Alleine reist man weniger alleine

Als ich vor einigen Jahren meinen Job kündigte und mein Umfeld darüber informierte, dass ich neun Monate lang die Welt bereisen würde, kam oft die Frage „Reist du alleine?” Darauf darauf folgte dann auch noch meist ein „Also, ich weiß nicht ob das was für mich wäre“ oder sogar einem „Ich könnte das vermutlich nicht“. Die Leute bezogen sich dabei nicht auf meine Entscheidung den Job zu kündigen, ohne schon etwas neues für nach der Reise in Aussicht zu haben, oder auf den grundsätzlichen Entschluss eine Weltreise zu machen. Sie bezogen sich auf das Alleine-Los-Reisen. Und ich schreibe absichtlich „Los-reisen“ und nicht nur Reisen, denn wirklich alleine bleibt man ohnehin nicht lange.

Wieso lernt man mehr Leute kennen, wenn man alleine reist? „Allein sein“ liegt nicht in unserer Natur. Klar, jeder braucht ab und zu seine Ruhe, aber die meisten Menschen sind äußerst soziale Wesen, und die Minderheit der notorischen Eigenbrötler – die zweifellos existiert – würde vermutlich „Reisen“ nicht sehr weit oben auf der Liste der liebsten Freizeitbeschäftigungen setzen.

Das Bedürfnis mit anderen ins Gespräch zu kommen oder mit ihnen Zeit zu verbringen ist naturgemäß geringer, wenn man bereits seit Beginn der Reise einen dauerhaften Reisepartner an seiner Seite hat. Aber auch die Bereitschaft der Fremden ein Gespräch zu beginnen sinkt enorm, sobald man nicht alleine ist. Man muss einfach nur kurz die Perspektive wechseln, um zu erkennen das auch das mit unserer sozialen Ader zusammenhängt. Man stelle sich rucksackbepackte Touristen an einer Straßenkreuzung in München vor, die in einer unbekannten Sprache miteinander diskutieren, während sie sich gemeinsam über eine Karte beugen. Wenn man sich einen dieser Touris alleine vorstellt, wie er mit verunsichertem Blick dieselbe Karte haltend an derselben Stelle steht. Wem würde man her ungefragt seine Hilfe anbieten?

Man ist zu mehrt reisend abgeschotteter von seiner Umwelt. Man ist quasi „zusammen allein“. Man fühlt sich einem Reisepartner, mit dem zusammen man die Reise begonnen hat, viel stärker verbunden als einer Bekanntschaft die man während der Reise macht. Dadurch ist man eher gewillt, dem anderen zuliebe Kompromisse einzugehen und gegebenenfalls auch auf Aktivitäten zu verzichten für dem Reisepartner das Geld, der Mut oder schlicht das Interesse fehlt.

Wer alleine reist, löst Verbindungen zu anderen Menschen hingegen erfahrungsgemäß recht schnell, sobald sie sich mit eigenen Vorstellungen oder Plänen nicht mehr vertragen und geht ebenso schnell wieder neue ein. Egal, worauf man Lust (oder eben keine Lust) hat, man fühlt sich nie vom anderen allein gelassen oder muss sich rechtfertigen, weil man etwas für sich allein entscheidet, weil man sich gegenseitig zu nichts verpflichtet ist. Allein zu reisen bedeutet die absolute Freiheit zu haben, ohne auf Gemeinschaft verzichten zu müssen. Man sucht einfach immer die Leute, die gerade die gleichen Wünsche haben, ob Stadtrundgang, Nachtwanderung im Dschungel oder Wildwasserrafting.

Reisen ist eine ganz spezielle Lebenssituation. Man befindet sich nicht in seinem Alltag, egal, wie lange man reist. Ständig verändert sich das Umfeld. Man ist mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert als im Alltag und muss einen Mitreisenden ständig in Entscheidungen einbinden. „Wo übernachten wir als nächstes, für wie lange, was darf es kosten und was soll die Unterkunft bieten?“

Unabhängig von Partnerschaften und privaten Freundschaften verbringen die meisten von uns die Hälfte des Tages damit zu arbeiten und treffen dabei alleine oder in Abstimmung mit Kollegen Entscheidungen. Die andere Hälfte wird aufgeteilt in Aktivitäten mit Partner/in und/oder Freunden und Bekannten. Egal wie klein die Schnittmengen der einzelnen Interessen sind, man kann die Zeit die man mit den anderen Menschen verbringt genauso dosieren, dass es passt und man sich nicht gegenseitig nervt. Auf gemeinsamen Reisen ist eine solche Dosierung der gemeinsam verbrachten Zeit nur sehr bedingt möglich. Man verbringt quasi ständig den ganzen Tag miteinander. Deshalb muss die Schnittmenge der Vorstellungen und Einstellungen von allen Beteiligten entsprechend groß sein, damit gemeinsam reisen dauerhaft gut gehen kann.

Ich selbst gehe nun schon seit drei Jahren nicht mehr alleine reisen. Ich reise mit meiner Freundin. Wir sind uns glücklicherweise meist einig, was unsere Vorstellungen vom Ablauf der Reise betrifft. Das Reisen ist weiterhin schön, aber definitiv anders als vorher.

Kennengelernt habe ich sie übrigens vor sieben Jahren auf meiner Weltreise. Am offiziellen geographischen Mittelpunkt Neuseelands. Für zwei Stunden. Wir waren dort ins Gespräch gekommen, nachdem ich sie darum gebeten hatte mit meiner Kamera ein Foto von mir zu machen. Danach reisten wir weiter. Allein. In unterschiedliche Richtungen. Ein Paar wurden wir erst drei Jahre später, als wir uns in München wieder trafen.

Zu diesem Text von Christian Gretz ist ein Fotobeitrag passend zu unserer Ausgabe “Zusammen ist weniger allein” in curt #89 erschienen.


About Christian Gretz

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Jahrgang 1980, geboren und aufgewachsen im Allgäu. Nach dem BWL-Studium erster Job in München in einer Marketingagentur mit ausschließlich spanischen Kunden, die unwillig waren, Englisch zu reden – letztlich der Grund dafür, dass er heute fließend Spanisch spricht. Den Projektmanagerjob nach sieben Jahren an den Nagel gehängt, gegen einen Rucksack getauscht und den Globus umrundet. Seit Sommer 2011 wieder zurück (in der curt-Redaktion und) im geliebten München und damit beschäftigt, das selbstgegründete Stadtführungsunternehmen „ui muenchen“ (www.ui-muenchen.de) zum Erfolg zu führen. Mit jeder Menge Liebe für – und detaillierten Infos über – die schönste Stadt weit und breit. Nicht nur für Touristen. Auch für Münchner!