Theobald O.J. Fuchs: Hose

MITTWOCH, 2. MäRZ 2016

#Kolumne, #Theobald O.J. Fuchs

Hose, Hose, Hose. Ein seltsames Wort, wie ich soeben, beim Hinschreiben, finde. Hose. Man kann aus denselben Buchstaben die Worte Oseh, Esoh, Heso, Sohe und Eosh basteln. Und noch einige mehr, aber keines dieser Worte macht auch nur im Entferntesten Sinn. Nur „Hose“, das geht. Wenn ich noch intensiver über das Ding „Hose“ nachdenke, wird‘s mir blümerant zumute. Dann verstehe ich bald überhaupt nichts mehr. Wie konnte je irgendein vernunftbehaftetes Wesen sich einen derartig kuriosen Fummel ausdenken? Einen Kartoffelsack – geht in Ordnung, kann man sich vorstellen. Aber eine Hose …?

Angenommen, ich hätte noch nie im Leben eine Hose gesehen und bekäme quasi als Hausaufgabe, für einen Menschen, der, so nackt wie er geboren wurde, neben mir steht, eine ordentliche Bekleidung für Untenherum auszudenken - also zum Beispiel, wenn ich der Änderungsschneider wäre, dessen Laden an der Ausfallstraße des Paradieses liegt, und zu dem sich Adam und Eva flüchten, weil sie nichts anzuziehen haben. Wenn ich mir also praktische und schöne Kleidung ausdenken müsste, im Leben nicht käme ich auf die Hose. Mir fielen Wickelkleider und Pullover ein, indische Saris, römische Togen und schottische Röcke – niemals jedoch eine Röhrenjeans. Vielleicht würde ich kurz darüber nachdenken, in einen Kartoffelsack unten und oben Löcher zu schneiden. Aber dieser Gedanke wäre mir schon im selben Augenblick wieder viel zu blöd – solcherlei hässlichen Schmontz würde ich aufgeblasenen Londoner oder Pariser Designern überlassen, die sich selten entblöden, fürwahr absonderliche Klamotten für chic zu erklären.

Welch eine Groteske die Hose an sich ist, liegt eigentlich auf der Hand: eine kurze Röhre, die um den Leib geschoppt wird. Daran befestigt zwei längere, dünnere Röhren, in denen die Beine stecken – das ganze zwischendrin mit Zauberhand zusammen gezwirnt und schon nennt sich‘s Hose! Unfassbar: Niemand mit auch nur dem Hauch einer Schmierspur Resthirn im Perückenhalter würde sich so etwas Unmögliches einfallen lassen.

Alles spricht dagegen: Die Schwerkraft! Die Spann- und Zugkräfte! Die blödsinnige Topologie des Zwickels! Der menschliche Körper! Wenn alles nach rechten Dingen zuginge, dann müsste eine Hose, sobald man den Griff locker lässt, entweder zu Boden rutschen oder den Träger erbarmungslos zusammenquetschen. Tut sie aber nicht, dank der Natur, die vorausgedacht hat und dem Menschen einen Steiß und zwei Hüften verpasste, an denen Beinkleider wie an einem Sims hängen bleiben. Ein Wunder, sage ich, eine Singularität der Vertracktheit, die eigentlich nicht von dieser Welt sein kann.

Mal abgesehen vom Hosentürchen, das bei keiner Hose fehlen darf. Eine irrwitzige Idee, einfallsreich sondergleichen. Kein Kartoffelsack hat so etwas, kein Zementeimer und auch kein Sonnenstuhl. Insbesondere beim Kauf der Hose gilt es daher, eine richtige Entscheidung zu treffen: Knöpfe oder Reißverschluss? Ich bin öfter mal draußen, im Garten oder im Wald, und wenn ich dann muss, dann muss ich. Ich denke, das ist halbwegs verständlich und ich muss nicht auf die Details eingehen. Wie gesagt: ich rede über die freie Natur, wo auch die Häschen und Igelchen, die Rehlein und die Marder mal „müssen“. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Reißverschluss Gold wert ist, vor allem, wenn Schnee fällt und der Wind pfeift und ich mich so rasch wie möglich wieder in den Zustand bringen möchte, in dem ich mich vor dem Pinkeln befunden habe.

Und mag auch keine einzige aller je existierenden Hosen ohne Fehl und Tadel sein, mögen sie auch alles sein – zu eng oder zu weit, zu kurz oder zu lang, zu blau oder zu bundfaltig – sie bleiben immer eines: Hosen, die unbesungene Krönung der Bekleidungskunst. Also ganz ähnlich wie wir Menschen. Die wir ja auch alle irgendwo einen Batscher oder eine Schramme haben, aber dem Tier die Krone aufsetzen.

Doch nun zu etwas vollkommen anderem: Hat es schon mal einer geschafft, die Hände in die Hosentaschen zu stecken, während er einen Pyjama an hat und im Bett liegt? Ich denke nicht. Wirklich absolut niemand steckt im Bett die Hände in die Hosentaschen. Obwohl es ja sonst nicht so viel zu tun gibt. Also faul darf man ja sein im Bett und die ganze Nacht an sich selbst herumspielen schaffen wohl auch nur ein paar Experten. Die Jeans-, die Cord- und die Jersey-Hose, die haben jedoch alle Hosentaschen. Vorne und hinten, jeweils links und rechts und wenn‘s ganz dicke sein soll, dann noch ein Rechteckbeutel am Bein für den Feldstecher und ein kleines Täschchen innerhalb der Hosentasche für den Korkenzieher. Doch zurück zur Hose, denn es ist an der Zeit, zu einem Ergebnis zu kommen.

Der Wissenschaft ist kein Tier bekannt, das auch eine Hose erfunden hätte. Ich meine: ein Wesen, das eine solche Genieleistung erbracht hat, wie die Erfindung der Hose, das kann im Grunde alle Probleme in den Griff kriegen. Weil komplexer als eine feine Jeanshose zu erschaffen kann die Rettung des Regenwaldes und eine siegreiche Kampagne zur Abschaffung der Armut auch nicht sein. Homo hosensis, der Hosenmensch, er schafft das.

[ Fotos: Katharina Winter ]


UND WAS MACHT THEO WIRKLICH?
Wenn der promovierte Physiker sich nicht gerade mit Korrekturen bei Strahlaufhärtung aufhält oder seiner Leidenschaft für obskur-bedenkliche Geschichten nebst skurrilen Fotowerk frönt, kann man ihn hin und öfters in der Galerie Bernsteinzimmer bewundern.
Als Bonvivant, Mitinitiator, lebender Kunstversuch. So am Sonntag, 06.03., ab 18 Uhr, wenn er zusammen mit Lukas Münch Lyrik von Goethe bis Helge Schneider gewohnt würdevoll vorträgt
 




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