Jakub Julian Ziółkowski: Das Leben selbst

7. APRIL 2017 - 24. SEPTEMBER 2017, NEUES MUSEUM

#Ausstellung, #Kolumne, #Kunst, #Natalie de Ligt, #Neues Museum

Je mehr sich die Kunst unserer Tage auf konkrete Ereignisse und Bedingungen der Wirklichkeit bezieht, je mehr sie Krisen und Ungerechtigkeiten abbildet, je mehr sie das genuin bildnerische Denken, das Fiktionale und das Risiko des Scheiterns verlässt, desto herausfordernder, autonomer und auch reizvoller treten einem da zum Beispiel die Bilder des polnischen Malers Jakub Julian Ziółkowski (*1980 in Zamosc) entgegen.

Von ihm ist derzeit eine Auswahl von 15 Bildern und Zeichnungen aus der Sammlung Traudl und Herbert Martin im Neuen Museum zu sehen. Studiert hat er an der Kunstakademie Krakau. Früh schon erlangte er mit seinen Bildern Aufmerksamkeit, so dass er von der Akademie kommend nahtlos sein Auskommen als Künstler sichern konnte.

Wer über seine Arbeiten spricht, begibt sich auf dünnes Eis und sollte im Konjunktiv – oder besser – darf im Konjunktiv bleiben. Was ihn antreibt, sind nicht die Konzept- und Referenzmaschinen oder von Außen fassbare Dinge, es ist vielmehr das, was in seinem Kopf vorgeht. Seine Bilder sind Mitbringsel von den Reisen ins eigene Innere. Und sie sind Zeugnisse des eigenen Erlebens und davon, wie absurd und grotesk ihm die Welt, die Existenz, das körperliche Sein und das Kreatürliche samt dem über ihm schwebenden Damoklesschwert von Werden und Vergehen erscheint.

Thematisch und stilistisch lassen sich die Bilder nicht festlegen. Sie zeugen von einer auffallend eigenwilligen Handschrift und Atmosphäre, die dem Betrachter vor allem die Welt als Dystopie zeigt. Gleichwohl finden sich immer wieder Einflüsse von anderen Künstlern der älteren und jüngeren Kunstgeschichte, darunter Hieronymus Bosch, Ensor, Picasso oder Philip Guston. In einer Reihe von Porträts macht sich Ziółkowski die kubistische Auflösung der Figur zu eigen, deutet das Vorgehen jedoch im Sinne seines künstlerischen Kosmos elementar um. Die verzerrte Physiognomie ist bei Ziółkowski körperlicher. Sie ist kein äußerliches Symptom, sondern scheint auf eine Art allgemeiner Wesensdeformation hinzudeuten. Ohnehin kreisen seine Bilder wiederkehrend um den Körper, das Organische und das Prinzip von Leben, Tod und Verfall. Er kehrt das innen Liegende nach außen. Ein vor lauter Details flirrendes, in heiteren Farben gemaltes Bild, das kein Zentrum kennt und in dem wuchernde Topfpflanzen, allerlei Getier sowie Malerutensilien in trügerischer Eintracht koexistieren, erscheint bei näherer Betrachtung wie ein Sinnbild des organischen Prinzips. Und das ist ebenso unkontrollierbar wie unaufhaltsam. Hier ist alles miteinander verbunden und wird gleichzeitig überwuchert und ist in Zersetzung begriffen. Davon sind auch der Mensch bzw. das Individuum und seine vermeintlich bleibenden Hervorbringungen nicht ausgenommen – im Bild angedeutet durch die Leinwände und Pinsel. Die Natur triumphiert am Ende immer über die Einzelexistenz. Existenz an sich ist der Kreislauf.

Den oft surrealistischen und grotesken Szenarien und den deformierten Figuren und makabren Mischwesen sieht man an, dass hier einer am Werk ist, der vom eigenen Erleben, Ängsten und Verwunderungen ausgeht und von dort eine vielgesichtige Auseinandersetzung mit den grundsätzlichen Fragen der menschlichen Existenz betreibt. Die Endlichkeit des Einzelnen gegenüber der Allmacht des Kreislaufs spielt dabei immer wieder eine Rolle. In seinem reichhaltigen Bilderkosmos führt Jakub Julian Ziółkowski vor, dass es dabei nicht nur grausam, sondern ebenso absurd und komisch zugehen kann – wie das Leben selbst.

Diese Position sticht aus der sonst gezeigten Kunst im Neuen Museum hervor, aber das tun Ziółkowskis Bilder wohl an jedem Ort.

[Text: Natalie de Ligt]

Bis 24. September 2017
JAKUB JULIAN ZIÓŁKOWSKI: DAS LEBEN SELBST
Neues Museum Nürnberg, Klarissenplatz, Nürnberg.
Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr. nmn.de




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