Alexandre Karaïvanov: O.T.

2. SEPTEMBER 2015 - 11. SEPTEMBER 2015, EDEL EXTRA

#Ausstellung, #Edel Extra, #Kunst, #Natalie de Ligt

Von dem Künstler, der 1977 in Großbritannien geboren wurde, gibt es kleinformatige fotorealistische Buntstiftzeichnungen, bei denen der offensichtliche Aufwand in einem denkwürdigen (Miss)Verhältnis zur Motivwahl steht. Denn als Vorlage dienen dem Künstler ziemlich trashige Fotos: ausschnitthafte und zugleich voyeuristische Blicke in schmuddelige Zimmerecken, auf Nachttische, S-Bahn-Sitze, unter Waschbecken, in Geschirrspüler, Pissoirs usw. Manche Motive lassen an Tatort- oder Schadenfotos denken. Immer wird der Blitz draufgehalten und lässt das ohnehin Desolate in einem schalen und zugleich schonungslosen Licht erscheinen.

Es stellt sich die Frage, ob solche motivische Schäbigkeit die Adelung durch den Aufwand und die Akribie, welche der Fotorealismus dem Künstler abverlangt, überhaupt verdient. Vertritt man anderseits die Ansicht, dass der Fotorealismus eine heikle Sache ist, weil die bis zur Manie reichende Fixierung auf das Handwerkliche den Künstler verleitet, sich um jeglichen Inhalt herumzumogeln, muss man Alexandre Karaïvanov eine arglistige Verdopplung von Inhaltsleere unterstellen. Dahinter kann aber nur ein künstlerisches Konzept vermutet werden. In den Buntstiftbildern erscheinen zwei Künstlertypen zugleich, derjenige, der uns die hässliche Seite vor Augen führt, unseren Blick auf das stößt, was wir lieber verdrängen oder im Verborgenen halten und derjenige, der sein Können unter Beweis stellen will, in einem hehren, traditionellen Sinn. Zwei gegensätzliche Kunstauffassungen prallen jäh aufeinander und werden doch auch vereint. Dass der Künstler, der folgerichtig einst bei Ralph Fleck an der Nürnberger Kunstakademie und bei Karin Kneffel in München Malerei studierte, nun in der Fotografie-Klasse des bekannten Fotografen Jürgen Teller (AdBK Nürnberg) zu finden ist, ist ebenso folgerichtig. Denn Karaïvanovs Fotografien, die ihm als Vorlage für die Zeichnungen dienen, stehen zugleich ganz für sich, und sind darüber hinaus in ihrer ganzen Anlage und Erscheinung bereits schon das, was der Fan am Tellerschen Bildkosmos schätzt und auch ein wenig fürchtet.

Beim Durchforsten von Alexandre Karaïvanovs Website (www.alexandrekaraivanov.com) stellt man weiterhin fest, dass die Fotografie von jeher und vielleicht schon vor der Zeichnung das wesentliche Ausdrucksmedium des Künstlers war und ist. Sie dient eben nicht nur als Vorlage für die fotorealistischen Zeichnungen. Mit diesem Wissen kommt auch dem, was er fotografiert und wie er es ablichtet, eine größere Bedeutung zu. In den grell und in ihrem hässlichen Sosein zur Schau gestellten Szenerien zeigt sich das unwirtliche, kultur- und geistlose Moment einer vielleicht als Albtraum erlebten Häuslichkeit und Bürgerlichkeit, vielleicht zeigt sich aber auch eine diebische Freude, den in der Regel völlig außerhalb der Wahrnehmung liegenden Dingen eine Art fotografisches Denkmal zu setzen. Andererseits erscheinen die Motive wie ein Gegenmodell zu einer auf Hochglanz und den schönen Schein getrimmten Welt. Vielleicht sollte man in Anbetracht von Karaïvanovs Werk auch mal den Mut fassen und die Unterseite des eigenen Waschbeckens ablichten und das Foto ins Familienalbum kleben.

Das EDEL EXTRA nimmt vom 18.09. - 21.09. an den Stadtverführungen teil.

Eröffnung: Mi, 2. September, 18 Uhr
2. bis 11. September
Alexandre Karaïvanov: O.T.
EDEL EXTRA Verein zur Förderung ästhetischer Prozesse e. V.
Müllnerstraße 22, Nbg.
Täglich 17-20 Uhr  (Angabe ohne Gewähr)
www.edelextra.biz

E-WERK
Fuchsenwiese 1
91054 Erlangen

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