Im Gespräch: Archive

Wir durften in das neue Archive-Album „Restriction“ reinhören und Pollard Berrier – Sänger und Gitarrist der Band – ein paar Fragen dazu stellen. Ob wir jetzt schlauer sind? Keine Ahnung. Aber beseelter sind wir auf jeden Fall. Bitteschön.

Archive ist eigentlich keine Band, sondern ein psychotisches Paralleluniversum. Ein Stern fernab der normalmusikalischen Zivilisation, wo wahnsinnige Wissenschaftler in einer verwinkelten Reagenzgläserküche sonderbar-wunderbare Dinge zusammenbrutzeln. Du, ich und der Rest der Bewohner des blauen Planeten – wir verstehen sie nicht immer, die Ergebnisse dieser Experimente. Wir wissen nur, dass wir eigentlich nicht wissen, was Archive da genau macht. Und genau deshalb mögen wir den eklektischen Style dieser britischen Kombo so sehr. Er ist, wie sagte Oscar Wilde das so schön über die Zigarette, der perfekte Genuss – stimulierend, aber nicht befriedigend. Er lässt uns glücklich, aber ratlos zurück. Mit Hochachtung und mit riesigem Fragezeichen über unserer Birne.

Eure Musik wurde als Post-Rock, Electronica, Trip-Hop und Progressive-Rock bezeichnet – fühlt ihr euch in irgendeiner musikalischen Kategorie zu Hause?
Es ist immer wieder ein Kompliment, wenn Leute aus der Musikindustrie und Fans unsere Musik nicht auf ein bestimmtes Genre festnageln können. Aus künstlerischer Sicht gibt uns das die Freiheit, kreativ zu sein und herumzuexperimentieren, ohne in eine Schublade gesteckt zu werden und ohne dass jemand sagt, „dieses Album” definiert den Sound „dieser Band”. Wir sind stolz, dass wir einen eigenen Sound und ein eigenes Musikgenre geschaffen haben, das von vielen unterschiedlichen Einflüssen inspiriert wurde. Wir ruhen uns nie lange auf einem abgeschlossenen Album aus, aber ich würde nicht sagen, dass wir nur zu einem der von dir genannten Genres gehören.

Was mir beim Hören von „Restriction” aufgefallen ist: Das Album ist völlig unberechenbar. Wie würdest du es mit fünf Wörtern beschreiben?
Es ist, was Archive macht.

Seit 1994 sind mehrere Bandmitglieder gegangen bzw. neu dazugekommen. Wie schwer ist es für eine Band, trotz wechselnder Besetzung ihrer Vision treu zu bleiben?

Das ist wie bei jeder Trennung: Wenn Menschen kommen und gehen, gibt es immer Dinge, mit denen man fertigwerden muss. Aber man findet sich damit ab und schaut nach vorn. Die Soundbasis, die wir mit „Londinium” gelegt haben, ist in unserer Musik immer noch hörbar. Seit dem Album „Lights” verstehen wir uns als Kollektiv, was uns enorm dabei geholfen hat, unserer Vision treu zu bleiben. Heute stecken alle möglichen Elemente aus allen Archive-Phasen in unserer Musik. Dass wir die ganze Zeit mit unterschiedlichen Musikern gearbeitet haben, hat unsere Vision bereichert und weiterentwickelt. Unser Plan war immer, mit den beteiligten Menschen die großartigste Musik zu machen. Wir hatten wirklich Glück, dass wir mit so vielen fantastischen Künstlern zusammengearbeitet haben.



Gibt es bei Archive ein durchgehendes Motiv in Bezug auf Sound oder Feeling, das über die Jahre hinweg gleich geblieben ist?

Auf jeden Fall. Unser Sound hat sich seit „Londinium” weiterentwickelt, aber bei allem, was danach kam, hört man deutlich immer wieder typische Archive-Anklänge. Wir versuchen immer wieder, neue Grenzen in Bezug auf Sound und Gefühl auszuloten. Irgendwie wissen wir beim Songschreiben immer, ob ein Song „Archive” ist oder nicht.

Was treibt Archive mehr an, der kollektive Geist der Band oder die einzelnen Mitglieder, die alle ihr eigenes Ding machen?
Eindeutig der Gemeinschaftssinn. Wir stecken da alle zusammen drin und jeder Einzelne lässt seinen individuellen Charakter einfließen. Aber im Großen und Ganzen ist Archive ein gemeinsam erzeugter Sound und eine künstlerische Gemeinschaftsarbeit.

Wie schwer ist es für einen neuen Musiker, bei euch einzusteigen?
Jeder bei Archive hat eine ähnliche Vision und künstlerisch gesehen haben wir meistens gleiche Vorstellungen. Wir alle lieben die Musik, die wir machen und jeder steuert etwas dazu bei. Wie in jeder guten Beziehung muss eine Verbindung da sein, eine Basis, von der man starten und sich inspirieren lassen kann. Bei Archive geht es nicht darum, einzelne Talente in den Vordergrund zu rücken, z.B. in Form eines lächerlichen Gitarrensolos. Es geht mehr um die Vereinfachung – darum, aus vielen guten Häppchen die beste Musik zu entwickeln. Wenn also jemand Neues in die Band kommt und musikalisch, textlich und melodisch etwas zum Gefühl eines Songs beitragen kann, dann passen wir normalerweise ganz gut zusammen.

Euer Live-Set umfasst einige Songs, die ihr schon vor Jahren geschrieben habt. Fühlt es sich heute anders an, diese zu spielen?
Unsere Live-Show hat sich über Jahre entwickelt, ebenso wie unsere Alben. Meiner Meinung nach sind Live-Konzerte, die das ganze Spektrum unserer Musik abdecken, eine der besten Möglichkeiten, Archive kennenzulernen. Wenn man nur ein zufälliges Stück von jedem Album hört, dann versteht man Archive vielleicht nicht. Aber wenn man mehrere Stücke von jedem Album live erlebt, dann begreift man, wofür Archive steht.

Ihr habt eine riesige Fangemeinschaft in Frankreich. Kannst du dir erklären, warum?
Keine Ahnung! Wir haben einfach Glück und wir freuen uns, dort so eine große Fangemeinschaft zu haben und dass die Franzosen unsere Musik von Anfang an verstanden haben.

Glaubst du, dass Fans eure Musik unterschiedlich hören, je nachdem, aus welchem Land sie kommen?
Ich denke eher nicht. Musik ist Musik. Unsere Musik wird je nach Land unterschiedlich entdeckt, aber was überall gleich ist, ist die enge Verbindung zu unseren Fans, die wir unter anderem über Live-Shows und durch Word-of-Mouth aufgebaut haben. Das können sich in Zeiten der digitalen und medialen Revolution nicht viele Bands leisten. Wir sind echt stolz darauf und können gar nicht oft genug sagen, wie wir uns deshalb über unsere Fans in allen Ländern freuen.

Was ist für eine Band heute am wichtigsten: Presse, Radio oder die Reaktionen auf Blogs, YouTube etc.?

Ich denke, wir erleben gerade eine tolle Zeit für eine hart arbeitende Band. Man kann seine Musik auf so viele unterschiedliche Wege in die Welt bringen. Networking ist das A und O. Das Radio wird von einem kleinen Prozentsatz der Stars besetzt, in die wahnsinnige Geldsummen gepumpt werden – das ist keine Option für eine junge Band, die neue musikalische Grenzen ausloten will. YouTube und andere soziale Medien spielen für solche Bands sicherlich eine größere Rolle. Wir lieben es, in Kontakt mit unseren Fans zu sein – es motiviert und inspiriert uns. Deshalb mögen wir auch so gerne DJ-Sets, spezielle Gigs/Video-Releases, Events etc., weil das immer wieder einzigartige Erfahrungen sind – ein Erlebnis für jeden, der dabei ist.

Mit wem würdet ihr in Zukunft gerne arbeiten?

Wir haben ein paar Leute im Kopf, aber gebt uns Zeit, um zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Warum sollen wir jetzt schon was verraten? Es ist doch viel lustiger, das mitzukriegen, wenn es soweit ist.

Wie findet ihr die kreativen Genies für die Gestaltung eurer Albumcover?
Auch hier haben wir das Glück, mit vielen großartigen Menschen zu arbeiten. Das wollen wir auch in Zukunft so machen, solange das, was sie tun, zu dem passt, was wir machen – und umgekehrt. Jedes Album braucht einen besonderen Look und Feel. Manchmal müssen wir uns mit der Band und unserem Team durch einige Arbeiten durchwühlen, bevor wir etwas Passendes finden. Aber am Ende finden wir immer genau das Richtige für den rechten Moment.



Sollte man eure Musik mit Kopfhörern hören – oder zum Bier mit Freunden in der Bar?

Wir haben erst neulich drüber gesprochen, wie viel Musik heutzutage für Kopfhörer gemacht wird. Andererseits verkauft sich Vinyl richtig gut, was toll ist. Ich denke, das ist immer noch die beste Art, unsere Musik zu hören: auf Vinyl. So viele Bands sind im „Loudness-War” gefangen, bei dem es nur noch darum geht, wer seine Musik am lautesten produzieren kann. Uns bei Archive war es immer wichtig, die ganze Fülle des Klangspektrums zu nutzen. So gesehen klingt unsere Musik am besten auf großen Anlagen, über Kopfhörer und auf Vinyl. Der Song „Fuck U“ ist eindeutig ein Super-Song, um ihn mit Freunden in einer Bar zu hören, findest du nicht?

Vor euch liegt eine Monster-Tournee. Wie bereitet ihr euch auf das Leben on the road vor?
Wir können es kaum erwarten! Die Tour wird der Wahnsinn! Über die Jahre hat jeder von uns seine eigenen Routinen entwickelt und weiß, was ihm gut tut und wie er sich auf die Shows konzentriert. Jeder muss einfach ein bisschen gelassener und „zen“ sein, darf sich nicht in den emotionalen Höhen und Tiefen der Tour verlieren. Wir sind jetzt alle ein bisschen älter und nehmen die Dinge nicht mehr ganz so ernst. Kurz: So hart diese Tourneen auch sind – sie sind das, wofür wir leben. Wir haben immer viel zu lachen und genießen das Erlebnis.

Danke für das interessante Gespräch!

Für das Archive-Konzert hat curt 2×2 Freitickets im Verlosungstopf. Schickt uns eine E-Mail mit Betreff „Archive“ an willhaben@curt.de und unsere holde Glücksfee waltet ihres Amtes. Die Gewinner werden ein paar Tage vor dem Konzert ausgelost und benachrichtigt. Viel Glück dabei!

Unsere Verlosung ist beendet, die Gewinner wurden informiert.


Archive // 22. März // 20.30 Uhr // Muffathalle // VVK 23 Euro zzgl. Gebühren


About Julia Fell

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Exilsaarländerin, in jungen Jahren nach England verpflanzt, über einen Zwischenstopp im beschaulichen Passau in München gelandet, um irgendwas mit Medien zu studieren. Will entweder für immer hier bleiben oder doch noch nach Amsterdam ziehen. Mag Reggae, Rap, spleenige Menschen, große Männer mit schönen Augenbrauen und großer Schnauze, Gruselstreifen, Stinkekäse, Biografien und flache Witze. Mag nicht, dass ihr ständig jemand eine Berufsunfähigkeitsversicherung andrehen will. Im 9-to-5-Leben Fotoredakteurin.