Gehört: Acollective – „Pangaea“

Ein Album nach Pangaea zu benennen, jenem Superkontinenten, der vor etwa 150 Millionen Jahren auseinanderbrach, ist das jetzt Pessimismus, Größenwahn oder ein Zeichen für Rückgewandtheit? Bei Acollective nichts von alledem – und doch ein passender Titel für ihren ganz eigenen Musikmix.

Bevor sie sich irdischen Belangen zuwenden, schaut sich die siebenköpfige Band aus Tel Aviv beim Opener „OTM“ das Treiben auf der Erde aber aus der Ferne des Alls an. Zumindest wirkt es so, als würden wir bei sphärischen Synthieklängen und gelegentlichem Piepen an Bord eines Raumschiffs durch unendliche Weiten treiben. Nur dass wir dabei nicht allein sind, sondern ein paar tanzwütige Aliens dabei haben. Und wenn die zwischendrin Beatsmaschine und Diskokugel anwerfen, wird es funkig wie in besten Moloko-Zeiten.

Nur machen Acollective eben keinen reinen Elektro, sondern Pop. Und Jazz (die Bläser bei „Breakapart“). Vielleicht auch Country (zum Abschluss darf bei „Lock it“ das Lagerfeuer angeworfen werden) oder Blues. So genau kann man das hier gar nicht sagen. „You get your cake and eat it too“, singen die Jungs auf der enorm eingängigen Vorabsingle „Happiest of All Memorial Days”. Und das ist beim zweiten Longplayer auch wirklich Programm, da werden Epochen und Stilrichtungen, Stimmungen und Genres gekreuzt und wieder auseinandergerissen, als wäre das Konzept der Schublade nie erfunden worden. So wie seinerzeit auf Pangaea alles Landleben auf einer großen Fläche koexistierte, werden bei den zwölf Liedern eben alle möglichen musikalischen Daseinsformen zusammengetragen.

Das macht „Pangaea“ natürlich sehr abwechslungsreich und spannend, gleichzeitig manchmal aber auch etwas ermüdend. Beispielsweise gefällt „FiNE“ zwar durch animierende Rhythmen und einen plötzlichen Tempowechsel, doch der Gesang, der auch von kleinen elektronischen Monstern stammen könnte, geht nicht ganz spurlos am eigenen Nervenkostüm vorbei. Auch das blubbernde-krachende „Beating Heart Cadavers“ ist mehr interessante Soundcollage als mitreißendes Lied.

Dafür wird der Track mit dem leicht morbiden Titel von zwei echten Highlights flankiert: Das wunderschöne, leicht melancholische „Customs“ hätte auch von Abby stammen können und bietet eine willkommene Atempause zur Mitte des Albums. „I Can’t“ wiederum beginnt wunderbar scheppernd, ein wenig bluesig, mit viel Gitarreneinsatz, die mal in hymnische Gesänge übergehen oder auch mal im Nichts enden. Und das ist wortwörtlich gemeint: Mitten im Lied kommt es zu einer größeren Pause, die Ruhe vor dem Sturm. Aber auch das gehört nun mal dazu, wenn ein Superkontinent auseinanderbricht.

Spaß macht „Pangaea“ also. Zumindest in Konservenform gibt es hier so viele Details zu entdecken, dass sich für offene Ohren der Weg in den Laden oder an den Rechner lohnt. Ob man sie bis zu einer Bühne verfolgen sollte, davon können wir uns schon in rund zweieinhalb Wochen selbst überzeugen, wenn Acollective am 28. Juli beim Free&Easy im Backstage Halt machen.

TEXT: Oliver Armknecht