Dem Egers sei Welt #42

DIENSTAG, 27. OKTOBER 2015

#Comedy, #Egersdörfer, #Kabarett, #Kolumne

Ich bin ein Mensch, der auf der Toilette etwas zu lesen braucht. Um es ein wenig genauer zu formulieren wird man mir eine drastische Ausdrucksweise vorwerfen, derentwegen ich mich gleich an dieser Stelle vorsätzlich entschuldigen möchte wenn ich schreibe: um den Vorgang der Darmentleerung gelingen zu lassen benötige ich eine gewisse Anzahl von Buchstaben vor meiner Nase, die sich in einer einigermaßen sinnvollen Reihung befinden.

BILDER VOM ICH

Durchaus bin ich nicht wählerisch in Form und Inhalt bei der Auswahl von diesen „Sitzungstexten“. In Ermangelung von Geschriebenen habe ich auch schon einmal Verpackungen von WC-Reinigern, Kopfschmerztabletten, Damenbinden, aber auch die Aufschriften von  Geldscheinen, Kassen- oder Einkaufszetteln durchgelesen. In öffentlichen Toiletten erfüllen Beschriftungen und Bemalungen auch den selben Zweck. Ganz ohne Wort- oder  Zeichenbild befinde ich mich schnell in einem bedauerlichen Zustand. Ich möchte die Schilderung von Details an dieser Stelle unbedingt unterlassen. Allerdings sei mir die Anmerkung erlaubt, dass sich ohne etwas Lesbares mein Aufenthalt auf dem Klo zeitlich unverhältnismäßig verlängert.

Menschen in meinem Umfeld, die auf ihrem Lokus z. B. einen kleinen Stapel Comics in Griffweite bereithalten, achte ich sehr hoch und fühle mich ihnen, weit über das Erklärbare hinaus, angenehm vertraut. Erst gestern saß ich auf dem Klo eines großen Künstlers. Bei ihm lag vor der Toilette in Griffweite die aktuelle Ausgabe eines Satiremagazins. Dieser Mann kocht ein Wildschweinrisotto, für das sich das Schwarzwild mit zuversichtlichen Lächeln und mit großer Freude dem Jäger vor die Flinte stellt. Dieser Mann verfertigt gesunde Kunst im besten Sinne des Wortes. Dieser Mann hat jüngst eine Göttin geheiratet. Alle diese Tatsachen zeichnen diesen Mann zweifelsohne als Mann von Kultur aus. Mir persönlich scheint aber die goldene Krone auf dem Haupt dieses ausgezeichneten Exemplars von einem Menschen ist seine exquisite Lektüre auf dem Lokus.

Zweifelsohne sind unsere Zeiten hart. Nach Liebe, Anstand, Würde und Geist kann man genauso lange fahnden wie nach einer Wollmütze in Oberhausen, die man in Leipzig liegen ließ. Viel zu oft hocke ich in wahrlich exzellenten Scheißhäusern, makellos gefliest, porentief gereinigt, mit Sylter Meeresbriese und einem nobelpreisverdächtigen Schüsseldesign, aber ums verrecken ist kein einziger kleiner Satz zum Lesen da. Bevor in mir noch Klistier- und Rachephantasien hochwabern greife ich zu meinem Handy und betrachte die Profilbilder aus den sozialen Netzwerken meiner sogenannten „Freunde“.

Ich freue mich an einer Abbildung einer kleinen hellblauen Madonna, die sich eine fürwahr leidenschaftliche Ketzerin als ihr Profilbild ausgewählt hat. Mein Herz wird warm beim Anblick eines kleinen Fräuleins, das einen Affen im Arm hält. Der Gedanke ist belustigend, dass sie den Schimpansen vor ein paar Jahren geheiratet hat. Ich habe auch eine ausgesprochene Freude an Herren, die das Medium überschätzen und frisch gebügelt und artigst gekämmt vor der Kamera standen, als wollten sie sich  für den Aufsichtsrat-Posten einer Schiffswerft bewerben. Gar nichts auszusetzen gibt es an Frauen, die mit einem freundlichen Lächeln ihre Brüste zeigen. Grenzwertig wird es wenn User als Profilbild Texte einsetzen, die einst unter der sinnigen Überschrift „Scheißhausspruch“ firmierten. Bei den esoterischen Varianten sieht man auf einen Blick, dass es das Schicksal mit der armen Sau nicht gut gemeint haben kann. Was aber unter Strafe gestellt werden soll sind Mütter, die ihr Kind für ihr eigenes Profilbild missbrauchen. Wahrscheinlich gibt es auch irgendwelche weichschädligen Männer, die dieser Unart verfallen. In meinem virtuellen Freundeskreis sind es aber ausschließlich Frauen, die sich zu so einem Frevel hinreißen lassen. Was hat das zu bedeuten? Sagt die Frau damit: Dieses Exemplar habe ich selbstständig unter großen Schmerzen auf die Welt gebracht, deshalb darf ich es fotografieren, so oft ich möchte und darf die Bilder auch dort veröffentlichen, wo ich es für richtig halte. Oder: Ich bin gerade dabei dieses Kind innwendig auszuhölen, wenn es komplett leer ist, werde ich selbst in den Körper hineinkriechen und nach meinem Tod darin weiterleben. Mein Kind bin ich selbst. Vielleicht ist es aber auch nur die letzte Möglichkeit Bilder vom Kindlein in Umlauf zu bringen, weil es ansonsten schwierig ist, Interesse für derlei Abbildungen zu erlangen.

 




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