Wiedersehen mit Olaf Metzel

13. NOVEMBER 2015 - 14. FEBRUAR 2016, NEUES MUSEUM

#Ausstellung, #Kunst, #Natalie de Ligt, #Neues Museum

Das Sommermärchen 2006 fliegt uns derzeit gehörig um die Ohren. Für manchen Nürnberger Bürger war es aber auch schon damals ein Alptraum, quasi ein Gemetzel, und zwar in Form jener Außenskulptur, bei der der Künstler Olaf Metzel (*1952), den Schönen Brunnen auf dem Nürnberger Hauptmarkt mit ausgedienten Stadionsitzen ummantelte. „Auf Wiedersehen“ hieß das Werk. Die Diskussion darum war – milde gesagt – hitzig und trieb stellenweise denkwürdige sowie bedenkliche Blüten seitens empörter Brunnenliebhaber. Die Stadt und die Kuratoren, als Gastgeber des Kunstprojekts, sowie der Künstler wurden angegriffen, als hätten sie den 3. Weltkrieg angezettelt. Öffentliche Podien mussten abgehalten werden, um Lynchjustiz zu verhindern. Zur Erinnerung: Das Motto der WM war „Die Welt zu Gast bei Freunden“ und nicht „Die Welt zu Gast beim Schönen Brunnen“. Am Ende des Fußballsommers und nachdem die temporäre Skulptur planmäßig rückgebaut wurde, waren alle verkatert und gingen betröpfelt ihrer Wege.

Nun kehrt Olaf Metzel zurück nach Nürnberg, allerdings in den geschützten musealen Raum des Neuen Museums, wo ihm eine große Einzelausstellung zugedacht ist. In seinem Werk geht es seit jeher um die Ästhetik der Gewalt und der Aggression und darum, wie man sie darstellen kann. Dass die künstlerischen Resultate, insbesondere jene im öffentlichen Raum, ihrerseits Gewalt und Aggression provozieren – so geschehen nicht nur in Nürnberg – ist nur folgerichtig. Der Bildhauer bleibt mit seinen Arbeiten sehr nah an der Lebenswirklichkeit. Er zitiert die Realität da, wo sich gesellschaftspolitische Ambivalenzen auftun, wo unser aller Verständnis und Wille zur Demokratie und zu demokratisch-aufgeklärtem Handeln auf die Probe gestellt werden. Die Arbeit „13.4.1981“, ein elf Meter hohes Ungetüm aus rot-weißen Absperrgittern samt Einkaufswagen mit Pflastersteinen obenauf –1987 errichtet am Berliner Ku’damm – trägt als Titel jenes Datum einer gewaltsam geendeten Demonstration an genau dieser Stelle. Das Werk musste damals seinerseits durch Absperrgitter vor aufgebrachten Bürgern geschützt werden.Eineandere Arbeit Olaf Metzels, ein zertrümmerter Turnhallenboden in Form einer raumfüllenden Großskulptur mit dem Titel „112:104“ (1991), schafft ein starkes Bild für Gewalt und Aggression als höchst bedrohlich empfundenes und eben auch reales Phänomen. So wenig wie eine Gesellschaft unschuldig ist, so wenig können es ihre einzelnen Teile oder Bereiche sein. Oft ist es lediglich dieser simple wie allseits bekannte Aspekt, der aus den Arbeiten von Olaf Metzel als Essenz zum Vorschein kommt. Aber das ist eine ganze Menge und durchaus komplex, um es auszuhalten, gerade weil die Arbeiten nicht nur nah an der Realität sind, sondern bisweilen auch in die des Betrachtersvordringen. In der jüngeren Werkreihe der „Zeitungsarbeiten“ verdichtet der Künstler die tägliche mediale Bilder- und Buchstabenflut zu monströsen Zeitungsknäueln (bedruckte und zerknüllte Aluminiumbleche), die in ihrer Überdimensionierungdaherkommen wie ein stumm-verzweifelter Schrei nach (andauernder) Aufmerksamkeit und Empathie für das Gedruckte, dem ja reale Ereignisse zugrunde liegen. Zugleich macht die Geste des Zerknüllens, die den Skulpturen ihre Form gibt, sie zum Denkmal jener Erkenntnis, dass nichts so alt ist, wie die Zeitung von gestern. Olaf Metzel gehört zu jenen raren Bildhauern, die skulptural und groß denken können. Er schafft Kunst aus einem politischen Bewusstsein heraus und bisweilen mit einer wohldosierten Brise Agitprop und Enfant terrible-Koketterie.

Die Ausstellung Deutsche Kiste im Neuen Museum gibt einen umfassenden Einblick in das aktuelle bildhauerische Schaffen des Künstlers und versammelt eine ganze Reihe von raumgreifenden Arbeiten. Einen Besuch der Schau und eine Auseinandersetzung mit dem Werk sollte man sich keinesfalls entgehen lassen.

Text: Natalie de Ligt


Eröffnung: Do, 12. November, 19 Uhr.
Ausstellung: 13. November bis 14. Februar 2016
NEUES MUSEUM, Klarissenplatz, Nbg.
Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr.
www.nmn.de
 




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