Auf DVD/Blu-ray: Midnight Son – Brut der Nacht

(Un-)Totgesagte leben länger! Wer befürchtet hat, unsere lieb gewonnenen Blutsauger wären von nun an auf ewig dazu verdammt, die Hauptrolle in Kleinmädchen-Schmachtfetzen übernehmen zu müssen, kann aufatmen: „Midnight Son“ ist eine Interpretation, die durchaus modern ist, dabei aber alte Tugenden nicht vergisst.

Wer ebenfalls die letzten Wochen damit verbracht hat, den ewiggrauen Himmel und den nicht enden wollenden Schnee zu verfluchen, kennt diese Sehnsucht, endlich wieder Sonne auf der Haut zu spüren. Bei Jacob hält sich diese Sehnsucht jedoch in Grenzen. Verständlich, denn bei ihm ist Sonnenbrand wörtlich zu verstehen. Schon der kleinste Kontakt mit den Leben spendenden Strahlen genügt und er zieht fürchterliche Wunden davon. Aber der Mittzwanziger hat sich ganz gut mit seiner Krankheit arrangiert. Geld verdient der gezwungene Nachtschwärmer als nächtlicher Wachmann. Ansonsten verbringt er viel Zeit mit Malen. Da stört es nicht weiter, dass er nicht aus seiner Wohnung kann und keine Freunde hat.

Was ihn aber zunehmend beunruhigt, ist sein übergroßer Hunger. Er kann in sich hineinstopfen, was er will – Pizza, Hühnchen, Fertiggerichte –, er wird einfach nicht satt. Oder dick. Was sich für die meisten Weight Watchers wie ein Traum anhört, ist es für Jacob so rein gar nicht. Denn er fühlt sich schlecht dabei, so richtig schlecht. Und sein Arzt kann ihm leider auch nicht helfen. Das Einzige, was ihm richtig hilft, ist zu seinem großen Entsetzen Blut. Ein Glück, dass ihm Krankenpfleger Marcus genau dieses besorgen kann. Für Geld. Und als wäre sein Leben nicht so schon schwierig genug, verliebt sich der widerwillige Blutsauger auch noch in Mary, ein Mädel, dem er während seiner nächtlichen Ausflüge über den Weg läuft.

Abgelegene Schlösser, düster und verwinkelt – so sieht das natürliche Habitat eines Vampirs aus. Bei Jacob ist das ein wenig anders. Sonderlich einladend ist seine hermetisch abgeschlossene Untergeschosswohnung zwar nicht und auch die Umgebung lässt zu wünschen übrig. Aber immerhin liegt sie in Los Angeles, über mangelnde Nachbarschaft kann sich da niemand beklagen. Und natürlich hat diese für einen Vampirfilm eher ungewohnte Kulisse Auswirkungen auf die Inszenierung: stylische Bilder, unterkühlt-minimalistische Musik, irgendwie hypnotisch. Mehr „Drive“, weniger „Bram Stoker’s Dracula“.

Midnight Son _ Brut der Nacht

Wie die Originalgeschichte enthält aber auch die Neufassung ihren größeren Dramaanteil. Doch der liegt mehr im verzweifelten Bestreben Jacobs, sein Leben wieder unter Kontrolle zu bringen und sich nichts anmerken zu lassen. Das erinnert ein wenig an „Interview mit einem Vampir“, ohne aber je vergleichbar überbordend zu werden. Vermutlich auch durch das geringe Budget bedingt gibt es hier keine großen Reisen um die Welt, aufwendige Kostüme oder Geschichten, die sich über Jahrhunderte hinweg spannen. Stattdessen folgen wir einige Tage den Schritten eines Außenseiters, der durchaus auch unser Nachbar sein könnte – wenn da eben nicht seine Krankheit wäre.

Am meisten gefällt der Film deshalb durch seinen Versuch, den klassischen Vampir in die Neuzeit zu holen und etwas realistischer zu machen. Das klappt zwar nicht immer. Und ob dafür unbedingt eine Liebesgeschichte notwendig war, darüber lässt sich streiten. Wenigstens ist sie hier nicht kitschig, sondern – dem Kontext angemessen – verstörend und kompliziert. Schließlich ist Mary mit ihrem Hang zum Koks und ihren unwürdigen Nebenjobs nicht gerade der Prinzessinnentyp.

Kleine Warnung jedoch für Horrorfans: Indem wir diesmal das Vampirdasein durch die Augen des Betroffenen erleben und auch keine wirklichen Gegenspieler vorhanden sind, hält sich die Spannung zwangsweise eher in Grenzen. Nur zum Ende hin meinte Regisseur und Drehbuchautor Scott Leberecht wohl, der Zuschauer könnte ohne ein bisschen Splatter gelangweilt sein. Schade ist das schon, denn „Midnight Son“ ist zwar ein für dieses Genre ungewöhnlich ruhiger Film, schafft es aber, einem ausgesaugten Thema ein paar neue Facetten abzugewinnen.

„Midnight Son – Brut der Nacht“ // Regie: Scott Leberecht; Darsteller: Zak Kilberg, Maya Parish, Jo D. Jonz; VÖ: 22. Februar 2013