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Der Geschmack von Rost und Knochen

Und dann mit einem Mal war es vorbei: Viel ist nicht von der alten Stéphanie (Marion Cotillard) geblieben, der Frau, die sich nachts in Clubs herumtrieb, aufreizend anzog, das Flirten liebte und das Leben. Den Blick ins Leere gerichtet, so wie auch in ihr selbst nur Leere herrscht, seitdem die Schwertwaltrainerin bei einem Arbeitsunfall die beiden Unterschenkel verloren hat. In sich zusammengefallen wirkt sie, so als wäre ihr selbst der Rollstuhl noch zu groß, an den sie gefesselt ist und den sie ebenso wenig verlässt wie ihre Wohnung.

Zu groß? Dieses Konzept scheint es für Ali (Matthias Schoenaerts) nicht zu geben, ein Berg von einem Mann, der zwar kein Geld hat, aber dennoch unbeirrt mit seinem Sohn Sam (Armand Verdure) durch die Welt prescht und kämpft. Letzteres sogar wörtlich, denn der ehemalige Boxer arbeitet als Türsteher in einem Club, wo er schon mal Hand anlegen muss, wenn bei den Gästen Gewaltbereitschaft auf Alkohol trifft. Eben bei einer solchen Gelegenheit lernt er auch Stéphanie kennen. Vor ihrem Unfall war das, damals begegneten sich die selbstbewusste Frau und der mittellose Kämpfer noch auf Augenhöhe.

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Als sie sich später ein zweites Mal sehen, haben sich die Vorzeichen natürlich geändert. Innerlich wie äußerlich zerstört klammert sie sich an den stillen Klotz, der sich ganz auf seine Körperlichkeit reduziert: kämpfen, laufen, Sex. Wenn er sie auf dem Rücken zum Meer trägt, ist das nicht nur berührend, sondern Sinnbild des gesamten Filmes. Ali wiederum ist nur wenig befangen durch ihre Behinderung, und so kommen die beiden sich tatsächlich näher; Ali schafft es, ihr die Lust aufs Leben zurückzugeben. Und die Lust auf sich selbst.

Behinderungen sind immer ein heikles Thema für Filme. Abgesehen vom französischen Kassenschlager „Ziemlich beste Freunde“, der sich dem Ganzen mittels Humor näherte, erstarren die Versuche oft in ungelenken, wenn nicht sogar kitschigen Betroffenheitsdramen. „Der Geschmack von Rost und Knochen“ nimmt keinen der beiden Wege und wählt stattdessen den Direktangriff. In einer der ersten Szenen nach dem Unfall kriecht Stéphanie über den Boden, die angeschlossenen Schläuche noch hinter sich herziehend, und schreit: „Was habt ihr mit meinen Beinen gemacht?“ Bilder solch brutaler Intensität sieht man selten, bei Regisseur Jacques Audiard sind sie fast schon Dauerzustand. Wie der Titel des Films schon andeutet, für Poesie und wortreiche Liebeserklärungen ist hier kein Platz, alles bleibt irgendwo dreckig, hässlich, direkt. Wer Frankreich sonst mit charmanten, eleganten Romanzen verbindet, erlebt hier seine schmerzliche Umkehrung.

Neben dieser bewusst unschönen Inszenierung, interessanten Kameraufnahmen und den eindringlichen Bildern sind die beiden Hauptdarsteller der wichtigste Grund, sich den Film einmal anzusehen. Matthias Schoenaerts Darstellung als nach außen hin grober Klotz, der nur sehr widerwillig Gefühle zulässt, ist ebenso sehenswert wie Marion Cotillard, die nach einem längeren Ausflug Richtung Hollywood („Inception“, „Midnight in Paris“, „The Dark Knight Rises“) endlich wieder beweisen darf, warum sie nach „La Vie en Rose“ zum größten Aushängeschild Frankreichs wurde.

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Etwas zwiespältiger fällt hingegen die Beurteilung der Geschichte aus. Während sie insgesamt sehr stimmig ausfällt, verliert sie sich zuweilen in zu vielen nebensächlichen Handlungssträngen. Wenn später auch Themen wie Klassenkampf anhand von Alis Schwester Anna (Corinne Masiero) hinzukommen oder die von Martial (Bouli Lanners) organisierten, illegalen (Wett-) Kämpfe, trägt das natürlich zur düsteren und oft trostlosen Atmosphäre bei, zieht „Der Geschmack von Rost und Knochen“ aber auch etwas unnötig in die Länge. Von diesem kleinen Manko aber einmal abgesehen, ist Audiard ein beeindruckender Film geglückt über zwei zerstörte Menschen, die aus verschiedenen Gründen verloren gegangen sind und sich – aber auch einander – erst wieder finden müssen.

Fazit: Intensive, fast brutale Bilder und zwei starke Hauptdarsteller – das Drama um zwei Verlorene, die sich finden und lieben lernen müssen, ist sicher keine „schöne“ Romanze. Aber gerade das macht „Der Geschmack von Rost und Knochen“ so sehenswert. Auf den einen oder anderen Handlungsstrang hätte man eventuell verzichten können, aber dennoch gehört die französische Liebesgeschichte zu den stärksten der letzten Zeit.

TEXT: Oliver Armknecht