Auf DVD/Blu-ray: Argo

Die besten Geschichten schreibt dann doch das Leben, meinten wohl die Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences und verliehen „Argo“ nicht nur den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch, sondern den besten Film gleich noch dazu. Doch was steckt hinter dem Thriller, der auf einer wahren Begebenheit beruht?

Der Ausdruck „zur falschen Zeit am falschen Ort“ wird ja recht gern verwendet, wann immer bei jemandem etwas schiefgeht. Zu gern vermutlich. Doch hin und wieder finden sich Ereignisse, welche den Ausdruck mehr als rechtfertigen. Zumindest dürfte es kaum einen falscheren Ort geben als die US-Botschaft in Teheran am 4. November 1979, als iranische Studenten sämtliche Mitarbeiter als Geiseln nahmen. Die Forderung der Geiselnehmer: die Auslieferung des Schahs, der während der Islamischen Revolution in die USA floh. Eine schwierige Situation, denn der Schah war ein enger Verbündeter der Vereinigten Staaten.

An dieser Stelle setzt dann auch „Argo“ ein. Allerdings erzählt Regisseur Ben Affleck nicht die Geschichte der 52 Diplomaten, die 444 Tage lang in iranischer Gefangenschaft blieben. Sein Augenmerk gilt vielmehr den sechs Mitarbeitern, denen die Flucht gelang und die sich anschließend in der kanadischen Botschaft versteckten. Dass diese so ohne Weiteres das Land verlassen dürfen, ist eher unwahrscheinlich, schließlich sind öffentliche Hinrichtungen von Verbrechern an der Tagesordnung. Und US-Amerikaner zu sein, zählt für die Bevölkerung eindeutig zu den schlimmsten Verbrechen, die jemand begehen kann. Eine gewaltsame Befreiung kommen ebenfalls nicht infrage, scheut die US-Regierung doch den offenen Krieg. Wenn überhaupt kann die Flucht also nur durch Tricks gelingen.

Zum Glück hat das CIA den passenden Mann für solche Augenblicke: Tony Mendez. Der war schon vorher in ähnlich aussichtlose Rettungsaktionen verwickelt, die er immer zu einem erfolgreichen Abschluss begleitete. Aus diesem Grund erkennt der erfahrene Mann auch sofort, dass die herkömmlichen Kniffe – zum Beispiel die sechs als Lehrer auszugeben – schiefgehen würden. Zum Glück hat er jedoch einen anderen, weitaus unkonventionelleren Plan parat: Die Flüchtlinge sollen sich als Filmteam ausgeben, das in Teheran nach geeigneten Drehorten für einen Science-Fiction-Film namens „Argo“ sucht. Es versteht sich von selbst, dass sich zunächst niemand auf ein derart lächerliches Szenario einlassen will. Doch Mendez schafft es tatsächlich, seinen Vorgesetzten Jack O’Donnell zu überzeugen und findet mit dem Maskenbildner John Chambers und dem Produzenten Lester Siegel die passenden Kooperationspartner. Denn eins ist klar: Wenn die iranischen Behörden an die Existenz des Films glauben sollen, muss Hollywood mit ins Boot genommen werden.

Argo

Ein fiktiver Filmdreh, unter dessen Deckmantel sechs Menschen vor einem Terrorregime fliehen sollen – das hört sich reichlich absurd ab, ein bisschen wie die Umkehrung von „Wag the Dog“. Und doch hat sich die Geschichte von „Argo“ tatsächlich anno 1979 genau so abgespielt. Na ja, fast genau so. Natürlich haben Affleck und Drehbuchautor Chris Terrio ein bisschen an dem Ganzen herumgeschraubt und dramaturgisch aufpoliert. So war die Befreiungsaktion damals zum Großteil die Idee der Kanadier. Im Film spielen sie hingegen kaum eine Rolle. Und diverse dramatische Szenen, gerade zum Ende des Films, haben so auch nie stattgefunden. Historiker und Betroffene mögen darüber – nicht zu unrecht – empört sein, doch das Publikum dürfte nur an einem interessiert sein: Ist „Argo“ unterhaltsam?

Und das ist er auf jeden Fall. Im Grunde ist Argo ein gut inszenierter, wenn auch etwas altmodischer Thriller. Das liegt zum einen an der wirklich nett gestalten Aufmachung: Vom Mobiliar über die Klamotten bis hin zu den Frisuren wirkt hier wirklich alles so, als wäre man in die späten Siebziger zurückversetzt. Aber auch inhaltlich wird dem Zuschauer nicht allzu viel abverlangt: Die Rollen sind klar in „gut“ und „böse“ verteilt, überraschende Wendungen gibt es keine. Dafür aber eine Reihe amüsanter Seitenhiebe auf Hollywood. Vor allem John Goodman und Alan Arkin gefallen hier als herrlich zynische Filmemacher, für die die vorgetäuschte Science-Fiction-Farce – bei aller Ernsthaftigkeit der Situation – auch ein großer Spaß ist. Zusammen sorgen sie dafür, dass bei aller Spannung auch der Humor nicht zu kurz kommt. Umso erstaunlicher, dass Goodman nach „The Artist“ nun schon das zweite Jahr in Folge im Film des Jahres mitspielt, ohne dabei selbst nominiert worden zu sein. Afflecks Mendez ist hingegen recht blass, geradezu stoisch, was aber durchaus der Rolle angemessen ist.

Argo

Angemessen trifft dann auch den Film als solchen ganz gut. Wirklich außergewöhnlich ist an „Argo“ abgesehen von der absurden Grundsituation nämlich nur wenig, dafür ist aber alles von Inszenierung über Schnitt bis zu den Darstellern gekonnt und gefällig. Wer von Filmen also in erster Linie unterhalten werden will und ein Faible hat für die Spionagefilme von einst, der darf sich schon mal Knabberkram besorgen, den Film einlegen und bei einer der skurrilsten Fluchtaktionen Hollywoods mitfiebern.


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