Theobald O.J. Fuchs: Meine Enthaltestelle

MITTWOCH, 25. FEBRUAR 2015

#Comedy, #Kabarett, #Kolumne, #Theobald O.J. Fuchs

An einem Montag Anfang Februar ging es wieder los. Das Motto lautete traditionell: Entzug ist wie eine Droge. Ich verzichtete vier Wochen auf jedes Nahrungsmittel, das nicht eine unverarbeitete Pflanze ist oder ein Teil davon. Also kein Fleisch, kein Alkohol, kein Kaffee, kein Zucker, kein Schnupftabak, kein Kakao, keine Butter, kein Käse, kein Ei. Und vieles mehr auch nicht.

Rein zufällig bin ich vor vielen Jahren in den Bann dieses Rituals geraten. Es stammt von meiner Ex-Frau, die es bei mir vergessen hat. Seitdem steht es in meiner Küche im Eck. Einmal im Jahr staube ich es ab und setze es in Gang.

Die Wirkung der mönchischen Kasteiung Ist dreifaltig: Reinigung, Stärkung und Klärung.

Reinigung des Körpers durch Unterbrechung der Schadstoffzufuhr. Stärkung des Geistesapparates zur Erlangung der willkürlichen Kontrolle aller Bedürfnisse. Und Klärung der Verhältnisse, nämlich der ganzen Scheiße, die in den industriell hergestellten Nahrungsmitteln mehr oder weniger versteckt an die konsumpflichtige Bevölkerung verfüttert wird. Keine einzelne Erdnuss kannst du dir in die Gosche schieben, ohne dass nicht vierhundert verschiedenerlei Zusatzstoffe daran pichten. Jedes Fläschchen Saft ist mit künstlichem Vitamin, Maisgrieß und Raffinade versetzt, so dass kein Mensch mehr wissen kann, wie, woher und was. Sogar in den eingelegten Oliven finden sich Zucker, Lambda-Glutaminascorbatnukleinsäure und Bisamrattenöl.

Und da wollen die in Berlin mit den Vereinigten Nordamerikanischen Staaten ein TTIP-Abkommen schließen! Wollen dem Ami erlauben, seine komplette Chemie-Pisse ins Futter von Mensch und Tier zu schütten, mit genetisch verkrüppelten Monstergetreide und Chlor-Blei-Aluminium-Speisesalz?! Und dann heißt es allen Ernstes, sie könnten für Unbedenklichkeit der Nahrungsmittel garantieren!?
Die spinnen doch! Bei denen schimmelt‘s doch im oberen Schaltschrank! Diese Politiker kommen offenbar aus einer ganz anderen Welt, in der niemand essen oder atmen muss.

Ich werkelte derweil in meiner Enthaltestelle und nutzte jede freie Minute, um mir Gemüse oder Obst einzuführen. Die Regeln entwickelten sich wie immer von alleine. Bananensaft spielte dieses Jahr eine größere Rolle, Brot und Getreide waren unterschiedslos verboten, Reis gleichwohl erlaubt, und ich experimentierte viel mit viel Schärfe. Aber so leid es mir tut, Gemüse allein macht einfach nicht satt. Erbsen, Bohnen, Linsen, Kürbis, rote Beete, Brokkoli, Kartoffeln, Zwiebeln - da bleibt nichts hängen, beim besten Willen nicht. Das Grünzeug verwandelt sich restlos in Gas, das hinten wieder heraus kommt. Ich hatte ständig Hunger. Ein Teebeutel war ich, der zum dritten Mal ausgekocht wird. Und der sich wünscht, eine Stadtwurst zu sein.

Derart war ich segeln, auf dem Ozean der Enthaltsamkeit. Weitaus früher als in den vorherigen Jahren stellte sich jenes bizarre Gefühl der Schwerelosigkeit ein. Obwohl ich in mich hineinstopfte, was ich konnte, Bohnensalat und Linsensuppe und Äpfel und Pilze ... Pilze? Aha!

Aber so lecker es auch duften mochte, so wohl es auch schmeckte – die Gier nach der boykottierten Ware verschwand nie. Espresso, Bier, Stadtwurst, Herrenschokolade, ein Riegel Schimmelkäse – permanent beutelten mich intensive Phantasien. Ich spürte die Düfte in der Nase und die Aromen auf der Zunge. Die Realität dieser Leckereien schien so nah und zugleich so fern, dass ich nicht mehr wusste: existierte das Zeug wirklich oder halluzinierte ich es nur?  

Nahrungsmittelvisionen standen zwischen mir und der Außenwelt, wie ein langhaariger Hippie bei einem Festival, der den Blick auf die Bühne maximal versperrt. Und womöglich dazu noch ständig furzt. Ich erinnere mich nur vage an den Faschingssonntag. Hatte ich damals das Wickelkostüm in Größe 9 an oder nicht? Hatte ich überhaupt Kleidung am Leib? Jedenfalls bin ich felsenfest davon überzeugt, dass ich ein riesiges pinkfarbenes Häschen sah. Und mir vorstellte, wie ich es schlachten und in Weißwein kochen würde. Beim Fastnachtszug in Schwanstetten. Gewiss nur eine weitere Folge der Auszehrung.
 




Twitter Facebook Google

#Comedy, #Kabarett, #Kolumne, #Theobald O.J. Fuchs

Vielleicht auch interessant...

 20171231_Staatstheater
 20140000_Viva Con Agua_bird
 20171125_WJ_Barcamp
 KuKuQ_NoMeansNo
 20160815_Curt