Nachtbar & Nachbar

FREITAG, 1. JULI 2016

#Gastronomie, #Stadt Nürnberg

Das Nachtleben und die Anwohner – das kann man nicht als beste Freunde bezeichnen. Auf der ganzen Welt kommt es zu Konflikten und Beschwerden wegen Ruhestörung, Verschmutzungen und „körperlichen Verunreinigungen“. Auch in Nürnberg ist das nicht anders. Nun startet eine Kampagne, um die Verursacher – also die Besucher des Nachtlebens – abzuholen, zu sensibilisieren und ihnen die Vorteile von Anstand zu erklären.

Viele Beschwerden der Anwohner sind berechtigt und nachvollziehbar: ein Anwohner, der morgens Urin und Erbrochenes in seinem Hauseingang findet, um 5 Uhr früh von grölend durch die Straßen ziehenden Gruppen durch sein geschlossenes Fenster geweckt wird und regelmäßig Glasscherben und andere Dinge vor seiner Türe aufkehren muss, der ist weder spießig, noch intolerant, wenn er sich darüber aufregt. Und natürlich heißen auch die Betreiber der Gaststätten es niemals gut, wenn Dinge dieser Art im Umkreis ihrer Betriebe stattfinden. Die am 1. Juli startende Kampagne „Nachtbar & Nachbar – Du bist nicht allein“ soll über diesen Zustand aufklären und vermitteln. curt ist Medienpartner der Kampagne und hat Stephan Schulz, den Initiator der Kampagne und Betreiber der Mata Hari Bar, befragt.

Stephan, Du hattest die Idee zu dieser Kampagne. Wie kam es dazu?
Ich bin seit 2002 Betreiber der Mata Hari Bar in der berühmt berüchtigten Weißgerbergasse. Die Probleme, die es hier zwischen Anwohnern und Kneipenbetreibern gab, sind ja stadtbekannt, wenngleich sie in der Vergangenheit oft auch völlig übertrieben dargestellt wurden. Aufgrund dessen wurde ich oft zu runden Tischen mit den betroffenen Betrieben und den Anwohnern geladen. Dort wurde dann immer der schwarze Peter hin und hergeschoben und der eine beschuldigte den anderen. Die Kneipen wären zu laut, die Anwohner zu spießig. Dabei werden die Probleme von den Nachtschwärmern verursacht - und ich dachte mir, diese könne man durch eine breit angelegte Kampagne mit ins Boot holen.

Hattest Du dafür gleich einen konkreten Plan?
Nein. Ich wollte einen Weg finden, um die Besucher des Nachtlebens - unsere Gäste anzusprechen, ihnen klar zu machen, dass selten eine Kneipe wegen der Vorkommnisse im Laden selbst Probleme bekommt, sondern nahezu immer nur wegen der Emissionen auf der Straße. Ich möchte, dass einer, der eine Kneipe oder eine Disko verlässt, einfach mal kurz die Luft anhält, bevor er laut rumgrölt, dass er wieder rein geht, wenn er aufs Klo muss, und dass er versteht, dass es einfach nicht lustig ist, Flaschen und Gläser auf der Straße zu zerdeppern.

Hast Du keine Bedenken, dass auch Du in Deiner Bar als maßregelnder Spießer dastehst, wenn Du solche Forderungen stellst?
Es sind keine Forderungen, sondern nur Denkanstöße, unsinnige Dinge einfach sein zu lassen. Jeder, der im Nachtleben unterwegs ist, sollte sich der Tragweite seiner Aktionen bewusst sein. Man braucht nicht unbedingt das Beispiel Gustavstraße zu erwähnen, um klar zu machen, dass Anwohnerbeschwerden extrem unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen können. Der Leidtragende ist ja dann der Gast selbst, wenn seine Lieblingskneipe früher schließen muss, oder sogar ganz zumachen darf. Die Sperrzeit ist ja auch immer ein Thema.

Woher kommt denn die Idee mit den Plakaten?
Plakate und Flyer sind natürlich der einfachste Weg, Leute zu erreichen. Mir ist durch Zufall eine Kampagne aus Aschaffenburg untergekommen, die nachwirkende Erfolge nachweisen konnte und eine geplante Verkürzung der Öffnungszeiten unnötig machte. Für die Plakatideen und die Ausarbeitung der Motive war übrigens Michael Weghorn vom Downtown zuständig.

Wie hat sich denn die Zusammenarbeit mit dem Bürgerverein Altstadt angelassen?
Unterm Strich sehr positiv. Es wurde ein Mediator zwischengeschaltet und die Gespräche wurden konstruktiv. Nachdem wir uns unserer „Problempartnerschaft“ bewusst waren, wurde aus dem Mediator ein Moderator und als sich letztendlich auch das Bürgermeisteramt für unsere Aktion interessierte, wurden die letzten Hürden aus dem Weg geräumt. Großer Dank hier an Detlev Janetzek vom Menschenrechtsbüro, der die Sitzungen väterlich und immer gelassen betreut hat!

Wie kooperativ war die Stadt Nürnberg insgesamt?
Die war von Anfang an sehr kooperativ und angetan von der Idee. Anfangs saß nur das Ordnungsamt mit am Arbeitstisch. Als das Bürgermeisteramt mit in die Runde kam, hat sich wirklich etwas bewegt. Hier muss ich ausdrücklich Christine Schüßler meinen Dank aussprechen, die die ganze Aktion schnell nach vorne gebracht hat und uns Gelder der Stadt verschafft hat!

Welche Erfolgschance gibst Du der Kampagne?
Ich bin zwar ein Idealist, aber nicht blauäugig. Natürlich wird man nie alle Nachtlebenbesucher mit einer solchen Aktion erreichen und schon gar nicht komplett sensibilisieren. Aber zum einen ist jeder Einzelne, der nur mal kurz drüber nachdenkt, bevor er eine Kneipe verlässt, schon ein Erfolg und zum anderen haben wir uns dadurch dem Bürgerverein angenähert. Durch unsere Gespräche haben wir dem sonst so anonymen Nachtleben ein Gesicht gegeben und haben durch unser Verständnis für ihre Probleme einige Steine aus der Weg räumen können. Seitdem ist die Beschwerdelage, zumindest subjektiv wahrgenommen, auf ein sehr niedriges Niveau herabgesunken. Ganz klar ist, dass die Aktion nachhaltig betreut und regelmäßig aufgefrischt werden muss. Für neue Ideen für die kommenden Jahre sind wir jederzeit offen.


NACHTBAR & NACHBAR – DU BIST NICHT ALLEIN
www.nachtbarundnachbar.de
Bürgerverein Altstadt, Ordnungsamt Nürnberg, Bürgermeisteramt Nürnberg, Erlebnis Nürnberg e.V., Nürnberger Gastronomen & curt

 




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