Gehört: alt-J – This Is All Yours

Der kuriosen Namensgebung zum Trotz – alt und J ist die Tastenkombination für das Delta-Symbol – gehört die mittlerweile zu einem Trio geschrumpfte Band zum Aufregendsten, was England in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Und sicher auch zum Erfolgreichsten.

Entsprechend hoch war der Druck, schließlich wollten die mittlerweile über eine Million Facebook-Anhänger von alt-J auch mit dem zweiten Album bei Laune gehalten werden. Während die Frage, wie „This Is All Yours“ geworden ist, recht einfach beantwortet werden kann – „sehr gut!“ – ist die Frage nach dem „was“ schon deutlich schwieriger.

„Intro“ zum Beispiel. Als wäre alle Kreativität für den Inhalt draufgegangen, ist der Opener mit dem langweiligen Titel eigentlich gleich mehrere Lieder auf einmal. „Klein anfangen, mächtig steigern“ lautet hier die Devise, wenn ein Hauch von Nichts nach und nach mit immer mehr Elementen angereichert wird. Zu einer einsamen Stimme gesellen sich wie in einem Kanon noch weitere, alles wird im Lauf der vier Minuten voller, hymnischer, elektronischer. Auch Mönchschoräle dürfen bei diesem Sammelsurium nicht fehlen, irgendwann setzen Tribalgesänge ein. Bis dann alles endet, so plötzlich, wie es angefangen hat und das Geheimnis mit sich nimmt, worum es da eben eigentlich ging.

Verwirrung stiftet aber auch die ausführliche Beschäftigung mit Nara, gleich drei Lieder sind der japanischen Großstadt gewidmet, die bei Touristen für ihre vielen traditionellen Tempelanlagen beliebt ist. Von fernöstlichen Einflüssen ist auf dem Song Cycle aber nicht viel zu hören. „Arrival in Nara“ bedeutet erstmal zwei Minuten melancholisches Klaviergeklimper. Und selbst, wenn in der zweiten Hälfte noch Gesang hinzu kommt, Aufbruchsstimmung ist das nicht gerade. Wie auch, wenn textlich von einer ertrinkenden Frau die Rede ist? „Nara“ wiederum widmet sich einem Mann. Oder besser: vielen Männern. Begleitet von einem Hallelujah, Glocken und Orgeln setzen sich die Jungs gegen die Verfolgung von Homosexuellen ein. Und wenn wir bei „Leaving Nara“ das Land der aufgehenden Sonne verlassen, sind nur noch Textfragmente übrig und wir verschwinden langsam im Nichts.

Drei Lieder, die zusammen gehören sollen, abgesehen von ihren Titeln aber nichts gemeinsam haben, das ist durchaus repräsentativ für alt-J – sofern man bei den Engländern das Wort repräsentativ überhaupt verwenden kann. Immerhin, was viele der 13 Tracks eint ist der Hang zur Wehmut, das Gefühl, durch düstere, teils gespenstische Welten zu wandern, den Hintergrund bilden klare, ausgefeilte Arrangements. Aber auch das ist eben nur die halbe Wahrheit. „Every Other Freckle“ überrascht mit viel Noise, klatschenden Händen und fröhlichen Doo-Doo-Doo-Gesinge, „Left Hand Free“ ist eine dreckige Mischung aus Indie Rock und Blues, beim countrylastigen Duett „Warm Foothills“ meint man, versehentlich den Soundtrack eines Road Movies eingelegt zu haben.

Highlights gibt es auf den musikalischen Straßen der Engländer mehr als genug, das wunderschöne „Choice of Kingdom“ etwa, Singleauskopplung „Hunger of the Pine“, besagtes „Warm Foothills“ oder „Bloodflood Pt II“, bei dem alt-J noch einmal auf ihr Debüt „An Awesome Wave“ zurückgreifen. Nachteil einer solch willkürlich gepackten Geschenkekiste: „This Is All Yours“ fehlt es irgendwie an einer Identität, ist eher ein Sampler von all dem, was durch die Köpfe der Bandmitglieder geht. Da aber abgesehen von „Garden of England“ – die Idee, ein Flötenkonzert mit Vogelgezwitscher zu kombinieren, muss als Scherz gedacht sein – kein Lied schwächelt, dürfen experimentierfreudige Indiefans bedenkenlos zugreifen. Und wenn sie schon dabei sind, dann auch gleich beim Ticketschalter ihres Vertrauens vorbeischauen, um sich rechtzeitig Karten für ihr Konzert im Februar zu besorgen.


alt-J „This Is All Yours“ // Pias Coop/Infectious (rough trade) // VÖ: 19. September 2014

alt-J// 17. Februar 2015 // 20 Uhr // Zenith // VVK 28 Euro zzgl. Gebühren