Auf DVD/Blu-ray: Chained

Wie der Vater, so der Sohn – früher war es ja durchaus üblich, dass dem Nachwuchs nicht nur Namen und Besitztümer, sondern auch der Beruf weitervererbt wurde. Heute sieht das natürlich etwas anders aus, in einer Zeit, in der Schmieden oder Bäckereien im Familienbesitz eher die Seltenheit sind. Und doch sieht es so manches Oberhaupt noch immer gerne, wenn der Filius in die eigenen Fußstapfen tritt – zumindest bei prestigeträchtigen Berufen wie Anwalt oder Arzt. Auch Bob (Vincent D’Onofrio) würde es begrüßen, wenn ihm Tim nachfolgte. Gesellschaftliches Ansehen ist mit seinem Job zwar nicht verbunden, aber stolz ist Bob trotzdem auf seine Arbeit. Und krisensicher ist die auch. Bob ist nämlich ein Serienmörder.

Chained DVD

Dass Tim als Nachfolger überhaupt infrage kommt, ist hingegen ungeplant. Als der 9-Jährige (Evan Bird) und seine Mutter nach einem Kinobesuch mit dem Taxi nach Hause fahren wollen, ahnen sie nicht, wer da am Steuer sitzt. Und bis sie es tun, ist es zu spät. Bob verschleppt die beiden zu sich, die Frau ist kurze Zeit später Geschichte. Was mit dem Jungen passieren soll, weiß der Taxifahrer hingegen nicht so recht, weswegen er ihn zuerst zu seinem Haussklaven macht und ihn mit einer langen Fußkette ans Bett fesselt. Doch mit der Zeit entwickelt Bob väterliche Gefühle für seinen Mitbewohner. Tim, mittlerweile zu einem jungen Mann herangewachsen (Eamon Farren), hat sich ebenfalls mit seinem Leben als Gefangener abgefunden. Er kennt ja nichts anderes, da er seit jenem schicksalshaften Tag keinen Fuß mehr vor die Tür setzen durfte. Das soll sich in Zukunft ändern, denn wenn es nach Bob geht, soll Tim schon bald selbst zum Messer greifen und Frauen umbringen.

Ein Serienmörder, der Nachwuchs heranziehen will – das lässt entweder auf eine Satire oder einen Thriller schließen. Trotz des ein oder anderen satirischen Elements ist „Chained“ aber eindeutig letzterer geworden, und ein ziemlich verstörender noch dazu. Doch das ist im Grunde kein Wunder, denn auch hinter der Kamera eifert jemand dem eigenen Vater nach. Jennifer Lynch, Tochter von David („Twin Peaks“, „Lost Highway“), mag zwar deutlich gradliniger, weniger verspielt und surreal sein als die Regielegende, doch was den Verstörungsfaktor angeht, kommt sie doch nach dem Herrn Papa.

Neben der eigenwilligen Geschichte liegt das auch durchaus an der Inszenierung. Oft nimmt die Kamera die Bodenperspektive an, wir sehen das Geschehen von unten. Das macht auch den Zuschauer damit zu einem Opfer, einem Gefangenen, hilflos. Die Musik ist verfremdet, fast schon abstrakt. Das sind die Momente, in dem alles unwirklich erscheint, als wäre die Geschichte nur ein böser Traum. Noch wirkungsvoller sind aber die vielen Szenen, in denen Lynch völlig auf eine musikalische Begleitung verzichtet. „Chained“ wird dann endgültig zu einem unbequemen Kammerspiel, klaustrophobisch und beklemmend. Bis auf wenige Szenen spielt auch der komplette Film innerhalb des Hauses, wir bekommen nicht einmal Tageslicht zu sehen. Unterstützt wird die Atmosphäre durch die beiden guten Hauptdarsteller: D’Onofrio als Bob, der längst in einer eigenen Welt lebt, und der verunsicherte Farren als erwachsener Tim, der die Welt nie kennenlernen durfte.

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Viele gute Zutaten, die aus „Chained“ eigentlich einen Thriller der Extraklasse hätten machen können. Dass er das nicht geworden ist, liegt an der behäbigen ersten Hälfte. Spannend ist der Film vor allem, wenn er die Beziehung zwischen Bob und Tim thematisiert. Aber bis es soweit ist, vergeht einfach zu viel Zeit, die auf eine konventionelle Serienmördergeschichte verschwendet wird. Zudem verhindert der zeitliche Bruch – Tim als Junge, Tim als Erwachsener – zwangsläufig einen roten Faden. Und auch das Ende frustriert, indem es die Handlung in eine Richtung verschiebt, die überflüssig, wenn nicht sogar störend ist.

Schade um die wirklich kunstvoll aufgebaute Atmosphäre. Dennoch zeigt der Film, wie viel Potenzial auch Jennifer Lynch hat. Etwas mehr Fokus beim nächsten Mal und wir hätten den Beweis, dass Berufsvererbungen durchaus funktionieren können. Aber auch so ist „Chained“ für Thrillerfans empfehlenswert, die sich mal wieder verstören lassen wollen.

Fazit: „Chained“ ist ein kleiner, klaustrophobischer Thriller um einen Serienmörder, der in puncto Atmosphäre und Inszenierung vieles richtig macht und gute Schauspieler vorweisen kann. Leider stimmt das Tempo in der ersten Hälfte nicht ganz, auch die Geschichte hat Mängel. Insgesamt aber ein interessanter Genrevertreter.

TEXT: Oliver Armknecht