Gehört: alt-J – Relaxer

Ein bisschen gemein ist das ja schon. Da freut man sich auf ein verlängertes Wochenende mit viel Sonnenschein und meint, mit dem neuen Album von alt-j den passenden Soundtrack zu haben. Heißt ja schließlich „Relaxer“. Und wo das draufsteht, soll ja wohl auch Entspannung drin sein. Denkste. Wobei einen das ja eigentlich nicht so wirklich verwundern sollte. Auf „This Is All Yours“ machten die englischen Indie-Rocker schließlich auch nur das, was sie wollten und so gar nicht das, was man von ihnen erwarten durfte. Oder wollte. Da wurden Melodien, Instrumente, Tempi und Stimmen ständig neu arrangiert, bis man irgendwann nicht mehr wusste, ob da wirklich noch dasselbe Lied gerade lief. Oder wenigstens dasselbe Album.

Das ist bei „Relaxer“ ähnlich, wenn auch in etwas abgespeckter Form. Opener und erste Singleauskopplung „3WW“ – kurz für „three worn words“ – fängt nämlich tatsächlich überaus entspannend an. Da wird die Natur beschworen, die Erde, der Himmel. Später kommen Küsten hinzu, abgenutzte Straßen, Lagerfeuer. Wenn dazu fleißig geflüstert und gehaucht werden darf, eine verträumte Melodie, lässige Gesänge – doch, da sieht man sich im Paradies angekommen. Wären da nur nicht diese Störfaktoren. Die Noise-Einlagen zum Beispiel. Die neonblaue Lampe mitten im Feld. Oder auch die Aussage, dass Liebe nur ein Knopf ist, der letzte Nacht gedrückt wurde. „I just want to love you in my own language“ singen sie irgendwann. Und ihre eigene Sprache, ihre sehr eigenwillige Sprache, die pflegen sie auch auf den neuen acht Tracks von Album Nummer drei.

„01110011
Crying zeros and I’m hearing 111s
Cut my somersault; sign my backflip
Pool, summer, summer, pool, pool summer
Kiss me“

Schon bei der ersten Strophe von Lied Nummer zwei („Cold Blood“) dürften die meisten aussteigen, die zuvor die Ambitionen hegten, aus „Relaxer“ eine Nachricht mitnehmen zu wollen. Nicht dass es an Wörtern mangeln würde. Aber ebenso wie die Musik setzen sie sich nicht zu einem Bild zusammen. Und wenn doch, dann ist es von Widersprüchen geprägt. Da singen sie in „House of the Rising Sun“ von glücklichen Tagen, während Vögel über brennende Wälder fliegen. Im an und für sich hymnischen Abschluss „Pleader“ setzen sie sogar „happy“ und „agony“ nebeneinander. Und dann wäre da noch dieses Faible für Japan. Wo alt-J beim letzten Album noch dreimal die Stadt Nara besangen, zählen sie diesmal auf Japanisch von eins bis zehn. Zweimal. In zwei verschiedenen Liedern. Warum? Das wissen nur die Musikgötter.

Und doch ist „Relaxer“ etwas homogener als seinerzeit „This Is All Yours“ – musikalische Experimente und Stream-of-consciousness-Texte zum Trotz. Die Stimmung ist, welche die acht kuriosen Funkelsteine zusammenhält. Von dem rockigeren Mittelstück „Hit Me Like A Snare“ und dem indisch-psychedelischen „Deadcrush“ direkt im Anschluss einmal abgesehen, ist das Album irgendwo zwischen Traum und Trauer eingesperrt, ein Klangteppich aus melancholischen Melodien. Sehnsuchtsvoll wird in „Adeline“ besagter Frau hinterhergeschaut, während sie langsam davonschwimmt. Und wenn im gespenstischen „Last Year“ auf die vergangenen zwölf Monate zurückgeblickt wird, zwölf Monate, die mit einem gebrochenen Herzen begannen, mit einer Beerdigung enden, spätestens dann wird klar, das mit der Entspannung wird nichts mehr. Aber irgendwie ist man dann bei aller Traurigkeit doch auch glücklich darüber, bei dieser etwas anderen und oft verwirrenden Reise dabei gewesen zu sein.


alt-J „Relaxer // Infectious Music/PIAS Cooperative // VÖ: 2. Juni 2017