Kunst betrachtet von Natalie de Ligt #4

MITTWOCH, 1. OKTOBER 2014

#Ausstellung, #Kolumne, #Kunst, #KunstKulturQuartier, #Kunstvilla, #Natalie de Ligt, #Neues Museum

Unsere Freundin Natalie de Ligt sichtet, selektiert und fasst das zu curt passende Kunstgeschehen zusammen. Und sie weiß, wovon sie schreibt - durchaus ein Luxus! Diesmal Teil 2 über den Kunstherbst in Nürnberg, Fürth, Erlangen.

MUNTEAN/ROSENBLUM:
THE TRUTH IS DEEP INSIDE

Hinter dem Künstlerpaar Muntean/Rosenblum verbergen sich Markus Muntean und Adi Rosenblum, beide Jahrgang 1962. Seit über 20 Jahren arbeiten sie zusammen, und es sieht so aus, als wollten sie mindestens weitere 20 Jahre folgen lassen. Ich frage mich bei solchen Künstlerduos, ob sie sich nach einer gelungenen Ausstellungseröffnung gegenseitig E-Mails schreiben mit dem Wortlaut: „Lieber Adi, haben Sie vielen Dank für die gute Zusammenarbeit. Einem weiteren gemeinsamen Projekt sehe ich mit Freude entgegen. Herzlichst, Ihr Markus.“ Wie auch immer. Der Kern von Muntean/Rosenblums Schaffen bildet die Malerei, die für beide laut eigener Aussage ein Grundbedürfnis ist und die sie bewusst unter Vermeidung einer individuellen Handschrift entwickeln. Das ist insofern bemerkenswert, da sie in ihren Bildern, die wie Tableau Vivants angelegt sind, äußerst individuell erscheinende Figuren auftreten lassen. Die Dargestellten sind meist junge, nach aktueller Mode gekleidete Menschen, die in einer stilisierten Gesamtkomposition eingebunden sind. Ebenso stilisiert und theatral sind ihre Gesten. Das Szenario spielt sich vor kulissenhaft, trostlos und irgendwie entmenschlicht wirkenden Landschaften ab wie u. a. Baustellen, Brachen oder Betonwüsten. Die Szenen sind mit einem Pathos aufgeladen, der aber ins Leere läuft und zu einem staffageartigen Accessoire der Figuren verkommt. Diese kommunizieren nicht miteinander, sind in sich gefangen bzw. vor lauter Hyperindividualisierung nicht mehr zu einer wirklichen Wahrnehmung des Außen und der anderen fähig. Die Frage nach Identität, allemal nach moderner Identität in einer entwickelten Industrie-, Technologie- und Informationsgesellschaft, wird in den Bildern in einen übergeordneten gesellschaftlichen Zusammenhang gerückt. Visionieren Muntean/Rosenblum etwas Zukünftiges oder konstatieren sie einen längst erreichten Zustand? Die in ihrer Ästhetik bisweilen an Illustrationen aus einem Zeugen-Jehovas-Heftchen erinnernden Bilder lassen die Frage offen.

Für die Ausstellung im Institut für moderne Kunst Nürnberg haben Muntean/Rosenblum eine Installation aus vier anonymisierten Bürozellen gebaut, welche in aggressiv machendem Grün gestrichenen sind und die den superindividuellen und zugleich aber auf seine Arbeitskraft reduzierten Menschen in sich aufnehmen wollen. An die Wände der Bürokuben hat das Künstlerduo seine Bilder gehängt. Deren Atmosphäre findet ihre Entsprechung in den Arbeitszellen und umgekehrt. Traurig aber wahr und als Kunst sehenswert.

Die Ausstellung ist vom 1. Oktober bis 30. November zu sehen.

Institut für moderne Kunst Nürnberg im Atelier- und Galeriehaus Defet.
Gustaf-Adolf-Straße 33, Nürnberg.
ÖZ: Mi.-Fr. 14-18 Uhr, Sa. 11-15 Uhr,
moderne-kunst.org


GEMÄLDE, GRAFIKEN, OBJEKTE VON BLALLA W. HALLMANN:
MEIN HERZ IST EINE RUMPELKAMMER

Seltene Chance - nicht verpassen! Bis zum 12. Oktober gibt es die in Nürnberg seltene Gelegenheit, einen umfassenden Einblick in das Schaffen von Blalla W. Hallmann (1941-1997) zu nehmen. Hallmann hat nicht nur in Nürnberg an der Kunstakademie studiert, er verbrachte nach einigen Exkursionen, auch über den großen Teich, die meiste Zeit in Nürnberg und Franken. Er ist nicht nur eine Ausnahmeerscheinung in der Kunstszene im Nachkriegsdeutschland, sondern auch einer der bedeutendsten deutschen Künstler überhaupt. Dass nun eine Ausstellung vom Kulturladen Schloss Almoshof auf die Beine gestellt wurde, ist einerseits wunderbar, anderseits ein Armutszeugnis für die Kulturpolitik unserer Region, die konsequent einen Bogen um diesen Künstler und sein Werk macht. Klar, denn die Inhalte von Hallmanns Bildern sind schonungslos und ohne jede Berechnung. Wer spricht schon gerne ein Grußwort und steht dabei vor einem Bild, dass die eigene berufliche Kaste entlarvt.
Es gibt kein Werk von Blalla W. Hallmann, in dem es nicht um irgendetwas geht. Das Aufreiben an der Welt, das Ringen mit sich und
der Welt war zu gleichen Teilen sein Motor, verlieh ihm die Energie für seine gleichfalls energiegeladene Kunst. Seine Kunst ist uner-bittlich offen, meist drastisch-direkt in der Darstellung. Er zeigt seine eigenen Verwundungen und woran sie sich entzünden, und er zeigt das, woran die Welt und somit die vermeintlich am höchsten entwickelte Spezies krankt. Seine Bilder sind eine bewusste Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte ohne jegliche Illusion: Deutsche Geschichte, Allmacht von Kirche und Staat samt deren Scheinheiligkeit und die Perpetuierung von Ausbeutung und Gewalt sind wiederkehrende Themen. Unter anderem legen die Hinterglas-Bilder Zeugnis davon ab. Wie selbstverständlich und in unnachgiebiger Logik erscheinen hier auf der Bühne des Geschehens Hitler, US-Flaggen, Dollar-Zeichen, Kot, Tod, Penetration – und das alles in Disney-Bildsprache mit Mickey Mouse und Donald Duck, aber in der Manier von Kirchenmalerei und Votivbildern. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl dieser Arbeiten und darüber hinaus die ganze Bandbreite von Blalla W. Hallmanns Schaffen: die Beschäftigung mit den eigenen Ängsten, die Frage nach der Existenz, Liebe, Geburt, Leben, Tod, Sexualität, Unterdrückung, Bigotterie, Kirche, Freiheit, Wahrheit, Wille, Macht, Imperialismus, Faschismus, weltpolitische und deutsche Geschichte und Politik, Ideologie, Heuchelei, Gewalt, Verdrängung, Verleugnung.
Mit das Bemerkenswerteste an Hallmanns Kunst ist, dass er alles in einem Bild zeigen kann. Und wenn so etwas gelingt, muss deutlich sein, dass diese Kunst nie einen Weichspüler oder auch nur ein Stück Kernseife gesehen hat und dass sie nicht wegen sondern trotz der dem Künstler zugeschriebenen psychotischen Schübe eine geradezu unheimliche Präzision erlangt – formal wie inhaltlich-thematisch, und dass sie aus einer ebenso unheimlich anmutenden Klarsicht entsteht.
Uns Betrachtern bekommt das mitunter nicht so gut. Blalla W. Hallmann wirft mit dem Dreck, den wir gerne unter den Teppich kehren und dort lassen wollen. Er öffnet die Gräber und exhumiert mit den Leichen die Schuld der Täter. Er entlarvt sich und uns als Täter, Heuchler und Charakterschwache, und er entlarvt die Unfähigkeit trotz dieser Erkenntnis, denn die Erkenntnis besitzen wir alle, die richtigen Lehren zu ziehen. Versöhnlich oder mit sich selbst versöhnt, wird der Künstler selten, aber er wird auch weder ungerecht, unrealistisch, besserwisserisch noch wird er moralisierend.
Neben den Gemälden, in denen er alles verwendet, was geht – Öl, Acryl, Leinwand, Pappe, Holz, Glas – und in denen er sogar in die dritte Dimension vordringt, schafft er Arbeiten von einer unendlichen formalen, medialen und inhaltlichen Bandbreite sowie ein immenses druckgrafisches Werk. Auch hier zeigt sich die Experimentierfreude bezüglich der unterschiedlichen Drucktechniken, aber auch das zeichnerische Können sowie die formal leisen und sensiblen Töne, die der Künstler ebenso anzuschlagen versteht.

Anna Schneider von Schloss Almoshof und Kuratorin der Ausstellung hat die ca. 150 Blätter umfassende Linolschnitt-Serie Curriculum Vitae von 1995 ins Zentrum der Schau gerückt. Hier zeichnet Blalla W. Hallmann die prägenden Stationen, Ereignisse und Begegnungen seines Lebens nach. Jedes Blatt ist mit einer tagebuchartigen Erläuterung versehen. Ohne Frage gehört das Curriculum Vitae gleichsam zu Hallmanns wichtigsten Werken.
In jeder einzelnen Arbeit von Blalla W. Hallmann zeigt sich ein gesellschaftspolitisches Bewusstsein für die Verrücktheit einer Gesellschaft selbst. Schade, dass diejenigen, die die Mittel und die Macht haben, um ein solches künstlerisches Ausnahmewerk wie das von Blalla W. Hallmann in dieser Region zu halten und mehr zu würdigen, dies nicht wagen.
Die Ausstellung ist bis 12. Oktober zu sehen, der Eintritt ist frei.

Am Samstag, 04.10., um 20 Uhr findet die Veranstaltung Gymmick spielt Rio Reiser statt. Der fränkische Liedermacher und Comic-Künstler Gymmick spielt Lieder der Ton Steine Scherben. Der Künstler Blalla W. Hallmann gründete in seinen frühen Schaffensjahren gemeinsam mit Rio Reiser Hoffmanns Comic Theater, aus der später Ton Steine Scherben hervorging. Der Eintritt beträgt 5,-.

Kulturladen Schloß Almoshof.
Almoshofer Hauptstr. 49-53, Nbg.
ÖZ: Mo.-Fr. 10-12 und 14-16:30 Uhr, So. 14-17 Uhr mit Kunstcafé,
kuf-kultur.de/almoshof



WAS BEREITS LÄUFT:


OFF THE WALL: 
BILDRÄUME UND RAUMBILDER

In der sehenswerten Schau mit Rauminstallationen von Cornelia Baltes, Benjamin Houlihan, Markus Linnenbrink, Claudia & Julia Müller, Christine Streuli und Alexander Wolff erkennt man manche Räume aufgrund der vorgenommen Eingriffe kaum wieder.

Die Ausstellung ist noch bis Sonntag, 10.10., zu sehen.

Kunsthalle.
Lorenzer Straße 32, Nbg.
ÖZ: Di, Do-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr,
kunstkulturquartier.de/kunsthalle
 


BERND TELLE:
ANTIPODE

Dem Pressetext ist zu entnehmen, dass Bernd Telle fünf Arbeiten aus seiner Werkreihe Antipode zeigt und diese auf den Kopf stellt.

Die Ausstellung ist noch bis Montag, 06.10., zu sehen.

BBK Nürnberg Mittelfranken – Galerie Hirtengasse.
Hirtengasse 3, Nbg.
ÖZ: Mi & Do 13-18 Uhr u.n.V.,
bbk-nuernberg.de



FARBE IM QUADRAT: AMISH QUILTS UND JAMES TURRELL und
DER INTERAKTIVE WASSERPAVILLON UND ZUGLEICH BEGEHBARE BRUNNEN HEXAGONAL WATER PAVILION
DES DÄNISCHEN KÜNSTLERS JEPPE HEIN

auf dem Klarissenplatz.

Beides noch bis 19. Oktober.

Neues Museum. Klarissenplatz, Nbg. ÖZ: Di bis So 10-18 Uhr,
Do 10-20 Uhr,
nmn.de



SAM SZEMBEK:
ZEICHNUNG

Künstlergespräch mit Heinz Neidel am Freitag, 31. Oktober, 19 Uhr.

Die Ausstellung ist noch bis Sonntag, 02.11., zu sehen.

zumikon.
Großweidenmühlstraße 21, Nbg.
ÖZ: Mi–Fr 14–18 Uhr, Sa 12–15 Uhr,
zumikon.de
 


CHTO DELAT:
THE EXCLUDED AT THE MOMENT OF DANGER

Allein die räumliche Besonderheit des Kunstbunkers lohnt einen Besuch. Für die aktuelle Ausstellung wurde das russische Künstlerkollektiv Chto Delat - bestehend aus Künstlern, Kunstkritikern, Philosophen und Autoren - eingeladen. Chto Delat bedeutet soviel wie „Was ist zu tun?“. Ihre Arbeiten und Aktivitäten kreisen um eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen. Was den Besucher nun im Kunstbunker erwartet, konnte ich noch nicht herausfinden, verspricht aber Ernsthaftigkeit und Kurzweil.

Die Ausstellung ist noch bis Montag, 03.11., zu sehen.

kunstbunker.
Bauhof 9, Nbg.
ÖZ: Mi-Fr 15-20 Uhr, Sa/So11-17 Uhr u. n. V.,
kunstbunker-nuernberg.org
 


SEBASTIAN KUHN:
DELAY

Der Nürnberger Künstler zeigt neue skulpturale Arbeiten, die Susanne Altmann in einem Katalogtext als „kalkulierte Materialschlachten zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit“ bezeichnet, bei denen man nicht wisse „zerfällt da etwas oder fügt es sich zu bis dato unbekanntem Zweck?“.

Die Ausstellung ist noch bis Samstag, 15.11., zu sehen.

Oechsner Galerie.
Gustav-Adolf-Str. 33, Nbg.
ÖZ: Mi-Fr 11-18 Uhr,
Sa 11-15 Uhr u. n. V.,
oechsner-galerie.de



ALEX HANIMANN UND JIŘÍ KOLÁŘ

Alex Hanimann präsentiert unter dem erweiterten Titel Die Bänder der Ariadne Netze, Gitter und Strukturen. Und von Jirí Kolár (1914-2002), von dem zur Zeit auch eine Präsentation im Neuen Museum Nürnberg zu sehen ist, wird eine 23 Collagen umfassende Serie aus dem Jahr 1964 gezeigt.

Die Ausstellung ist noch bis Dienstag, 25.11., zu sehen.

galerie sima.
Hochstr. 33, Nbg.
ÖZ: Di 17-20 Uhr u. n. V.,
simagalerie.de



WAS KOMMT:


WER HAT AN DER UHR GEDREHT?
ÜBER DIE WAHRNEHMUNG UND DEN UMGANG MIT DER ZEIT

Für diese Ausstellung sollte man sich Zeit nehmen.

Eröffnung: Mittwoch, 01.10., abends.
Laufzeit: 02.10.-07.12.

Kunsthaus.
Königstraße 93, Nbg.
ÖZ: Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr,
kunstkulturquartier.de/kunsthaus


TOM SCHRADE:
IN ZEIT & RAUM - SYMBIOSE DER WECHSELSEITIGEN BEDINGTHEIT

Der Künstler zeigt seine Gemälde, die auf den ersten Blick stark an die Drippaintings von Jackson Pollock erinnern. Eigenständiger wirken da seine motiv- und farbstarken Fotografien, die zeitgleich und am selben Ort unter dem Ausstellungstitel Kunstlichter zu sehen sind.

Eröffnung: Freitag, 10.10., 19 Uhr.
Laufzeit: 12.10.-23.11.

LeonArt - Kunst- und Kulturforum St. Leonhard.
Leopoldstr. 24, Nbg.
ÖZ: Fr. 16-20 Uhr, So. 14-18 Uhr,
leonhard-schweinau.info


KULTURRING C:
GASTSPIEL 2014

39 Orte, an denen Künstlerinnen und Künstler in Fürth ihre Ateliers öffnen und einen Einblick in ihr Schaffen, ihre Arbeitsweise und Produktionsbedingungen geben. Wie jedes Jahr ein Muss für alle Kunstbegeisterten und solche, die es werden wollen. Organisiert wird das Ganze von den Künstlern Anja Molendijk, Axel Voss, Joseph S. Wurmer und Lutz Krutein.

Eröffnung: Samstag, 18.10., 15 Uhr.
Laufzeit: 18.10.-19.10.

Infos zu allen Beteiligten und Orten findet man auf kulturringc.de.


REINER BERGMANN & REINER ZITTA:
UTENSILIEN AUS UNSERER PRIVATSPHÄRE


Die Autorin dieser Zeilen hat mehrfach den Wunsch geäußert, die Ausstellung mit dem Titel Reiner & Reiner zu versehen, aber es wurde nichts daraus. Die Künstler ließen sich nicht überzeugen. Die Ausstellung verspricht (hoffentlich) eine geballte Ladung an Objekten, denn Bergmann und Zitta könnten jeder für sich zwei Kunstvillen bis unters Dach mit ihren Arbeiten, die zum größten Teil aus gefundenen Materialien und Gegenständen bestehen, füllen.

Eröffnung: Mittwoch, 22.10. abends.
Laufzeit: 23.10.-08.03.

Kunstvilla.
Blumenstraße 17, Nbg.
ÖZ: Di, Do-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr,
kunstkulturquartier.de/kunstvilla



 




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