Manchmal erscheinst du mir sehr abstrakt

23. JUNI 2016 - 28. AUGUST 2016, KUNSTHALLE

#Ausstellung, #Kunst, #Kunsthalle, #Natalie de Ligt

Die Malerin Henriette Grahnert in der Kunsthalle Nürnberg im Blick von Natalie de Ligt.

Die Bilder von Henriette Grahnert (*1977 in Dresden) kommen leichtfüßig, gekonnt und oft humorvoll-ironisch daher. Das Erstaunliche ist, dass die Künstlerin fast gänzlich ohne Figuration auskommt und man dennoch schwer von abstrakter Malerei sprechen kann, obwohl sie es strenggenommen ist. Grahnert macht häufig Wörter und Texte zum Gegenstand ihrer Bilder, oder sie versieht sie mit Titeln, die Versatzstücke von Texten sein können oder Floskeln, Redewendungen o.ä. Die Titel werden nicht nur zum unabdingbaren Sparringspartner des auf der Leinwand Gezeigten, sondern versetzen den Betrachter unvermittelt in den bekannten Bereich alltäglicher Erfahrungen, der alles andere als abstrakt ist. „Wer mag schon Streber“ (2008) lautet der Titel eines Bildes mit grauem Hintergrund, auf dem vereinzelte schemenhafte Punkte gemalt sind. Nur in der Mitte leuchtet ein wichtigtuerischer, klar abgegrenzter grüner Punkt.

In der Kunst gelingt es nicht oft, in dieser Form Werk und Titel in eins zu bringen. Bei Henriette Grahnert bilden sie ein kongeniales, sich einander bedingendes Team. Motiv und Malweise sind zugleich die Verkörperung der angedeuteten Stimmung. „Mostly Middle“ beispielsweise gehört in eine ganze Reihe von Gemälden, die auf grafische Elemente reduziert sind. Hier steht in dem mit Abstand größten Feld das Wort Middle, im weitaus kleineren das Wort Bad und im kleinsten Feld steht Great. Allein die Wahl der Farben von Hintergrund und Buchstaben sowie die Ästhetik der Typographie drücken die jeweilige Befindlichkeit aus. Ein großes Middle, in ordentlicher und langweiliger Schreibschrift, ist vor ein unspektakuläres Braun gesetzt. Das ist treffend, denn um Braun zu erhalten, muss man auf der Palette ein paar Farben mischen. Und wenn es einem mittel geht, ist stimmungsmäßig auch von allem etwas da. Oder um die Kuratorin der Schau aus dem Katalog zu zitieren: „Es überwiegt – im Leben wie in der Kunst – das Mittelmaß“ (Harriet Zilch). Das Bad steht im übrigen vor einem schwarzen Hintergrund und wirkt verschmutzt, auch durch die wie unfreiwillig aufs Bild gelangten Farbklekse. Hier ist gewissermaßen ein Bad Painting im Bild.

Der Bilderkosmos von Henriette Grahnert ist äußerst vielfältig, ihre malerische Bandbreite enorm. All das kann mit ein paar Bildbeispielen nur rudimentär erfasst werden. Sie jongliert virtuos mit den verschiedensten Malstilen und zugleich mit Malereitraditionen und Malerklischees. Ihre Bilder sind exakt durchkomponiert und wirken dennoch leicht und stellenweise wie durch den Zufall erzeugt. In der Gesamtschau zeigt sich so eine differenzierte Auseinandersetzung mit Malerei. Den Bildern von Henriette Grahnert ist zugleich die Liebe und Hinwendung zu diesem alten, aber eben nicht veralteten Medium anzumerken. So, wie sie es ausfüllt, nämlich auch mit Humor, kommt gleichsam eine kritisch-ironische Distanz zum Tragen, sowohl in Bezug auf die Aussagekraft von Bildern als auch auf das, was man Leben nennt. Bild und Sprache als Einheit verdeutlichen bei Henriette Grahnert sowohl das künstlerische Selbstverständnis als auch eine allgemeine Sicht auf die Welt. Und diese fokussiert vor allem auf das Absurde oder Absurd-Alltägliche samt der daraus resultierenden Tragikomik, zu deren Spielball man immer mal wieder wird. Insofern könnte man als Botschaft der Bilder vielleicht die Aufforderung sehen, sich selbst und die Dinge auch mal locker(er) zu nehmen.

Beim Gang durch die mit rund 100 Arbeiten bestückten Räume tritt zu keinem Zeitpunkt Ermüdung ein – natürlich wegen der Bilder, aber auch aufgrund der kurzweiligen Hängung mit zum Teil farbigen Wänden.

Henriette Grahnert lebt in Leipzig. Sie studierte dort an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Malerei bei Arno Rink. Sie wurde von der Kunsthalle Nürnberg zur Stipendiatin des Marianne-Defet-Stipendiums benannt und war Ende letzten Jahres einige Monate in Nürnberg zu Gast. Sie beendet den Aufenthalt mit dieser Einzelschau, zu der auch eine schöne Publikation erschienen ist.


Bis 28. August
KUNSTHALLE NÜRNBERG
Lorenzer Str. 32, Nbg
Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr
kunsthalle.nuernberg.de




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