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SONNTAG, 1. OKTOBER 2017

#Dieter Stoll, #Kultur, #Opernhaus, #Schauspielhaus, #Staatstheater Nürnberg, #Theater

„Addio“ oder „Glück gehabt“?  Wie drei Nürnberger Theatergrössen ihr Endspiel organisieren – und zwei Nachfolger schon mal aus der Ferne winken. Peter Theiler, Klaus Kusenberg und Marcus Bosch proben den Abschiedsrausch. Versuch eines Durch- und Überblicks von Dieter Stoll

Das wird eine extrem interessante Theater-Saison in Nürnberg, chronisch doppelbödig sozusagen. Nicht nur wegen des Spielplans, auch und vor allem wegen der bevorstehenden, unvermeidlichen Stimmungsschwankungen in der Mischung aus Abschiedsbilanz und Ankündigungsbrisanz. Den Bruch mit 18 Jahren Schauspieldirektion (Klaus Kusenberg), 10 Jahren Opern-Staatsintendanz (Peter Theiler) und 7 Jahren Generalmusikdirektion (Marcus Bosch) samt vieler Folgen für die Solisten, das Programm und die antrainierten Bedürfnisse der Zuschauer. Ein Hauch von aufkommender Wehmut ist zu spüren, während Teile des Publikums womöglich schon hinüberblinzeln zu den Nachfolgern. Der aus Dortmund an die Spitze der ganzen Kulturfabrik am Richard-Wagner-Platz berufene Jens-Daniel Herzog (54, Staatsintendant/Operndirektor) und der von ihm als Partner vom freien Markt der gehobenen Wanderarbeiter dazu geholte Jan-Philipp Gloger (36, Schauspieldirektor) sind zwar 18 Lebensjahre, also eine ganze Generation auseinander, aber als Regisseure mit anteilig vergleichbarer Gewichtsverteilung auf Sprech- und Musiktheater geprägt. In Zürich, Dresden und Frankfurt haben beide abwechselnd Oper und Schauspiel inszeniert, Festspiel-Aufträge in Salzburg (Herzog) und Bayreuth (Gloger) stehen auch schon in den Biografien, wo sich Münchner Kammerspiele und Royal Opera Covent Garden London friedlich drängeln. Alles in allem womöglich ein Zeichen dafür, dass die imaginären Grenzen zwischen den Häusern in Nürnberg fallen könnten. Wenn denn von der obersten Klangverwaltung am Pult kein Veto kommt.

DER NÄCHSTE MAESTRO WIRD NOCH GESUCHT

Einen am Opernhaus durchsetzbaren Orchesterchef als „dritten Mann“ an der künstlerischen Spitze, der sowohl vom Staatstheater-Stiftungsrat, als auch von den selbstbewussten Musikern der Philharmoniker akzeptiert würde, haben die Neuen bislang trotz diverser Anläufe jedoch noch nicht etablieren können. Was den amtierenden GMD Marcus Bosch, der dazumal aus Aachen wie auf einem roten Teppich kommend mit riesigen Plakataktionen am Bahnhofsvorplatz als Heilsbringer begrüßt wurde und wohl mit etwas Entgegenkommen der Vertragspartner (eine zusätzliche Professur in München war der Knackpunkt) durchaus noch über 2018 hinaus geblieben wäre, schmunzelnd zur Kenntnis nehmen dürfte. Er geht mit Berlioz, Mozart und Zimmermann nochmal über drei Großproduktionen spektakulär in die Vollen, wird auch bei Repertoire-Kostbarkeiten von Puccini und Verdi bis zum Schluss den Stab behalten und den eigenverantwortlichen Konzertrahmen mit Chorwerken von Beethoven und Bernstein und drei Mahler-Sinfonien dehnen. Eine Intensivsaison mit mindestens 53 Abenden „Bosch live“. Danach muss der Nachfolger/ die Nachfolgerin wohl kräftig um Profilierung strampeln.
Nun ja, man wird den nächsten Maestro schon noch finden – so, wie man in Nürnberg ja auch Pult-Erben für so unterschiedliche Größen wie Hans Gierster, Christian Thielemann, Eberhard Kloke, Philippe Auguin und Christof Prick gefunden hat. Immer irgendwie. Zunächst, ehe Ensemble-Personalien (wer muss gehen, wer wird kommen?) und Planungen (wie „anders“ sieht der Prototyp-Spielplan aus?) der künftigen Hausherren offiziell werden, fallen die Blicke auf die jetzt beginnende Abschiedssaison und die Analyse, inwieweit darin Bilanzversuche erkennbar sind. Versammeln die Spartenchefs die wichtigsten, prägenden Partner ihrer Ära, die bislang favorisierten Regisseure als wichtigste Übersetzer ihrer ästhetischen Willensbildung, für den gemeinsamen Zieleinlauf? Oder geht es mit nochmaliger Kraftanstrengung eher um die Erweiterung der entstehenden Lücke als Biotop, in dem nächstes Jahr der Nachruhm erblühen könnte?

SCHMIEDLEITNER IST NÜRNBERGS INTENSIVTÄTER DER GASTREGIE

Der Regie-Reisende Georg Schmiedleitner eröffnete am 14. Oktober 2000 die erste Nürnberger Saison des Schauspieldirektors Klaus Kusenberg, war den Zuschauern völlig unbekannt und fetzte ihnen mit der nackten „Margaretha di Napoli“ ein Shakespeare-Spektakel so pointiert um die Ohren, dass manchem Alt-Abonnenten der Atem stockte. Jetzt, zu Beginn seiner letzten Spielzeit, zeigt Direktor Kusenberg Sinn für Symbolik und lässt am 6. Oktober 2017 wiederum Schmiedleitner den Vortritt, diesmal eher berechenbar mit Ödön von Horváths bitterem Stück „Kasimir und Karoline“, mit dessen Realisierung er zuletzt im traditionsreichen Wiener Theater in der Josefstadt gerühmt wurde. Für den führenden Nestroy-Pfleger des Burgtheaters schließt sich so der Kreis einer extraordinären Nürnberg-Karriere. Hier hat er nicht nur im Riesenslalom zwischen klassischen und neuen Texten dem Sprechtheater 19 (nicht immer, aber erfreulich oft: auf hohem Niveau herausfordernde) Produktionen geliefert, sondern mitten in einer aufkommenden Schaffenskrise auch den Wechselschritt in die riskante Opernregie-Karriere mit acht, gegen den Strich gebürsteten Premieren von Verdi, Mozart, Wagner, Richard Strauss und Alban Berg gewagt. Schmiedleitner hat gewonnen, er ist spartenübergreifend betrachtet die mit insgesamt 27 Produktionen besonders prägende Regie-Figur der letzten 18 Jahre in Nürnberg – und der Einzige, der die Abschiede in beiden Häusern als offiziöser Erfolgsanteilseigner doppelspurig mitfeiern könnte: 18 Jahre Kusenberg-Schauspiel, 10 Jahre Theiler-Musiktheater.

DIE DREHUNGEN DES PROMI-KARUSSELLS

Könnte! Kann er aber nicht! Theiler pflückt fürs letzte Tableau lieber zu seinen überregional am höchsten notierten, also am meisten Aufsehen erregenden Reizfiguren Calixto Bieito (hier Berlioz-„Trojaner“, ansonsten Verdi-Requiem in Hamburg, Schrekers „Die Gezeichneten“ in Berlin, Monteverdis „Poppea“ in Zürich) und Peter Konwitschny (hier Zimmermanns „Soldaten“, ansonsten Cherubinis „Medea“ in Stuttgart, „Der tapfere Soldat“ des Oscar Straus in München, Schoecks „Penthesilea“ in Bonn) noch einen rasant tourenden Promi vom Regie-Karussell: Steilaufsteiger David Bösch, der in dieser Spielzeit zwischen Dresden, München, Wien, Frankfurt und Berlin als fleißigster Wanderer zwischen den Theaterwelten acht überwiegend kolossale Premieren absolviert, liefert das Duplikat seines Antwerpener Mozart-Mirakels „Idomeneo“. Da wechselt Schmiedleitner halt zum weiteren Flirt mit seiner späten Opernliebe ans Münchner Gärtnerplatztheater, wo er sich an Albert Lortzings fast verdrängten, biedermeierlichen „Wildschütz“ wagt. Hinter dessen basserstaunter „Fünftausend Taler“-Arie vermutete bisher noch niemand eine künstlerische Revolution. Nur mit der Ehrenrunde ihrer veralberten „Zauberflöte“ schleicht sich des Hauses liebste Comic-Fabrikantin Laura Scozzi (zuletzt „Die Italienerin in Algier“, am besten mit Rossinis „Reise nach Reims“) ins Abschieds-Gruppenbild, sie kann sich mit Händels „Semele“ an Barrie Koskys gefeierter Komischer Oper Berlin trösten. Hingegen darf der weithin anerkannte österreichische Operetten-Routinier Thomas Enzinger, der hier schon reichlich Jux-Schmonzetten und Oldie-Musicals mit viel wiederverwertbarer Step-Naht aufpolsterte, von der „Lustigen Witwe“ die erwartbare Quote abrufen. Ihn schätzt auch der neue Staatsintendant, denn mit Paul Abrahams Revue-Ausgrabung „Roxy und das Wunderteam“ hatte er schließlich Dortmunds Bilanzen ebenfalls aufgehübscht. Er wird uns sicher nach dem aktuell anstehenden Ausflug zum Maxim für weitere, lachdienliche Arbeit erhalten bleiben!

EIN PAAR MARKANTE HANDSCHRIFTEN FEHLEN

Einige Namen, die in den letzten 18 Schauspielhaus-Jahren bedeutende Akzente setzten, haben in der finalen Saison erstaunlicherweise keinen Platz gefunden. Da wird zwar neben Vorarbeiter Kusenberg (mit 40 Premieren zwischen „Fränkischer Jedermann“ und „Rocky Horror Show“ einsamer Spitzenreiter) sein langjähriger Vize Frank Behnke, jetzt Schauspieldirektor in Münster, den ganz großen Bogen seiner besonderen Nürnberg-Produktionen (Bernhards „Alte Meister“, Kusz‘ „Lametta“, Schirachs „Terror“ waren dabei) mit Shakespeares „Wie es euch gefällt“ nochmal erweitern, aber ausgerechnet Stefan Otteni kommt nicht mehr vor. Er könnte, würde man fürs Sprechtheater eine Top10-Liste der Ära aufstellen, von den erarbeiteten elf Schauspielproduktionen mindestens drei Glanzstücke auf der Bestenliste platzieren: Handkes „Immer noch Sturm“, Jelineks „Kontrakte des Kaufmanns“ und Schnitzlers „Professor Bernhardi“. Otteni arbeitet diese Saison in Potsdam (Christoph Nußbaumeders „Das Wasser im Meer“ in Deutschland-Premiere), Münster (Shakespeares „Kaufmann von Venedig“) und dem immerhin nahen Bamberg (Uraufführung „Utopia“). Und Petra Luisa Meyer, mit 14 Projekten die statistische Nr. 3 und sowieso die Kassenknülligste im ganzen Regie-Spalier (von „Vagina-Monologe“ über „Grönholm-Methode“ bis „Der nackte Wahnsinn“ lauter Longseller) wird in der letzten Runde nur mit der Wiedervorlage ihres Hitchcock-Dauerläufers „39 Stufen“ dabei sein. Kölns Oper tröstet, dort inszeniert sie soeben den Operetten-Klassiker „Die Fledermaus“ – übrigens mit unserem Noch-GMD Marcus Bosch als dirigierenden Partner, sobald es die „Trojaner“ erlauben. Es gibt immer Kreise, die sich schließen. Ein weiteres Nürnberger Profil verschwimmt vorzeitig: Christoph Mehler. Der bekennende Dekonstruktionsfachmann des Hauses, der unter seinen zehn Nürnberger Inszenierungen mit „Hedda Gabler“, „Woyzeck“ und „1984“ mindestens drei Vieldiskutierte hatte, setzte die letzte Spur mit „Biedermann und die Brandstifter“ und wälzt nun die großen Brocken in Saarbrücken („Dantons Tod“), Göttingen („Puntila“) und Darmstadt („Caligula“). Otteni, Meyer, Mehler – drei Säulen, die diesmal deutlich fehlen.
Während Theiler, Kusenberg und Bosch mit Blick auf die Unzuverlässigkeit der Nachwelt ihre Kränze selbst flechten, tanzt der einzige Überbliebene des Leitungs-Quartetts auf dem frisch geräumten Tisch: Goyo Montero, der Tanz-Spartenchef, setzt mitten in die Abschieds-Melancholie an vier Abenden im Juni/Juli seine Gala „Dekade“ mit der er „die ersten zehn Jahre des Nürnberger Balletts“ feiert. Die nächsten folgen sogleich.

DIE ZUKUNFT ZWISCHEN „HAIRSPRAY“ UND „JUNK“?

Beim Blick voraus, der bis zur ersten Spielplanverkündigung im Frühjahr 2018 auf Spekulationen angewiesen ist, kann man nur an bisherigen Arbeitsplätzen der künftigen Chefs Orientierung suchen. An ihren aktuellen Vorhaben zum Beispiel. Jens-Daniel Herzog, im Gegensatz zum Kunstmanager Peter Theiler auch Chefregisseur am Opernhaus, lässt es in Dortmund mit der Strauss-„Arabella“ und dem Verdi-„Nabucco“ traditionsbewusst ausklingen, organisiert dazu im Spielplan mit „Wunderland“ und „Schneekönigin“ neue Werke für die besondere Marke „Familienprogramm“ und hat als Intendant keine Scheu vor Show. Im Soft-Ressort „Rock-Musical“, wo er „Jesus Christ Superstar“ schon abhakte, ist jetzt die New Yorker Trashkino-Zweitverwertung „Hairspray“ dran und wird mit zwei Berliner Revue-Spektakeln mit Nahverkehr ergänzt – Paul Linckes mondsüchtige Fesselballon-Operette „Frau Luna“ und die U-Bahn-Hommage „Linie 1“ vom GRIPS mit der „Jungen Oper“.
Kusenberg-Nachfolger Jan Philipp Gloger ist nicht so leicht einzuordnen. In Wiesbaden hatte er eben Premiere mit Max Frischs allgegenwärtigem, modernen Klassiker „Biedermann und die Brandstifter“, am Hamburger Schauspielhaus macht er im April 2018 die Deutschland-Premiere des brandneuen Wirtschaftskrimis vom derzeit weltweit, besonders beachteten „Geächtet“-Autor Ayad Akthar aus den USA unter dem Titel „Junk. The Golden Age of Debt“.
Ehe die Möbelpacker aus Nürnberg vor der Türe stehen, ruft Jens-Daniel Herzog im Juni 2018 nach nur sieben Jahren bei seiner angekündigten Abschiedsgala stilsicher opernsüdländisch „Addio Dortmund“ in den Ruhrpott. Da formuliert es Klaus Kusenberg im Juli in seinem Blick zurück auf 18 Nürnberger Spielzeiten in ebenso knappen zwei Worten mit „Glück gehabt“ erkennbar stärker seufzend. Wie Peter Theiler im benachbarten Opernhaus – zehn eigene Saison-Bilanzen und die schöne Statistik liebevoll umfassend, nach der das fränkische Theaterpublikum „neugieriger und jünger“ geworden sein soll – seine bisher nicht offiziell angekündigte, persönliche Final-Gala übertitelt, ist offen. Etwa noch minimalistischer? Könnte durchaus sein, dass der Einfluss seiner künftigen Wirkungsstätte, der Sächsischen Staatsoper Dresden, dann schon groß genug ist, um zur Beschreibung des endenden Nürnberger Lustgewinns mit einem einzigen Wort auszukommen: „Fertsch!“


DIETER STOLL
leitete von 1972 bis 2009 das Kultur-Ressort der Abendzeitung Nürnberg und ist aktuell Kritiker u.a. für das Theatermagazin Die deutsche Bühne (Köln) und das Internet-Portal nachtkritik.de (Berlin) sowie Theaterkolumnist für CURT und Autor der Theatertipps im Straßenkreuzer.




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