Theobald O.J. Fuchs: Kamm und Kämmer

MITTWOCH, 1. OKTOBER 2014

#Comedy, #Kabarett, #Kolumne, #Theobald O.J. Fuchs

Als erstes fielen mir die kleinen Schilder auf, die überall auftauchten. Gefaltete Blechwinkel, auf den Tischen in den Restaurants und Biergärten, auf den Toiletten, neben den Lieferanteneingängen – überall und erbärmlich billig. Mir war sofort klar, dass das nicht gut ausgehen würde. Anfangs brachten viele Gastwirte die Schilder sogar in Eigeninitiative an. Ich fragte nach: sie sagten, sie hätten sich spontan entschlossen, das Verbot einzurichten. Zum eigenen Schutz, behaupteten sie. Ich sage: im vorauseilenden Gehorsam gegenüber dem herauf dämmernden Verbotsstaat.

Als die offizielle Kampagne begann, war folglich der Kampf bereits längst verloren.

Und die EU übertrieb wie immer und erließ, mit aller Brutalität des Strafgeldkatalogs untermauert, ein totales Gesetz zum Schutz der Nicht-Kämmenden Bevölkerung. Diese müsse unbedingt vor losen Haaren in Suppentellern und Biergläsern, Schuppen auf dem Besteck und fettigen Flecken auf Sitzkissen und Tischdecken bewahrt werden. Ob sie wollte oder nicht.

Hieß es am Anfang noch: „Bitte nicht am Tisch kämmen!“, verkündete ein paar Monate später eine riesige Inschrift an der Wand meiner Lieblingskneipe: „Das Kämmen eigener oder fremder Haare am Tisch ist ausdrücklich untersagt! Eltern kämmen ihre Kinder zu Hause.“
In den ersten Wochen gab es noch Protest. Ich und ein paar andere eingefleischte Kämmer wehrten uns, wir trafen uns, etwa in der Fressmeile am Hauptbahnhof oder in der Mauthalle. Da saßen wir dann, die Fanatiker, Männer jenseits der 40, die wir von Kind auf an gewohnt waren, uns im Lokal vor und nach dem Essen zu kämmen. So wie unser Onkel Karl, der Zeit seines Lebens dieselbe Elvis-Tolle kämmte, während er Weizenbier zur Schwarzwälder Kirschtorte trank. Wir hingegen bekamen Hausverbot, aber das machte uns nur noch wütender.

Ein paar Kneipen richteten ja, soweit möglich, gesonderte Räume ein, in denen wir uns dann zusammen rotteten und uns am Tisch kämmten, selbstverständlich durch mehrere Sichtblenden von den Nicht-Kämmern abgeschirmt, die sich vom Anblick kämmender Männer gestört fühlen könnten.

Doch die Ordnungsämter waren unbarmherzig und machten nach und nach den Kammzonen, aber auch allen Kämmerer-Clubs den Garaus. Irgendwann machte mir dann das Kämmen keinen Spaß mehr. Im Sommer ging es ja noch, da lungerte ich allabendlich mit anderen Jüngern des Kamms vor den Kneipen und kämmte mich so leise wie möglich, um nicht die Nachtruhe der vermaledeiten Anwohner zu stören, die ja blitzartig überall auftauchen, wo auch immer jemand ein Glas Bier zapft.

Im Winter jedoch … im Winter wurde es hart, draußen auf dem Gehsteig, im Schneeregen, der einem die Frisur zuerst aufweichte und dann zu grotesken Formen festfror. Einer meiner Kumpel verlor damals einen Klappkamm, den ihm sein Großvater vererbt hatte: das Metall zersprang in der Kälte, ein Splitter blieb in einer vereisten Haarsträhne stecken, die wir dann innen am Tresen behutsam amputierten. Nein: Das hatte nichts mehr mit dem guten alten Gekämme zu tun, das meinem Leben Sinn verliehen hatte. Es war nur noch deprimierend …

So kam letzten Endes der Tag, an dem ich auf der Theodor-Heuss-Brücke stand und beschloss, Schluss zu machen. Ich zog den blauen Plastikkamm mit den silbernen Glitzersternen heraus, den ich seit 15 Jahren in der linken hinteren Tasche meiner Jeans trug. Ich sah ihn noch ein letztes Mal an, mit Tränen in den Augen … dann brach ich ihn entzwei und warf die Hälften in die Pegnitz. Ich hoffte dabei, dass sie irgendwie bis zum nächsten Ozean treiben würden, wo ein haarloser Fisch an ihnen ersticken könnte, irgend so ein schuppiges Mitvieh.

Seitdem rasiere ich täglich meinen Kopf und ich freue mich auf das Alter, an dem ich hoffentlich endgültig kahl sein werde. Erst dann werden sich die Kratzwunden, die das Kamm-Verbot riss, für immer schließen können.

Doch ich fürchte, das Kämmverbot war nur ein Anfang: Falls Sie irgendwo in der Stadt, in einer Kneipe ein Schild entdecken sollten, das lautet: „Bitte nicht an die Wand spucken“, entfernen Sie es! Ich sage nur: wehret den Anfängen!

[Text: Theobald O.J. Fuchs, Bild: Katharina Winter]
 




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