So ein Theater ...

SONNTAG, 1. MAI 2016

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In seinem Theaterwegweiser im Mai kommt uns Dieter Stoll besonders lustig mit Beatles, Hofnarren und anderen Spaßvögeln.

Mit den rhythmischen Schritten, die sie in Richard Lesters Filmen abzählten, hätten es die Beatles wohl kaum zum Ballettabend gebracht: da helfen die echten Tänzer jetzt gerne aus. Im Mai gehört die dabei entstandene Salzburger Produktion ebenso zu den Spielplan-Höhepunkten (in Fürth) wie voraussichtlich ein ziemlich komisches Senioren-Songdrama (Schauspielhaus Nürnberg) und Verdis populäres Musiktheater um einen Hofnarren mit Mordabsichten (Opernhaus). Es geht schon ins letzte Saison-Viertel, und da muss man vor allem schnell nachholen, was an Höhepunkten bald nicht mehr im Ppielplan steht: „Neuland“ in Erlangen zum Beispiel.


STAATSTHEATER NÜRNBERG

PREMIERE: Ein ehemaliges Theater, längst zum Künstlerseniorenheim umgebaut, ist der Exerzierplatz einer außergewöhnlichen Show. Denn die betagten Schauspieler im Zwangsruhestand wollen weder Beschäftigungstherapie noch Beruhigungspillen, sie brauchen den Auftritt als Kreislaufbeschleuniger und schaffen sich dafür selber die Bühne: Pflegestufe XY. Unter der strengen Aufsicht der bissig disziplinierenden Stationsschwester greifen sie beherzt nach den entkrampfenden Evergreens ihrer jüngeren Jahre, zaubern aus der höchstpersönlichen Nostalgie den Spaßfaktor der Zeitlosigkeit. Zipperlein sind inbegriffen, das Tattern gilt als Ersatzvibrato. Erik Gedeons süffiges Songdrama EWIG JUNG, in dem die Darsteller mit ihren Echtnamen wie lebenslustige Gespenster der eigenen Zukunft auftreten, war einst in Hamburg als improvisierte Lückenproduktion zwischen zwei Großinszenierungen entstanden. Am Berliner Renaissancetheater, wo die zweite Variante inzwischen seit mehr als zehn Jahren stabil auf dem Spielplan steht (und übrigens auch schon im Fürther Theater gastierte), ist das ein Treffpunkt hochbegabter Musical-Stars aus „Cats“, „Cabaret“ und „Linie 1“. Die kurzfristig in die Planung eingeschobene Nürnberger Inszenierung (Regie: Kathleen Draeger, zuletzt in der BlueBox mit der Uraufführung „Der frühe Hase fängt die Axt“ befasst, also erfahren in theatralisierter Demenz) bietet in Angelika Milsters Paraderolle der Pflegedomina alternativ die an Edith Piafs Nachlass und Kurt Weills „Dreigroschenoper“ meisterlich geschulte Elke Wollmann neben komödiantischen Größen des Hauses wie Josephine Köhler, Pius Maria Cüppers, Marco Steeger und Frank Damerius. Das könnte mit etwas Glück und Spirit sowie dem direkten Zugriff der live beteiligten musikalischen Leiterin Bettina Ostermeier zum legitimen Erbe des „Sekretärinnen“-Erfolgs führen.
Premiere: 12. Mai. Weitere Aufführungen: 20. und 22. Mai im Schauspielhaus.

PREMIERE: Schauspieldirektor Klaus Kusenberg war schon immer gegen alle verkopften Intellektuellentrends ein erklärter Fan des zeitgenössischen Unterhaltungstheaters – und sein Publikumserfolg mit „Alle lieben George“, bekanntlich wegen der Nachfrage von der Kammer ins große Haus aufgestiegen, gab ihm ja wieder recht. Während er in den bisher 16 Jahren seiner Nürnberger Direktion die Sondermischung aus Gesellschaftskritik und Witz vor allem bei britischen Autoren und deren meist leicht angeschwärztem Humor fand, ist nun der Franzose Frédéric Sonntag für die Kategorie Thriller & Spaß zu entdecken. Im Stück GEORGE KAPLAN, wo im Stil von Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ übermütig mit Verschwörungstheorien und Phantasiesprüngen jongliert wird, sucht eine konspirative Aktivistengruppe den Zugang zur Weltmanipulation. Führt das etwa über die „Lü-gen-pres-se“? Wer weiß! Eine aberwitzige Komödie unter Hochspannung, jederzeit gut für Stromschläge und durchgebrannte Sicherungen. Neben dem „Winnetou“-Duo Thomas L. Dietz und Philipp Weigand spielen Karen Dahmen, Bettina Langehein und Christian Taubenheim.
Premiere: 28. Mai. Weitere Termine: 31. Mai, dann wieder 1. und 3. Juni in den Kammerspielen.

PREMIERE: Der polternde Hofnarr des moralfreien Herzogs, ein berufsmäßiger Zyniker mit gnadenloser Bosheit auf Abruf, ist privat eher feinfühlig und will in panischer Angst die eigene, heimlich aufgezogene Tochter vor der Verführung durch seinen gewissenlosen Herrn beschützen. Er weiß keinen anderen Rat und gibt dessen Mord in Auftrag. In Verdis populärer Oper RIGOLETTO, die in Nürnberg immer wieder geradezu fahrplanmäßig pünktlich im Spielplan auftaucht, steigert sich das mit unvergessbaren Melodien gespickte Drama bis über die Schmerzgrenze hinaus, wenn statt des Bösewichts versehentlich die reine Unschuld gemeuchelt wird. Die Neuinszenierung (frühere auf gleicher Bühne begnügten sich meist mit poetischem Pauschalbild) dürfte unter der Hand der preisgekrönten Jung-Regisseurin Verena Stoiber zu höheren Einsichten streben. Mikolaj Zalasinski, vor zwei Jahren als Scarpia in Puccinis „Tosca“ grandios, übernimmt die Titelrolle, Michaela Maria Mayer ist die koloraturselige Tochter Gilda, David Yim besingt in des Herzogs scheinheiliger Weltsicht die „trügerischen Weiberherzen“. Musikalisch ist dieser Verdi-Klassiker natürlich Chefsache, es dirigiert GMD Marcus Bosch.
Premiere: 29. Mai. Weitere Vorstellungen: 7. und 17. Juni im Opernhaus.

NEU IM SCHAUSPIEL-ANGEBOT: Den Autor Henrik Ibsen stellt Regisseur Sascha Hawemann persönlich auf die Bühne, um die Distanz zwischen Entstehung und Zeitlosigkeit des Dramas EIN VOLKSFEIND plausibel zu machen. Auch sonst lässt er sich einiges einfallen an Zitatenschatzgräberei, die letztlich zur Überwindung der Bühnenrampe führt und das Publikum zum „Volk“ der großen Versammlung um Wahrhaftigkeit und Manipulation ernennt. Das haben in den letzten Jahren freilich viele Inszenierungen so gemacht. Die Geschichte des Moralisten Stockmann, der einen Umweltskandal in der Bäderstadt ohne Rücksicht auf Verluste anprangern will und sich dabei im Netzwerk der eigenen hohen  Ansprüche verfängt, zeigt eigentlich vor allem, dass es mehr Farben gibt als schwarz und weiß. Hawemann montiert aus den Einzelteilen der Vorlage ein Pamphlet über die allzeit latente Gefährdung der angeblich so aufgeklärten Gesellschaft, was einen Kritiker zur trockenen Anmerkung veranlasste, dass diese Aufführung „ihre hehre Gesinnung buchstäblich am Fahnenmast flattern lässt“. Da kann jeder Zuschauer stramm stehen und die Besserwisser-Energie direkt in die applaudierenden Hände umleiten.
Termine: 5., 14., 21. und 29. Mai im Schauspielhaus.

FRISCH IM OPERNHAUS-SPIELPLAN: Die „Zwei plus eins“-Tradition, die Nürnbergs Ballettdirektor Goyo Montero für die zweite Groß-Premiere der Saison in seiner Sparte eingeführt hat, bewährt sich. Er holt jeweils zwei international bewährte Choreographien namhafter Kollegen und stellt eine eigene Uraufführung dazu. Diesmal heißt die am 30. April erstmals präsentierte Trilogie schlicht KAMMERTANZ und ist schon von den Namen der beiden Gäste her denkwürdig. Der epochale Tanz-Reformer William Forsythe (Frankfurt/Dresden) und der als Spitzenmann der Folge-Generation einzustufende Christian Spuck (Stuttgart/Zürich) bringen der Compagnie im Doppelpack reichlich Ehre und Herausforderung. Forsythes „Approximate Sonata“ und Spucks Totentanz zu Schubert-Streichquartett „das siebte blau“ werden durch Monteros neu entstehendes Ballett „Four Quartets“ zu Livemusik des Apollon Musagète-Quartet ergänzt. Er will damit sein erstmals Ende 2015 bei der Premiere von „Latent“ proklamiertes Bekenntnis zum „puren Tanz“ bekräftigen.
Termine: 10., 12. und 14. Mai im Opernhaus.

LETZTER AUFRUF: Etwas läppisch im Western-Look aufgemotzt war Johannes von Matuschkas Inszenierung der ultimativen Lovestory ROMEO UND JULIA geraten, aber Shakespeare ist ein Selbstläufer und die Besucherquoten passten trotz Knalleffekt. Bei der Wiederaufnahme hatte Julian Keck als Romeo mit Hütchen die Julia ausgewechselt, seither empfängt Karen Dahmen am Balkon bei Nachtigall und Lerche. Wer nicht bis zur nächsten Neuinszenierung ohne Revolverhelden warten will, hat noch einmal Gelegenheit zum Mitseufzen. Der Hinweis auf die letzten beiden Vorstellungen der grandiosen Aufführung von Leos Janaceks AUS EINEM TOTENHAUS ist aber nun wirklich ein Aufruf. Das Werk nach Dostojewski-Aufzeichnungen aus dem Straflager baut kein gemütliches Kultur-Eckerl für Stimmfetischisten, aber es ist imposantes Musiktheater. Hinreißend umgesetzt durch die knallharte Inszenierung von Calixto Bieito, die bestens dazu passende Interpretation von Marcus Bosch und der Staatsphilharmonie sowie einem bewundernswerten Solisten-Ensemble mit Antonio Yang an der Spitze. Vermutlich werden Sie die selten aufgeführte Oper des eher mit „Jenufa“ und „Das schlaue Füchslein“ bekannten Komponisten in diesem Leben nie wieder sehen können – schon gar nicht in solch optimaler Qualität.
Termine: Aus einem Totenhaus (15. und letztmals 22. Mai, Opernhaus), Romeo und Julia (19. Mai, Schauspielhaus).

HIGHLIGHT: Es bleibt dabei, die Inszenierung von Elfriede Jelineks DIE SCHUTZBEFOHLENEN ist die beste, wichtigste und – ja, sogar das! – unterhaltsamste Schauspieleufführung der Saison. Regisseurin Bettina Bruinier, die vorher auch schon aus dem Klassikermonster „Das Käthchen von Heilbronn“ Funken schlug, hat mit dem hochmotivierten Ensemble die von mehreren Monolog-Orkanen aufgewühlte Textfläche der Literaturnobelpreisträgerin in artistischer Eleganz überquert. Die verbale Attacke zur Diskussion um die „Flüchtlingskrise“, ein wahrhaft qualifizierter Wutausbruch, wird in der kompakten 100-Minuten-Revue voller Quergedanken und Szenenexplosionen wunderbar aufrührerisch umgesetzt. Sogar ratloses Schweigen wird hier zum Gesamtkunstwerk. Muss man sehen!
Termin: Nur am  6. Mai im Schauspielhaus.

KASSENKNÜLLER: Nach April-Abrechnung waren das die am schnellsten ausverkauften Vorstellungen, die es im Mai wieder gibt. Die laufende, mit vielen Gästen produzierte Inszenierung von Cole Porters Musical KISS ME, KATE ist nicht besonders feinfühlig oder gar originell, aber jedenfalls perfekt im Hüftschwung sowie bunt und schrill genug für genügend Wirkungstreffer. Und das Stück ist im Swing-Kern ja wirklich gut. Nichts läuft im Opernhaus derzeit besser, die Platzausnutzung liegt nahe hundert Prozent. Im Schauspielhaus wird der auch eher pauschal angelegte Klamauk DER NACKTE WAHNSINN weiter gern genommen, in den Kammerspielen sind Ferdinand von Schirachs nach Aktenlage konstruierter Gerichtsthriller TERROR (mit dem Publikum als Schöffengericht) und die eindringliche Fortschreibung des Big-Brother-Klassikers 1984 (in Regie des für Nürnberger Verhältnisse am unkonventionellsten operierenden Regisseurs Christoph Mehler) immer noch die meistgefragten Titel.
Termine: Kiss me, Kate (11., 16., 21., 26., 28., 30. Mai), Terror (6. und 30. Mai), Der nackte Wahnsinn (4., 18., 27. 28. Mai), 1984 (3., 8., 13. Mai).

STAATSTHEATER NÜRNBERG
Richard-Wagner-Platz 2-10, Nbg
staatstheater-nuernberg.de


TAFELHALLE

COMEBACK: Der Aufstand des Kasperltheaters gegen sein eigenes Image hat zu einer der lustigsten Aufführungen von Thalias Kompagnons geführt. Tristan Vogt als alle Hände und Stimmbänder einsetzender Puppenspieler in Beugehaft, der in der Gewalt von Krokodil und Gretel akzeptieren muss, dass sein hampelndes Stammpersonal als unerwartet ambitioniertes Hochstapler-Ensemble auch Klassiker erobert. MACBETH FÜR ANFÄNGER ist ein schnoddrig witziges Spiel mit Theaterklischees, kreuzt das Selbstbewusstsein der handlichen Figuren mit dem anmaßend riesigen Anspruch der lebensgroßen Schauspielerei. Daraus entsteht ein Feuerwerk von Witz, das beiläufig bis in die dunkelsten Ecken der soeben jubilierenden Shakespeare-Deutungsgeschichte hineinflackert. Die Wiederkehr dieser Aufführung ist wie ein Geschenk für alle, die sie bisher versäumt oder einfach noch nicht oft genug gesehen haben.
Termine: 5. bis 7. Mai in der Tafelhalle.

PROJEKT: Fünf Tänzerinnen und Tänzer aus mehreren Ländern eröffnen ein Testlabor: Wie kann man, wenn die Worte oft fehlen, trotzdem miteinander umgehen? Ist Körpersprache das ultimative Medium, das Kulturgrenzen schneller überwindet? Mit der Nürnberger Choreographin Alexandra Rauh und Regisseur Gunnar Seidel begeben sich die Akteure auf die Suche nach der wirksamen Haltung gegen Ängste und Vorurteile im Umgang mit dem Fremden. Die Zuschauer sind dabei als Ratgeber gefragt, dürfen also mitbestimmen. TABULA RASA ist der vielsagende Titel des Experiments, denn das Scheitern als Möglichkeit gehört da zum Konzept – dann wird der Versuch gelöscht und nochmal neu begonnen. Ende offen.
Premiere: 29.Mai in der Tafelhalle, weitere Termine erst nächste Saison.
 
TAFELHALLE
Äußere Sulzbacher Str. 62, Nbg
tafelhalle.de


GOSTNER HOFTHEATER

WEITER IM SPIELPLAN: Wie man den eigenen Freundeskreis von Zeit zu Zeit bereinigt, ohne dabei die gepflegte Stilsicherheit zu verlieren, zeigt die Komödie ABSCHIEDSDINNER des Pariser Autorenduos Matthieu Dellaporte/Alexandre de la Pattellière, das in Frankreich mindestens so geschätzt ist wie die vergleichbar süffisant schreibende Yasmina Reza. Die Story schildert die besondere Abstoß-Prozedur, nach der ein nicht mehr genehmer „Freund“ zum finalen Dinner geladen wird, ohne dass er von seiner Verurteilung zum Nobody weiß, und nach diesem scheinbar harmonischen Abend nie wieder etwas vom Kreis der Lieben hören soll. Im Spezialfall, dessen sich die Autoren hingebungsvoll schmunzelnd annehmen, wird das etwas komplizierter: Das Opfer hat Insider-Wissen, kennt also das Galgenschmaus-Ritual und ist nicht gewillt, es kampflos zu akzeptieren. Regisseur Stephan Hoffstadt, seit vielen Jahren einmal pro Saison am Gostner in Aktion, inszenierte die bissige Salon-Satire mit Miriam Kohler, Thomas Tucht und Thomas Witte.
Termine: 4. bis 6., 11. bis 14., 25. bis 28. Mai im Gostner Hoftheater.

GOSTNER HOFTHEATER
Austr. 70, Nürnberg
gostner.de

GASTSPIEL: Drei junge Türken aus Deutschland, nach Biografie und Temperament sehr unterschiedlich, reisen gemeinsam nach Istanbul, auf der Suche nach den Wurzeln ihrer Familie. Was sie finden, zeigt das Recherche-Stück TAKSI TO INSTANBUL, als Förderprojekt von Comedia Köln mit den drei über den vielzitierten „Hintergrund“ verfügenden Schauspielern Sibel Polat, Faris Metehan Yüzbasioglu und Harion Ciftci realisiert. Ein Road Movie auf der Erkenntnisstrecke Köln–Istanbul, von Regisseur Manuel Moser so komödiantisch inszeniert, dass es seit der Premiere immer wieder Ovationen für das Trio gibt.
Termine: 12. und 13. Mai im Hubertussaal.

HUBERTUSSAAL
Dianastr. 28, Nürnberg
gostner.de


THEATER ERLANGEN

GASTSPIEL: Wer seine Freizeit nach TV-Programm ordnet, kennt Eva Mattes natürlich als Kommissarin aus dem Konstanzer „Tatort“ – aber das ist nur ein kleiner Seitenblick auf das universelle Talent dieser Schauspielerin. Sie war in jungen Jahren eine der führenden Musen von Theater-Titan Peter Zadek und Special-Filmemacher Rainer Werner Fassbinder, sprang auch schon mal für Ute Lemper als Blauer Engel beim Musical ein und blieb im ständigen Pendelverkehr zwischen Filmstudio und Livebühne. Eine Kronzeugin der deutschen Theater-, TV- und Kinogeschichte. Aus der Erinnerung an diese bisher 40 Jahre ist MEIN PERSÖNLICHSTES PROGRAMM entstanden, das sie immer mal wieder aufblättert. Eva Mattes erzählt, zitiert und singt. Auch die Chansons von Marlene Dietrich gehören zum persönlichen Kulturgut, das für diesen Abend abgestaubt und blitzblank präsentiert wird.
Termin: 5. Mai im Markgrafentheater.

WEITER IM PLAN: Sie sitzen in der Provinz ihr tristes Leben ab und träumen von besseren Welten. „Nach Moskau, nach Moskau“, ist der Sehnsuchtsruf, den Anton Tschechow in seinem 1901 uraufgeführten und wohl für die Ewigkeit geschaffenen Stück den DREI SCHWESTERN zuteilte. Die Erlanger Inszenierung entzieht sich der lähmenden Melancholie, die sonst oft als Grundierung dieses Textes üblich war, und zeigt die Akteure buchstäblich mit dem Rücken zur Wand. Es beginnt vor dem Eisernen Vorhang, aber mit jedem Szenenwechsel, mit dem das Ensemble tiefer und verlorener in den Raum hinein rückt,  taucht eine weitere schwarze Tafel als Begrenzung auf. Vor allem die vier Frauen (die Titelheldinnen und ihre penetrant biedere Schwägerin) tragen dieses Konzept, das mit Tragikomik in die Elegie blitzt. Bei den Herren gerät das Erlanger Ensemble gelegentlich an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Sehenswert ist es trotzdem.
Termine: 7. und 8. Mai im Markgrafentheater.

HIGHLIGHT: Diese Aufführung ist mit keiner anderen aus den fränkischen Spielplänen vergleichbar. Für das „interkulturelle Theaterprojekt“ mit dem vieldeutigen Titel NEULAND wurden in Erlanger Deutschkursen neun junge Geflüchtete aus den bekannten „Herkunftsländern“ als Darsteller angeworben. Seit sechs bis achtzehn Monaten sind sie vor Ort, nun also eingeladen zum öffentlichen Träumen. Mit ihnen und dem als diskreten Anführer wirkenden Schauspieler Christian Wincierz aus dem Erlanger Ensemble (ein Thüringer, also auch Flüchtling, spottet er) hat Regisseur Jakob Fedler einen denkwürdigen und verblüffend unterhaltsamen Szenenabend entwickelt. Er findet über drei Märchen aus der Grimm-Sammlung zu einer nur für diese Aufführung gültigen, dafür aber sensationell auf den Punkt gebrachten Art von Minimal-Comic. Da wird nach aktuellem Stand der Sprachkenntnisse so geschickt mit Worten samt Kürzeln hantiert, dass die Verständigungs-Grenzen zu tanzen beginnen. Man hört auch traurige Berichte von denen, die das erleben mussten, sieht sie aber vor allem fröhliche Neugier bei der Rundfahrt mit der Leitkultur-Geisterbahn. Schlüsselerlebnisse mit der Bannkraft des deutschen Umlauts (Merke: Oil heißt hier Öl, da gibt es keinen Kompromiss an der Supermarktkasse) inbegriffen. Das ist eine anrührende, erheiternde, Hoffnung stiftende und sogar bei der Umsetzung von eigenartiger Bühnen-Ästhetik ganz außerordentliche Vorstellung. Ein kleines Theater-Wunder von 90 Minuten.
Termine: 7. und 9. Mai im Theater in der Garage.
 
THEATER ERLANGEN
Theaterplatz 2, Erlangen
theater-erlangen.de


STADTTHEATER FÜRTH

GASTSPIEL: Die kleine „Help“-Stellung von George, John, Ringo, Paul für die Sprünge in Richard Lesters Film haben nicht zwangsläufig auf eine spätere Ballettkarriere hingewiesen, aber seit die Beatles als Legende der Popkultur durchs Universum kreisen, ist natürlich nichts unmöglich. Für Peter Breuer, den früheren Solotänzer und jetzigen Choreographen mit besonderem Promi-Drang (Marilyn Monroe und Coco Chanel hat er auch schon in Bewegung gesetzt), war das Ehrensache. Er nahm sich mit seinem „Salzburg Ballett“ die Hitliste der Liverpooler vor, wollte daraus aber ausdrücklich kein Compagnie-Musical über deren Karriere basteln. Was ihn für den lapidar so betitelten BEATLES-TANZABEND interessierte, waren die kleinen Geschichten, die in solch kolossalen Ohrwürmern wie Yesterday oder Yellow Submarine stecken. 
Termine: 3.,4., 12., 13. Mai im Fürther Theater.

GASTSPIEL: Die Bruchlandung der ehrgeizigen Propeller-Eltern in der Lehrersprechstunde ist das Thema von Lutz Hübners erfolgreicher Schulstresskomödie FRAU MÜLLER MUSS WEG. Nach der Uraufführung im Berliner GRIPS-Theater und der Verfilmung mit Anke Engelke blieb das Stück  an den Bühnen der Region weiterhin unberührt. Dabei wird der nicht jederzeit ganz lautere Wettbewerb um die Bestnoten für die Kinder, diese selbstverständlich verkannten Genies aus eigener Produktion, zur absurden Rangelei um die vermeintlich besten Startpositionen zum Sprung auf die nächste Förderstufe, wahlweise auch bloß zum kleinkarierten Prestige-Projekt. Die pointensicheren Dialoge, erkennbar der Realität abgelauscht und lustvoll zugespitzt, sind für Schauspieler wie Zuschauer gleichermaßen erfreulich. Kay Neumann inszenierte die Tournee-Produktion.
Termine: 10. und 11. Mai im Fürther Theater.

STADTTHEATER FÜRTH
Königstr. 116, Fürth
stadttheater.fuerth.de


THEATER SALZ+PFEFFER

WEITER IM PLAN: Um Lösegeld geht es diesem Geiselnehmer nicht, jedenfalls nicht in gängiger Währung. Er will nur reden, was das Kidnapping zum Sonderfall von Kommunikation macht. In MEIER MÜLLER SCHULZ entsteht ein wunderliches Dreiecksverhältnis von Tätern und Opfern als Front gegen die Einsamkeit. Der mit dem Nürnberger Kulturförderpreis ausgezeichnete Autor Marc Becker, mit „Magic Macbeth“ in der Erlanger Garage nahezu legendär und seit einigen Jahren aus Franken ausgewandert, schrieb die Dialoge für diese Schicksalsgemeinschaft mit beschränkter Haftung, Wally und Paul Schmidt alias Theater Salz + Pfeffer lenken die großmäuligen Puppen durchs Labyrinth der Hoffnungen.
Termine: 7., 8., 12., 13. und 14. Mai  im Theater Salz + Pfeffer.

GASTSPIEL: Auch jenseits vom Weihnachtsbraten ist Gänsehaut mehrheitsfähig. Sorgfältige Behandlung scheint für den Knusper-Faktor in jedem Fall wichtig, also lassen Wally und Paul Schmidt ihr erst für Juni angekündigtes „Frankenstein“-Projekt quasi schon mal von Grusel-Paten anbraten. Das Duo Handmaids & Bretschneider aus Berlin zeigt seinen Abend über den DRACULA-KOMPLEX mit garantierter Blutspende an zwei möglichst vollmondigen Abenden im Haus am Plärrer. Es wird gebissen und gesaugt, ehe dann in Kürze unsere ganze Aufmerksamkeit dem Monster mit dem starren Blick gehört.
Termine: 28. und 29. Mai im Theater Salz + Pfeffer.

THEATER SALZ+PFEFFER
Frauentorgraben 73, Nbg
salzundpfeffer-theater.de


   
DIETER STOLL, Theaterkritiker und langjähriger Ressortleiter „Kultur“ bei der AZ.

Als Dieter Stoll nach 35 Jahren als Kultur-Ressortleiter der Abendzeitung und Theaterkritiker für alle Sparten in den Ruhestand ging, gab es die AZ noch. Seither schreibt er weiterhin, zum Beispiel überregional für Die Deutsche Bühne und ddb-online (Sitz Köln) sowie für nachtkritik.de (Sitz Berlin). Außerdem veröffentlicht er monatlich im Straßenkreuzer seinen Theatertipp.
Am meisten dürfen wir uns über ihn freuen. DANKE!




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