Dem Egers sei Welt #46

MITTWOCH, 30. MäRZ 2016

#Comedy, #Egersdörfer, #Kolumne

Diese Geschichte ist lange her. Ich konnte mich bei uns im Badzimmerspiegel nur knapp über der Nasenspitze selbst sehen. Mein bester Freund war der Erik, und ich hörte damals gern Vater Abraham und die Schlümpfe auf Kassette. Vater Abraham und die Schlümpfe waren damals das, was heutzutage wahrscheinlich so eine Band wie Revolverheld ist.

MEIN VATER

Es war Samstag und der Himmel war blau wie ein Schlumpf blau ist. Ich stand bei uns im Garten und schaute, ob irgendwo etwas los wäre. Als erstes schaute ich zum Mülleimer. Der Mülleimer war leer. Die Müllabfuhr hatte den ganzen Müll kürzlich abgeholt. Nur ein bisschen komischer Geruch war nahezu unauffällig zurück geblieben.

Dann schaute ich zu den Nachbarn, dem Ehepaar Weimann, hinter der Hecke. Herr Weihmann war ein leidenschaftlicher Vogelfreund. An mehreren Stellen in seinem Garten hingen Vogelhäuser. So groß seine Freundschaft zu den Vögeln gewesen ist, so leidenschaftlich und ausgeprägt war auch sein Katzenhass. Das ging sogar so weit, dass er sich selbst eine Katzenfalle gebaut hatte. Es war ein länglicher Käfig, an dessen einem Ende ein Köder baumelte, der Katzen anlocken sollte. Wenn die Katze mit der Nase daran schnupperte, löste sie einen Mechanismus aus und am anderen Ende schnappte die Falle zu. Dann miaute die Katze, weil sie merkte, dass sie eingesperrt war. Wenn das Herr Weihmann hörte, drehte er das Wasser an und spritzte die Katze im Käfig mit dem Wasserschlauch etwa zwanzig Minuten komplett nass, dass sie überall tropfte, wo man als Katze nur tropfen kann. An diesem Vormittag war allerdings noch keine Katze darauf reingefallen. Die Falle war leer.

Also ging ich zur Blautanne, stellte mich auf die dicke Wurzel des Baumes und schaute mir die vielen Äste von unten an. Manchmal gurrten eine oder mehrere Tauben in der Tanne. Meine Oma konnte das Gurren der grauen Tauben nicht leiden und sagte dann immer: „Da müsste man jemandem Bescheid geben, der einmal kommt und mit seinem Gewehr die Tanne hinaufschießt, damit die lästigen Tauben aufhören ihre traurigen Lieder zu singen.“ Aber an jenem Tag befand sich keine einzige Taube im Baum, es gurrte kein einziges Mal und keiner schoss mit dem Gewehr. Die Tanne war sozusagen auch leer.

Um ein Haar hätte ich damit begonnen, mich ein bisschen zu langeweilen, als im selben Augenblick mein Vater aus der Haustür herauskam. Mein Vater war groß. Ich musste den Kopf leicht heben, damit ich ihm ins Gesicht schauen konnte. Seine Nase war riesig und seine Haare waren weiß. Viele Haare waren es auch nicht. Sie wuchsen nur am Rand und hinten. Ganz oben am Kopf war mein Vater nackt.

Er sagte: „Hopp, geh her, Maddhias, ich zeich der was!“ Er lief zur Garage und ich ihm hinterher. Mein Vater holte sein Fahrrad heraus. Das Fahrrad war grün und die Lampe war fast so groß wie meine Schale fürs Müsli. Der Sitz war aus braunem Leder und die Werkzeugtasche sah aus, als wäre darin ein Revolver. Vorne auf dem Schutzblech war ein Panther aus Metal angebracht, und die Klingel war so laut, wie wenn ein Topf aus dem Schrank fällt.

„Ich fohretzamol rückwärts Fahrrad und Du musst schaua, dass mir nix entgegen kommt“, sprach der Vater, während er das Fahrrad auf die Straße rollte. Ich wusste gar nicht, was er genau meinte. So schnell konnte ich nicht schauen, stieg er auf das Rad, aber verkehrt herum. Seine Nase zeigte nicht nach vorne, sondern nach hinten zum Rücklicht. Hinterm Zaun von den Nachbarn stand der Bernhardiner, und ich glaube, er hat damals den Kopf geschüttelt, und ich habe auch den Kopf geschüttelt. Mein Vater stieg erst auf das eine Pedal und trat los, und dann setzte er den anderen Fuß auf das andere Pedal. Er fuhr in Schlangenlinien. Beim Rückwärtsfahren war es offensichtlich nicht so einfach mit dem Gleichgewicht.

Ich hielt den Atem an und der Nachbarshund bellte aufgeregt. Mein Vater benützte nicht den Sattel zum Daraufsitzen, sondern den Lenker mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Er sah den Bürgersteig nicht, auf den er gerade verkehrt herumzufuhr und ich rief laut, während ich ihm hinterherlief: „Gib Obacht. Rechts!“Ich musste laut schreien, weil der Nachbarshund gerade angefangen hatte, laut zu Bellen vor Aufregung. Im letzten Moment lenkte mein Vater nach links.
Die andere Nachbarin, Frau Conrad, schaute gerade aus dem Fenster, wahrscheinlich wegen des lauten Gebells und meines Gebrülls und rief laut: „Das dörf wohl nicht wahr sein. Der Vadder vom Maddhias fährt rückwärts Fahrrad. Ich werd verrückt.“ Aber da war mein Vater schon längst weitergefahren und an der Kreuzung rief ich: „Rechts abbiegen!“ und mein Vater bog rechts ab.
So fuhr mein Vater rückwärts durch die ganze Stadt und ich rannte hinterher. Frau Conrad rannte mir hinterher. Der Bernhardiner war über den Zaun gesprungen und rannte bellend hinter Frau Conrad her. Als  mein Vater bei den Reichels vorbeifuhr, kam auch Frau Reichel aus dem Haus gerannt und lief dem Bernhardiner lachend nach. Außerdem kamen dann noch Herr Büttner und Frau Lang dazu, und am Schluss rannten ganz viele Leute meinem Vater hinterher.

Mein Vater fuhr bis zum Stadtrand und da kam dann eine kleine Blaskapelle dazu und hat schön aufgespielt und alle Leute haben gelacht und getanzt. Am Schluss, als es schon anfing zu dämmern, fuhr mein Vater richtig herum wieder zurück nach Hause, und ich durfte auf der Stange sitzen zwischen seinen Armen.



UND WAS MACHT EGERS SONST NOCH IM MÄRZ?
Kein Aprilscherz ist die Lesung Dreck am Stecken zusammen mit Phillip Moll am 1. April im Katzwanger Kulturzentrum. Am Dienstag, den 12. April, lädt sich der fränkische Galan selbst nebst Gästen zu Egersdörfer und Artverwandte in den Festsaal des Künstlerhauses im KunstKulturQuartier von und zu Nürnberg, wie immer präsentiert von curt. Ansonsten bereist er die Republik kreuz und quer, immer unterwegs, um fränkischen Frohsinn in die Welt zu tragen.
Wichtigeres, Genaueres und Weiteres unter www.egers.de
 




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