Andreas Radlmaier im Gespräch mit: Roberta Valentini

MITTWOCH, 2. MäRZ 2016

#Andreas Radlmaier, #Interview, #Musik, #Oper

Kaiserin Elisabeth ist auf Heimatbesuch. Bei Mama und Papa in Zabo. Dort treffen wir uns in der geschmackvollen neuen Vinothek der Valentinis. Die erfolgreiche Tochter ist in ihrem bodenständigen Element, parliert angeregt mit der Mama und begrüßt dazwischen herzlich die Stammgäste.


Roberta Valentini hat gerade mehrere Wochen im Berliner Admirals-palast die „Elisabeth“ gesungen und gespielt, nach wenigen Tagen folgt eine einschüchternde Staffel des Michael-Kunze-Musicals, das sich seit seiner Uraufführung in Wien 1992 mit über 10 Millionen Besuchern zum erfolgreichsten deutschsprachigen Kassenschlager entwickelte, im Hamburger „Mehr!“-Theater: in 47 Vorstellungen sind bis Ende März Sisis Schicksalsjahre zu erleben. In ihrer Heimatstadt wird Roberta Valentini, die längst zur ersten Garnitur des Genres zählt, damit nicht zu erleben sein. Sie zuckt mit den Achseln und lächelt ihr schönstes Strahlen.

A.R.: Frau Valentini, reden wir über Heimat: Was ist für Sie Heimat? Und vor allem: Wo liegt sie?

ROBERTA VALENTINI: Direkt gesprochen: Nürnberg. Mich juckt’s zwar als Italienierin im Sommer immer, nach Italien zu fahren. Aber meine Heimat bleibt Nürnberg.

A.R.: Sie haben noch die italienische Staatsbürgerschaft, oder?

ROBERTA VALENTINI: Ich habe beide. Seit November letzten Jahres habe ich auch die deutsche.

A.R.: Und warum vorher „nur“ die italienische?

ROBERTA VALENTINI: Ich musste wählen.  

A.R.: Gestern als Elisabeth am Habsburger Hof, heute Roberta bei Mama. Brauchen Sie diesen Kontrast?

ROBERTA VALENTINI: Ich brauche das zum Ausruhen. Es ist Mamas Zuhause und mein Zuhause.

A.R.: Haben Sie denn noch eine Wohnung in Nürnberg?

ROBERTA VALENTINI: Ja, ich habe mir vor zwei Jahren eine gekauft. Vorher habe ich mir überlegt, ob ich nach Berlin oder Hamburg ziehe. Berlin wegen des Jobs, Hamburg, weil es einfach eine tolle Stadt ist – aber die Familie ist eben hier und ich fühle mich einfach wohl.

A.R.: Sind Sie Italienerin durch und durch?

ROBERTA VALENTINI: Mein Blut ist italienisch, mein Temperament auch …

A.R.: Und Sie werden schwach bei gutem Essen …

ROBERTA VALENTINI: Ja, sehr, wenn meine Mama kocht … Aber ich habe schon viel Deutsches an und in mir. Beide Kulturen haben mich geprägt.

A.R.: Wie war das bei den Fahrten zu den Großeltern in den Abruzzen. Gilt man da als Italiener auch als „Deutschländer“?

ROBERTA VALENTINI: Schon, wenn man in Italien sagt, man wohne in Deutschland, sagen die ersten „Kartoffel“ – oder dann als nächstes fällt das Reizwort „Hitler“.

A.R.: Immer noch?

ROBERTA VALENTINI: Immer noch! Wenn wir in unser Dorf kommen, heißt es: Die Deutschen sind wieder da. Und hier bin ich die Italienerin.

A.R.: Da stellt sich die Frage, ob Sie eine deutsche Passion teilen: Ist Italien weiterhin ein Sehnsuchtsland?

ROBERTA VALENTINI: Ja. Wenn wir alle zusammen Urlaub machen können, fahren wir nach Italien. Mein 90-jähriger Opa ist noch da, viele Tanten, Onkels und Cousins. Meine Eltern haben dort ein Haus mitten im Gebirge – das ist einfach Entspannung pur.

A.R.: War das Fremdsein, das Ankommen in Deutschland in Ihrer Kindheit ein Thema in der Familie?

ROBERTA VALENTINI: Nein. Dadurch, dass meine Geschwister und ich hier geboren sind, waren wir ziemlich schnell integriert. Ich habe in dieser Hinsicht nie Probleme gehabt.

A.R.: Ich frage das aus zweierlei Gründen: Vor 50 Jahren kamen die ersten „Gastarbeiter“ aus Italien nach Deutschland. Und zum zweiten dominieren Auseinandersetzungen um Zuwanderung und Flüchtlinge die Tagesthemen.

ROBERTA VALENTINI: Da müsste man vermutlich eher mit meinen Eltern reden. Die wurden super aufgenommen, weil sie auch die Arbeit geleistet haben, die sie machen mussten und machen wollten. Papa hat sich an die Regeln hier gehalten und deutsch gelernt, Mama dann auch und somit – soviel ich weiß – damals keine Probleme gehabt.

A.R.: Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie dann die aktuelle Debatte?

ROBERTA VALENTINI: Mit gemischten. Auf der einen Seite brauchen diese Menschen jede Hilfe, andererseits müssen sie die Regeln befolgen, die es in diesem Land gibt. Regel Nr. 1 ist: Die Sprache lernen und sich so gut es geht integrieren. Ansonsten würde ich jeden aufnehmen, den ich könnte.

A.R.: Verhält sich Deutschland Ihrer Meinung richtig oder falsch?

ROBERTA VALENTINI: Das kann man nicht trennen, bei dem Durcheinander, das momentan herrscht. Das ist echt ein ganz schweres Thema mit mindestens zwei Seiten.

A.R.: Hat Ihr Arbeitsplatz, die Musicalbühne, so gar nichts mit dieser Wirklichkeit zu tun?

ROBERTA VALENTINI: Würde ich nicht sagen. Es gibt natürlich Stücke, die Richtung „Fantasy“ gehen und damit nichts mit der Realität zu tun haben. Aber Elisabeth zum Beispiel, diese Person gab es ja wirklich.

A.R.: Schon, aber sie ist in eine Glamourwelt entrückt.

ROBERTA VALENTINI: Das stimmt schon. Aber von den Charakteren her, von den Rollen her, gibt es viele Bezüge zur Realität.

A.R.: Woher kommt Ihre Faszination fürs Musical?

ROBERTA VALENTINI: Ich habe schon immer gesungen. Und wollte immer auch schon nicht nur singen. Ich genieße es immer noch, dabei für ein paar Stunden aus dem Alltag zu fliehen. Selbst wenn ich schlecht drauf bin, übersteht diese Stimmung niemals die erste Szene.

A.R.: Und das funktioniert nach der 60. Vorstellung auch noch?

ROBERTA VALENTINI: Ja, definitiv.

A.R.: Hat das Musical nicht auch etwas von gestern?

ROBERTA VALENTINI: Das kommt auf das Stück an. „Cats“ oder „Phantom der Oper“ – ja. Da sind auch die Inszenierungen etwas altmodisch. Aber es gibt ja so viele moderne Musicals. Bei den Grammys hat ein Musical gewonnen, in dem Hamlet rappt.

A.R.: Mögen sie Kitsch?

ROBERTA VALENTINI: Jaaa!

A.R.: Und den Kostümrausch?!

ROBERTA VALENTINI: Natürlich. „Elisabeth“ bedeutet 14 Kostüme.

A.R.: … und sieben Perücken. Das nervt nicht?

ROBERTA VALENTINI: Das gehört dazu. Die Choreographie hinter der Bühne ist teilweise anstrengender, als auf der Bühne zu sein.

A.R.: Sie hatten Ihr Ur-Erlebnis bei „Miss Saigon“ in Stuttgart. Was ist da passiert?

ROBERTA VALENTINI: Ich habe – mit 16, glaube ich – bei einem Musical-Wettbewerb im Franken-Center zwei Tickets gewonnen, mit Backstage-Führung. Ich erlebte dann: Singen, Tanzen, Schauspielern. Und wusste: Das will ich machen.

A.R.: Aber dann doch erst eine Lehre zur Groß- und Außenhandelskauffrau gemacht.

ROBERTA VALENTINI: Ich habe in München die Aufnahmeprüfung bei der Theaterakademie gemacht, bin aber in der ersten Runde rausgeflogen. Dann sagte ich mir, fahre ich erst Mal zweigleisig, habe meine Ausbildung gemacht und nach zwei Jahren wieder in München beworben. Da wurde ich genommen.

A.R.: Hatte Sie Pino Barone, Nürnbergs Italo-Allzweckwaffe, schon entdeckt?

ROBERTA VALENTINI: Ja. (Ruft zu Ihrer Mutter rüber: Mama, wann habe ich mit Pino erstmals gesungen?!?). Ah, okay, mit 15.

A.R.: Ist das ein Klischee, dass Italiener gerne singen?

ROBERTA VALENTINI: Das ist wirklich so, im Auto, unter der Dusche, beim Putzen.

A.R.: Wie war das bei Ihnen? In der Pizzeria bei den Eltern?

ROBERTA VALENTINI: In der Pizzeria eines Onkels. Vorher hatte ich mit Duschkopf im Badezimmer geübt – also die ganz normalen Übungen. Und mein Papa sprach Pino Barone an: Meine Tochter singt, willst Du nicht mal was mit ihr machen. Da habe ich „Hero“ von Mariah Carey gesungen und Whitney Houstons „I will always love You“.

A.R.: Mittlerweile werden Sie in einem Atemzug mit Pia Douwes genannt und auch von den Feuilletonisten gestreichelt. Sie sind ein veritabler Musical-Star. Wie hoch ist die Autogramm-Dichte?

ROBERTA VALENTINI: Hoch. Mit „Elisabeth“ habe ich da offenbar einen weiteren Karriereschritt getan. Wir waren vor eineinhalb Jahr in Shanghai, und diese Fans kommen eigens nach Deutschland angereist, um uns zu sehen. Das ist unglaublich!

A.R.: Aber in Nürnberg sind Sie hoffentlich weiter unerkannt unterwegs.

ROBERTA VALENTINI: Weitgehend, ja.

A.R.: Das ist konsequent, denn der Nürnberger braucht keine Promis: So weit kommt’s noch! Sie singen jetzt in Hamburg für bis zu 100.000 Besucher die Elisabeth, machen dann weiter in Chemnitz das Schach-Duell „Chess“, nehmen anschließend die Proben für die deutsche Erstaufführung von „Excalibur“ in Tecklenburg auf. Ist die hohe Schlagzahl geplant oder hat sich die ergeben?

ROBERTA VALENTINI: Die hat sich einfach so ergeben.

A.R.: Am Wochenende sind manchmal zwei Aufführungen pro Tag. Kann man dieses mörderische Pensum trainieren?

ROBERTA VALENTINI: Das muss man trainieren. Allerdings muss ich sagen, dass man eine Rolle wie die Elisabeth nicht acht Mal in der Woche singen kann, bei aller Liebe. Ich singe sie sechs Mal, die anderen übernimmt meine Zweitbesetzung. Ich muss jeden Tag entscheiden, welchen Einsatz ich meiner Stimme zumuten kann.

A.R.: Wann entscheiden Sie das?

ROBERTA VALENTINI: Das ist einfach von der Tagesform abhängig.

A.R.: Haben Sie eine Lieblingsrolle?

ROBERTA VALENTINI: Es gibt drei, und die durfte ich alle schon spielen. Die Lucy in „Jekyll & Hyde“, die Elphaba in „Wicked“ und die Elisabeth.

A.R.: Warum?

ROBERTA VALENTINI: Alle drei Rollen geben so viel her. Bei Elisabeth zum Beispiel: Wann kannst du schon mal eine Partie spielen, die mit 16 anfängt und mit 61 aufhört? Zum Schauspielern ist das einfach toll.

A.R.: Ich habe gelesen, dass die Opernregie-Legende Harry Kupfer Neueinsteigern immer noch hilft, in die Rolle zu finden. War das bei Ihnen auch so?

ROBERTA VALENTINI: Ja, und es war eines der besten Erlebnisse, die ich bisher hatte. Ich hatte erst Ehrfurcht zu Beginn der Proben. Aber Harry Kupfer hat mich als Roberta genommen und mich nicht verglichen mit Pia Douwes oder Annemieke van Dam. Er hat mich spielen lassen.

A.R.: Wäre die Opernbühne mittelfristig eine Perspektive für Sie?

ROBERTA VALENTINI: Ich liebe Oper als Gast, ich respektiere die Gesangstechnik ungemein, aber ich beherrsche sie nicht.

A.R.: Die Pop-Bühne hat Sie aber auch nicht gebannt.

ROBERTA VALENTINI: Ich hatte mal einen Vorvertrag mit Thomas Anders von Modern Talking. Daraus wurde aber nichts, weil ich wohl nicht hip genug war. Aber das war okay so, denn ich bin total zufrieden mit dem, was ich tue.

A.R.: In Nürnberg waren Sie seit den Anfängen als Musical-Sängerin nicht mehr zu hören. Wie ist das zu erklären?

ROBERTA VALENTINI: Ich weiß es nicht. Das Staatstheater hat mich offenbar noch nicht entdeckt.

A.R.: Ist der große Musical-Boom in Ihren Augen eigentlich vorbei?

ROBERTA VALENTINI: Wir haben gerade eine kleine Krise. Stage-Entertainment, das größte Unternehmen, schließt das Theater am Potsdamer Platz und die Ausbildungsstätte in Hamburg. Wir denken, das ist erst der Anfang.

A.R.: Woher kommt das? Übersättigung?

ROBERTA VALENTINI: Eher die Reaktion auf die praktizierte Eintrittspreispolitik, vermute ich.

A.R.: Plagen Sie am Ende Sorgen einer drohenden Arbeitslosigkeit?

ROBERTA VALENTINI: Nö, wenn ich mal keine Jobs mehr in Musicals bekommen sollte, arbeite ich bei Mama in der Vinothek. Da wird immer eine helfende Hand gebraucht. Ich mache mir da überhaupt keine Sorgen.

A.R.: Welche Wünsche hat man noch, wenn man bereits Elisabeth von Österreich war und Marie Antoinette und mit den Rittern der Tafelrunde an einem Tisch saß?

ROBERTA VALENTINI: Künstlerisch gesehen habe ich meine Ziele erreicht. Alles weitere sind coole Bonuspunkte.


FOTOS: CRISTOPHER CIVITILLO. www.cris-c.de

FÜR NÜRNBERG: ROBERTA VALENTINI, MUSICAL-STAR  
Roberta Valentini (34) wurde in Nürnberg geboren und wuchs mit ihrer Schwester (heute Pressesprecherin beim 1. FCN) und ihrem Bruder (heute Fußball-Profi beim Karlsruher SC) im Stadtteil Zerzabelshof, kurz Zabo, in einem sportlich und musikalisch geprägten Umfeld auf. Ihre Eltern betreiben dort ein Restaurant und eine Vinothek. Roberta machte eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau und absolvierte anschließend die Münchner Theaterakademie August Everding. Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte sie mit Pino Barone. Mittlerweile gehört sie zur ersten Garde der deutschen Musical-Landschaft. Sie sang in Bremen 2009 die Titelrolle in der Uraufführung von „Marie Antoinette“, verkörpert seit 2014 in Shanghai, Wien, München, Berlin, Frankfurt und Hamburg die Elisabeth im gleichnamigen Erfolgsstück von Michael Kunze und Sylvester Levay. In ihrer Heimatstadt war die Nürnbergerin seit Teenager-Tagen im Gostner Hoftheater nicht mehr in einer Musical-Rolle zu erleben.

FÜR CURT: ANDREAS RADLMAIER
ANDREAS VERANTWORTET U.A. DAS BARDENTREFFEN, KLASSIK OPEN AIR, STARS IM LUITPOLDHAIN ...
Andreas Radlmaier und curt stehen seit Jahren beruflich im Kontakt, denn als Leiter des Projektbüros im Nürnberger Kulturreferat ist er verantwortlich für oben genannte Festivals, sowie für die Entwicklung neuer Formate wie Silvestival, Nürnberg spielt Wagner und Criminale. Einen Großteil dieser Formate begleitet curt journalistisch.
Andreas ist seit über 30 Jahren in und für die Kulturszene tätig. Studium der Altphilologie, Englisch und Geschichte. Bis 2010 in verantwortlicher Position in der Kulturredaktion der Abendzeitung Nürnberg. 2003: Kulturpreis der Stadt Nürnberg für seine kulturjournalistische Arbeit und Mitarbeit an zahlreichen Publikationen.




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