Spröde und bezaubernd

27. FEBRUAR 2016 - 23. APRIL 2016, OECHSNER GALERIE

#Ateliere und Galeriehaus Defet, #Ausstellung, #Kolumne, #Kunst, #Natalie de Ligt, #Oechsner Galerie

Die Bildhauerin Gisela Kleinlein zeigt „Herr Meier, Litfin und andere ...“ – Eine Betrachtung von Natalie de Ligt.

Zur Eröffnung erschien eine mitteljunge Dame mit ihrem tadellos gekleideten Gatten. Der Gatte schimpfte wie ein Rohrspatz über eines der Werke von Gisela Kleinlein – zu Unrecht, wie alle Umstehenden befanden, aber der Gatte hat sich dermaßen in seine Wut über Kunst, die keine Kunst sei, hineingesteigert, dass ihn seine Gemahlin unter beschwichtigenden Worten hinfort zog. Wir wissen nicht, ob er sich wieder erholt hat. Bei dem Kunstwerk, das Stein des Anstoßes war, handelt es sich um eine Skulptur aus handelsüblichen Leitungsrohren aus verzinktem Metall, auf deren in die Höhe ragenden Enden kunstvoll und in vollem Bewusstsein des frühlingshaften Farbkontrastes zwei narzissengelbe Plastikfederbälle drapiert sind. Im Dada-Jubiläumsjahr hätte dieses Werk wunderbar als Wahrzeichen dienen können. Nicht nur, dass die 1955 in Nürnberg geborene Künstlerin, die heute in Düsseldorf und Berlin lebt, hier Gegenstände zusammenbringt, die absolut nichts miteinander zu tun haben (dürfen), sie veranstaltet mit diesem Werk geradezu eine Materialschlacht, aber eine subtile, stille, minimalistische. Hier passt rein gar nichts zusammen, aber es ist schön und gekonnt und voller Anspielungen. Außerdem schimmert da auf eine wundersame Weise eine Person durch. Ich würde sagen, eine mitteljunge Dame, die weiß, was sie will, die sich nicht um andere schert, sondern ihren Weg geht, aber nicht verbissen, dafür mit Humor und Chuzpe, sie hat eine kesse Kurzhaarfrisur, ist ein wenig zu perfektionistisch, was sie aber mit ans Schrullige grenzenden Aktionen auszugleichen vermag. Mit diesem Menschen wird es niemals langweilig. Wann hat man die Chance, einer so charakter-festen und zugleich sympathischen Person zu begegnen?

Die Idee, in dieser und auch in anderen Skulpturen Gisela Kleinleins etwas Personenhaftes zu sehen, drängt sich nicht nur durch einige Titel wie Hildegard, Herr Meier oder Litfin (ebenfalls ein Familienname) auf. Ein geradezu bezauberndes und auch etwas leicht wunderliches Ensemble von Skulpturen im rechten Teil des Galerieraums verweist noch expliziter, quasi aus sich selbst heraus, auf diesen Gedanken. Hier greift die Künstlerin neben industriell vorproduzierten Materialen, auch auf beseelteres und formbares Material wie Gips, Holz oder Acrylat zurück. Und die künstlerische, individuelle Geste und Handlung wird sichtbar. Hier zeigen sich diverse Formen, Verformungen, das Spiel mit Formbarkeit und auch der Einsatz von Farbe. Man erkennt ein Prinzip, wonach sich die Künstlerin allerlei skulpturalen und bildhauerischen Fragestellungen widmet, bzw. es wird deutlich, dass den Werken eine solche Auseinandersetzung vorausgegangen ist. Die individuell geformten Körper sind auf meist windschiefen Stellagen, Hockern oder Gestellen platziert und verschmelzen zugleich mit diesen zu einer sich gegenseitig bedingenden Einheit bezüglich Schwerkraft und Gleichgewicht. Sie verbinden sich zu einem Körper, der mal mehr, mal weniger an der skulpturalen Last zu tragen hat, locker im Kontrapost, stramm-breitbeinig oder auch mal etwas gakelig da steht. Stellage und das darauf Drapierte bedingen derart einander, dass nicht klar ist, was zuerst da war und ob sich die Stellage aus dem Gebilde oder das Gebilde aus der Stellage ergeben hat – womit Kleinlein auch Fragen zur tradierten Rolle des Sockels aufwirft. Aber all diese, auch kunstimmanenten, Anspielungen scheinen sich unter der Hand der Künstlerin wie selbstverständlich zu ergeben.

„Die künstlerische Produktion wird zum Prozess des generellen Hinterfragens der ästhetischen Bedeutung von uns umgebenden plastischen Formen“, sagt die Bildhauerin Gisela Kleinlein. So entstehen skulpturale Persönlichkeiten von sprödem, ironischem und gleichsam von spielerisch-poetischem Charakter. Bezaubernd!

[Text: Natalie de Ligt]


Bis 23. April
OECHSNER GALERIE
IM ATELIER- UND GALERIEHAUS DEFET
Gustav-Adolf-Str. 33, Nbg
Mi-Fr 11-18 Uhr, Sa 11-15 Uhr u. n. V
www.oechsner-galerie.de




Ausstellungsansicht „Herr Meier, Litfin und Andere ...“, Oechsner Galerie. Foto: Natalie de Ligt
Gisela Kleinlein, Ohne Titel, 2014, verzinkter Stahl, Kunststoff, 159 x 31 x 69 cm, Foto: Friedhelm Hoffmann




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