Blu-ray: The Master

Dodd und wie er die Welt sah – wir alle haben nicht nur ein Leben, eine Existenz, davon ist Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman) überzeugt. Vielmehr haben wir alle schon eine ganze Reihe an Leben hinter uns, Leben, die bis heute nachwirken und uns beeinflussen, ohne dass wir es wissen. Erst durch ihn und seine Methoden – eine Mischung aus Psychotherapie und Hypnose – können wir uns an unsere früheren „Ichs“ erinnern und so die Ursache für unsere heutigen Leiden bekämpfen. Traumata sollen auf diese Weise endlich der Vergangenheit angehören, auch Leukämie sei dadurch heilbar. Derart von alten Krankheiten befreit, wäre vielleicht sogar ein friedlicherer Umgang miteinander möglich. So weit die Theorie.

The Master DVD

Krebsheilung und Weltfrieden durch ein bisschen Hypnose, das hört sich ein bisschen zu gut an, um wahr zu sein? Schon möglich, aber in einer Gesellschaft, die noch an ihren Kriegswunden zehrt und mit Sorge die atomare Aufrüstung beobachtet – „The Master“ spielt in den 1950ern – gibt es mehr als genügend Leute, die an Dodds Worte glauben möchten. Und so zieht „The Cause“, wie Dodd seine Glaubensgemeinschaft nennt, durch das Land und versucht, neue Anhänger für sich zu gewinnen.

Einer dieser neuen Anhänger ist Freddie Quell (Joaquin Phoenix), der mal als Fotograf, mal als Erntepflücker arbeitet, wenn er nicht gerade sein Kriegstrauma im Alkohol ersäuft. Als er in einer seiner regelmäßigen Rauschzustände Lancaster begegnet, ist das Raubein zwar erst skeptisch, wird aber schnell zu einem begeisterten Jünger – weniger aus eigenem Glauben, mehr aus Suche nach Halt. Dabei haben die beiden Männer auf den ersten Blick nur wenig gemeinsam: Während Lancaster auf die Macht seiner säuselnden Worte und sein Charisma vertraut, kann der eher grobschlächtige Freddie mit keinem von beiden aufwarten. Wenn er für die Lehre von „The Cause“ kämpft, dann tut der chronisch Jähzornige das vor allem mit seinen Fäusten. Und doch sind die beiden bald unzertrennlich, geradezu abhängig voneinander, bis Freddie erkennt, dass er im Tausch gegen Halt viel seiner einstigen Freiheit opfern musste.

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„Denn wenn du einen Weg findest zu leben, ohne einen Meister zu dienen, egal welchem, dann gib uns anderen Bescheid. Einverstanden? Dann wärst du nämlich der allererste in der Geschichte der Menschheit.“

Am stärksten ist „The Master“ immer dann, wenn es um die Menschen geht, ihre Suche nach Orientierung, ihre Beziehung untereinander. Schön ist zum Beispiel, wie Lancaster, der sich immer mit „Meister“ anreden lässt, sich immer wieder selbst und seine nicht ganz uneigennützigen Motive entlarvt. Eine harte Abrechnung mit Scientology, wie zuvor erwartet wurde, ist der neueste Film von Paul Thomas Anderson („Magnolia“, „There Will be Blood“) jedoch nicht, kein polarisierender Aufreger. Streng genommen ist recht wenig an dem Film aufregend. Eine wirkliche Geschichte und damit einen roten Faden gibt es hier nämlich nicht, stattdessen stehen die ungleichen Protagonisten im Mittelpunkt. Das führt zwar immer wieder zu sehenswerten Einzelszenen, aber nicht genug, um die spärliche Handlung über die fast 140 Minuten zu tragen. Gerade im letzten Drittel kommt es daher immer wieder zu Längen.

Dafür haben es die besagten Einzelszenen in sich, was natürlich an dem Schauspielduo Joaquin Phoenix und Philip Seymour Hoffman, die beide für ihre Rollen eine Oscarnominierung erhielten. Während Hoffmann schön zwischen ehrlicher Fantasterei und verleugnetem Sendungsbewusstsein hin und her spielt, nimmt Phoenix die Position des Biestes ein: wild, abstoßend, brutal. Alleine seine geradezu animalische und von viel Mut zur Hässlichkeit geprägte Interpretation des seelischen Krüppels ist für Freunde großer Schauspielkunst ein Fest. Und auch die dritte im Bunde – Amy Adams, auch sie wurde für den Oscar nominiert – zeigt als Lancasters Frau Peggy eine sehr gute Leistung. Peggy mag weniger ausschweifend sein als ihr Mann, weniger offene Vorkämpferin, dafür zeigt sie eine Willensstärke und innere Überzeugung, die die des „Meisters“ noch übertrifft. Sie ist dann auch die Gegenspielerin von Freddie: Auf der einen Seite der unbeherrschte, triebgesteuerte Kriegsveteran, auf der anderen Seite die zielstrebige, unterkühlte Gläubige. Gerade das Aufeinandertreffen der beiden birgt genug Intensität, um das eher spärliche Drehbuch immer wieder zu vergessen.

Wer viel Geduld mitbringt und sich damit abfinden kann, dass Figuren ihre eigene Geschichte überstrahlen, für den hat „The Master“ also durchaus Faszinierendes zu bieten. Wem es vor allem auf sehenswerte Schauspielleistungen abkommt, für den ist das stark gespielte Drama sogar ein Muss.

Fazit: Starke Schauspieler, wenig Handlung – so lässt sich „The Master“ am besten zusammenfassen. Wem es vor allem auf Letzteres ankommt, für den wird das Sektendrama zu langatmig und schlicht zu lang sein. Dafür überzeugen die drei Hauptdarsteller durch ihre sehr guten Leistungen.

TEXT: Oliver Armknecht