Udo Kloos und das Design #3: Bahnhof platzt

DIENSTAG, 1. SEPTEMBER 2015

#Design, #Kolumne, #Neoos, #Udo Kloos

„Den Platz um den Platz beraubt. Was bleibt ist ...“ Mir gefallen diese Kinderfragen, bei denen man – bevor die Gedankenreise nach der Antwortsuche los geht – erst tief Luft holt. Und wieder ausatmet, bevor eine Antwort über die Lippen kommt. Und dann, keine Ahnung, Gott hat bestimmt keinen Penis, weil, darum geht es ja gar nicht, und überhaupt muss man das ganz anders ... Oft lohnt im Alltag tatsächlich die Frage, warum die Dinge so sind wie sie sind.

Manchmal zwickt‘s mich also, wie neulich am Bahnhofsplatz, dem Tor in die Altstadt. Näher betrachtet wird hier mehr Verkehr produziert, als tatsächlich da ist. Wer hat sich das ausgedacht, und überhaupt, wo genau ist eigentlich der Platz, wenn er schon so heißt? Dem Blech gewichen und gewidmet? Goldene Regel: Je höher die Aufenthaltsqualität, um so besser der Platz. Kinder am Bahnhofsplatz? Mein Sohn wünscht den Wartenden an der Straßenbahnhaltestelle ein breites Dach, besser noch eine zweite Ebene darüber, eine weite Terrasse, für jeden zugänglich. Vielleicht eine Plattform mit drei Fußgängerbrücken, die das wieder verbinden, was eigentlich zusammen gehört. Die Menschen sollen am besten über den Platz, nicht in den dunklen Untergrund, sondern quasi hoch, wie aufs Silbertablett. Kinder sollte man fragen. Die haben Ideen.

Den besten Blick genießt aktuell derjenige, der von Osten den Bahnhofsplatz ansteuert, motorisiert versteht sich. Ins Bild rückt sich der Handwerkerhof, geflankt von der durchaus ansehnlichen Fassade des Hauptbahnhofes, gegenüber das Grand Hotel. Hinter dem alten Handwerkerhof erkennt man zeitgenössische Architektur: die geschwungene Glasfassade des Neuen Museums. Die Verlängerung des Frauentorgrabens mit der Altstadtmauer ziert die Oper mit ihren Jugendstilelementen. Geradeaus das Künstlerhaus samt modernem Kopfbau. An den Handwerkerhof im Schulterschluss gesellt sich schließlich der imposante dicke, runde Turm. Direkt neben dem Bahnhof wird noch Neues entstehen. Man mag zu den verschiedenen Baustilen einen gespaltene Meinung haben. Herausragend für Nürnberg bleibt diese Melange mit ihren Blickbeziehungen. Eine neue, zweite Ebene, eine Beletage mit Fußgängerbrücken zu allen Seiten, vom Bahnhof zum Handwerkerhof und zum Grand Hotel, das wäre tatsächlich ein möglicher Ersatzplatz. Ersatz für den Preis der freigegebenen, zahlreichen Fahrspuren darunter. Ich sehe dort Nürnberger ihren Mittag verbringen und Touristen das Panorama fotografieren. Abends Menschen im Lichtermeer flanieren, während sich unten die Blechkolonnen vorbei schieben. Mehrschichtiges, urbanes Feld. Ein Geschenk.

Ein Platz braucht Platz. Raum. Abstand nehmen, um das räumliche Gefüge in Gänze zu erfassen. Die Bezeichnung Bahnhofsplatz allein wird es nicht richten. Historisch prominente Plätze außerhalb der Altstadt sind überschaubar. Den Bahnhofsplatz und Plärrer verbindet neben dem Frauentorgraben eine Gemeinsamkeit: dort angekommen will oder muss man weg, möglichst zügig. Diese beiden Plätze sind als Ort selten das Ziel. Ausgangsort, maximal. Qualität des Verweilens entwickelt der Bahnhofsplatz derzeit nur an der roten Ampel. Wie an der Straßenbahnhaltestelle bekommt man eine kleine Weile am Platz geschenkt. Man darf betrachten und entdecken. Ausprobieren lohnt sich. Zurück in der Realität, Ampel grün, die Straßenbahn schiebt sich vor die Nase: es handelt sich beim Bahnhofsplatz um eine große Kreuzungen. Durchgangsort. Schleuse. Nein, kein wirklicher Platz.

In den vergangenen Jahrzehnten zum gordischen Verkehrsknoten deklassiert, ein Knoten, der sich kaum lösen, den man aber beherzt zerschlagen und wiederbeleben mag. Wer traut sich? Kinder an die Macht! Eine Veränderung und damit Verbesserung kann man nur groß denken. Das könnte an den einflussreichen Interessensvertretern scheitern. Der Verkehrsplaner als Gestalter bräuchte neben Leidenschaft eine ebenso breite Stirn wie Schultern. Solange handelt es sich dort um reine Mängelverwaltung. Oft stören die anderen Verkehrsteilnehmer. Fahrräder dürfen zwar diesen Ort passieren, am besten nur entlang der Stadtmauer. Und Fußgänger, also Menschen am Platz? Wenn möglich, besser nicht. Die gehören beim Konzept der autogerechten Stadt in die Tiefe geschaufelt, egal, woher sie kommen und wohin sie wollen. Unterführung nennt sich das. Verführungen in dieser UG-Etage sind Mangelware. Die Anbieter brauchen sich um die Kunden wenig bemühen, an ihnen führt sowieso kein Weg vorbei. Bitte keine niedrige, lange, schummrigen, geduckte, riechende Unterführungen - oben ist unser Bahnhofsplatz! Denn ist der unkundige Nürnberg-Besucher in der Königsstraße wieder aufgetaucht, wurde er um einen großartigen ersten Eindruck beraubt.

Ein Blick zurück. Es war einmal die Wax-Lounge dort, neben dem Grand Hotel der Platzhirsch am Platze. Darüber ein Boardinghouse mit seinen serviced appartments, am Eingang das Café News&Coffee mit einer beachtlichen Auswahl an Zeitschriften und Zeitungen. Der Ausstattung der Bar hat man abends das Kulissenhafte gerne nachgesehen. Der große Nebenraum war manchmal geöffnet und ich erinnere mich an eine große Projektion des Verkehrs am Patz. In Realtime. Abgefahren. Innen Kulisse, außen Kulisse. Toll. Einen Moment schien damals Nürnberg zurecht den Titel Großstadt zu tragen.

Historische Fotoaufnahmen des Bahnhofsplatzes mögen aus heutiger Perspektive belegen,  dass es sich um ein frühes Konzept der Shared Spaces handelt. Alle Verkehrsteilnehmer durften sich gleichberechtigt auf dem Platz bewegen, damals hatte das Treiben ein anderes Tempo. Es gab sogar Bäume, parkähnlich anagepflanzt. Ein Platz eben. Im heutigen Stadtbild wurden Kirchturmuhren z.B. von Versicherungsgebäuden mit ihren Anzeigen abgelöst, Datum und Temperaturanzeige inklusive. Nur beim Nürnberger Hauptbahnhof, wo eine Zeitanzeige durchaus angebracht wäre, spart sich die deutsche Bahn an der Fassade dieses Schmuckwerk. Schaut sowieso keiner hin, der Fahrgast nähert sich dem Bahnhof großteils aus den unteren Etagen.

Die Zeichen waren bereits einmal erkannt. Die Mängel bekannt. Vor über zehn Jahren wurde bei einem öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerb der Vorschlag des Nürnberger Büro Fritsch & Knodt prämiert. Ob, oder was von dem Entwurf umgesetzt wurde, stellt sich kaum dar. Wozu die Sanierung des Fernsehturms? Platz da, hier wäre etwas gewonnen. Zahlreiche neue Hotels sind in der Bahnhofstraße entstanden. Ein offener Ideenwettbewerb mit verändertem Fokus für diesen prominenten Platz wäre spannend. Thema „Brücken bauen“. Und dann lasst auch mal die Kinder ran! Die haben Fragen und Ideen.



UDO KLOOS UND CURT
Udo betreibt den neoos Schauraum, in dem vor noch nicht allzu langer Zeit der Inklusionskiosk HEIMAT temporär stationiert war. Mit seinem neoos Planungsbüro gestaltete und konzipierte er u.a. die Räumlichkeiten der Mischbar, der BLOK Bar, des glore Stores ... Wie schön, das sind zufälligerweise alles curt-Freunde. Der Kreis schließt sich.

Mehr dazu: www.neoos-design.com
 




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