Theobald O.J. Fuchs: Der Wind brüllt mir sein Lied ins Ohr

DONNERSTAG, 28. APRIL 2016

#Comedy, #Kolumne, #Theobald O.J. Fuchs

Dieses Lied nämlich. In das ich einstimme als hätte ich eine Wahl. Er ist stärker als ich, der Wind. Welcher Wind genau ist es, der da singt? Wo kommt er her?, frage ich mich. Doch da fegt schon der nächste Luftstoß um die Kurve, knallt mir ins Gesicht.


Was habe ich Dir getan, Wind?,,, rufe ich, warum quälst Du mich so? Du zerrst und reißt an meinen Nerven. Und an den Bohnenschösslingen im Garten. Und mir die Wörter aus dem Mund, dass es nicht mehr feierlich ist. Ich hasse Dich Wind, Dich und Deine Nachkommen bis ins fünfte Glied. Du lärmst, Du zupfst, Du quengelst – Blödwind! Ich hasse Dich so sehr, dass ich aus Verzweiflung meinen ersten Haiku schrieb, einen großartigen, überragenden Haiku, den ich Dir in Dein wehendes Antlitz schleudere wie eine gellende Ohrfeige! Da:

    Wind zerzaust mein Haar,
    Bis die Ohren frei liegen.
    Dort rupft er weiter.

Das hast Du nun davon, Wind, Du Sau!

Der Wind macht mich taub und stumm, er schlägt mir mit Wucht auf die Augen, er krallt sich in meine Kleidung wie unsichtbares Dornengesträuch. Er raubt mir jegliche Ruhe und alle Kontemplation. Bleib bei der Sache. Bleib. Bei. Der Sache. Doch schon ist sie weg, meine Aufmerksamkeit, verweht in alle Himmelsrichtungen …

In dieser Manier ging es für eine ganze Weile hin und her, bis ich wirklich und endgültig genug hatte und beschloss, etwas zu unternehmen. Ich suchte den Windwärter auf, in seiner Wellblechhütte am letzten Weltenzipfel. Da hockte der zerzauste Mann in seiner Butze, die halb begraben war unter den Gebeinen von Wanderern, die der Wind vom Weg geblasen hatte. Er sollte sich eigentlich um den Wind kümmern, hier und da vielleicht sogar ein bisschen antreiben, aber im Wesentlichen bändigen und notfalls zum Wertstoffhof bringen. Das war sein Job.

Bloß vernachlässigte der Windwärter seit Jahrhunderten seine Pflicht, weil er damit beschäftigt war, den Ofen anzuzünden. Er wollte zwar nur Kaffee kochen, aber den Wind interessierte das einen feuchten Sandsturm. Ein Streichholz nach dem anderen blies der Wind aus, denn es machte ihm Spaß, seinen Wärter zu tretzen. Doch der war ein Sturkopf und versuchte es weiter, Jahr um Jahr.

„Guten Tag“, sagte ich zum Windwärter in dessen Sprache.
„Wie bitte?“ brüllte er zurück, denn er war taub geworden vom Tosen und Fauchen der Stürme, aber auch von seinem eigenen Gebrüll.
Ich klaubte einen abgerissenen Pappendeckel vom Boden und schrieb darauf mit dem rußigen Stummeln von 99 angebrannten Streichhölzern: „Es muss möglich sein, dem Wind Einhalt zu gebieten! Wir Menschen können mit Links ganze Tierarten ausrotten, wir können Atomraketen auf den Mars schießen und Elementarteilchen Walzer tanzen heißen. Deswegen muss es doch eine Methode geben, die den Wind stoppt. Welche ist das?“
Der Windwärter schrieb zurück: „Wollen wir uns vielleicht erst einmal den Kopf klar trinken?“

Ich nickte. Dann leerten wir gemeinsam eine Flasche Schnaps, während uns der Sturm mit nie da gewesener Wut um die Ohren pfiff.

Auf dem Boden der leeren Flasche stießen wir auf die Lösung. Windräder. Wegen Energieerhaltung und dergleichen verhält es sich so, dass weniger Wumms hinten aus dem Windrad herauskommt, als vorne hineinging. Ganz ähnlich wie am Freitag Abend das Bier in meinen Körper. Nachdem ein Windrad einen Teil des Windes in Strom umgewandelt hat, muss nur immer rechtzeitig das nächste dastehen, eins nach dem anderen, bis am Schluss Ruhe ist. Dort will ich leben. Hinter den sieben Bergen mit den siebenundsiebzig Windräder, wo endlich Ruhe herrscht. Nur die stärksten Vögel nisten hier - weil sie jeden Meter mit eigener Kraft fliegen müssen - und es gedeiht kein Löwenzahn, sondern nur die feingliedrigsten aller Pflanzen, wie zarte Spinnweben und flirrende Zuckerkristalle, die aus einem vergessenen Likörgläschen empor sprießen, das niemand, wirklich niemand mehr umwirft.

[Fotos: Katharina Winter]


UND WAS MACHT THEO WIRKLICH?
Sofern sich uns Theo nicht mit Naturgewalten wie Wind und Wetter auseinandersetzt, kann man ihn ab und an als Exponat in der Galerie Bersteinzimmer bewundern (aber bitte nicht anfassen!), in der der Herr Doktor gerne seine üppige Freizeit verbringt. So wahrscheinlich auch am Samstag, 7. Mai ab 20 Uhr, wenn das Krakauer Haus anlässlich der 11. Polnischen Filmwoche zu Gast ist. Hierfür übt der grau-schlaue Fuchs auch schon fleißig das Polnische, in Form von Zubrówka, Barszcz und Pierogi. Und: Ende Mai erscheint sein erster Roman. Gewidmet: uns. Ganz sicher!
 




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