Claudias Kinoempfehlungen im Juni

DONNERSTAG, 1. JUNI 2017



Und auch wenn wir dem Tod weiter treu bleiben, ist das Motto zwischen den Zeilen doch ein deutlicher Aufruf, die Tage zu einer guten Zeit zu machen. Toughe Mädels fighten sich durch den Juni des Jahres.

WENN DU STIRBST, ZIEHT DEIN GANZES LEBEN AN DIR VORBEI, SAGEN SIE
AB 01.06. // IM CINECITTA
Man könnte es sich leicht machen und sagen “Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei” ist wie “Und täglich grüßt das Murmeltier” – für Teenage-Girls. Aber das ist zu wenig. Denn man kann in diesem Film mehr sehen, als ein Mystery-Drama über ein Mädchen, das immer wieder den gleichen Tag erlebt und dabei immer genauer hinsieht. Der Zuschauer erkennt eine ganz gute Parabel über das Leben, über den Weg, zu dem zu werden, wer man eigentlich ist. Vielleicht ist es keine philosophische Abhandlung, der Film basiert auf einem Roman über Sam und ihre drei Highschool-Freundinnen. Die Mädchenclique lebt auf der Sonnenseite, bis die New Yorker Independent-Regisseurin die Repeat-Taste drückt, damit Sam das Sinnlose begreift. Das geschieht erfreulich kurzweilig – Ergebnis ist der Wunsch, mal was richtig zu machen. Und ich habe dieses Jahr das Gefühl, solche Filme schaden nicht.
 



GIULIAS GROßES RENNEN
AB 08.06. // IM CASABLANCA
Giulia geht es ähnlich wie Jennifer Lawrence in ihrem Debüt “Winter's Bone”: Sie ist mit 17 das Familienoberhaupt und muss sich um Großes kümmern. Giulia kämpft wie Lawrence um das Dach über'm Kopf. Sie ist eine talentierte Rennfahrerin, deren Vater sie neben der Strecke – bis zu seinem plötzlichen Tod – coachte. Dass sie nun alleine mit ihrem kleinen Bruder Nico dasteht, ruft ihren verdrogten, älteren Bruder auf den Plan, der als einziger Vormund in Frage kommt. Weder ist er eine Hilfe, noch hat er Anderes als seinen eigenen Vorteil im Sinn. Aber er ist auch mal Rennen gefahren, daran wird er zuhause erinnert, was den Junkie schmerzt. Giulia und er werden sich zusammenraufen müssen, und da das im Leben so selten passiert, schaut man es im Kino immer ganz gern an. Sind nämlich gute Schauspieler. Nebenbei kann man über den Satz “Wenn du alles unter Kontrolle hast, heißt das, du bist nicht schnell genug.” nachdenken. Durch welches Wort könnte man “schnell” ersetzen?
 


BORN TO BE BLUE
AB 08.06. // IM CASABLANCA & CINECITTA
Er war der James Dean des Jazz. Mit Trompete, Sonnenbrille und gegeltem Haar brach Chet Baker in den Fünzigerjahren die Herzen der Frauen und die Rekorde in den Charts, bis er dann nur noch ein Junkie war, der sich kaum auf den Beinen halten konnte. Der Stoff aus dem Biographien sind. Trotzdem gibt es an BORN TO BE BLUE einiges zu kritisieren. Der Film ist unglaublich zerfasert in seiner Struktur und Ethan Hawke sieht aus wie Ethan Hawke und nicht wie der Jazztrompeter, der im übrigen entweder in Selbstzweifeln badet oder sich in Arroganz suhlt. Nachdem ihm die Fresse poliert wurde und er alle Zähne verlor, stand Baker ohne sein Werkzeug da. Langsam kämpfte er sich zurück. Doch er war keiner, der länger als zehn Sekunden glücklich sein konnte.
Lange Zeit hatte ich das Gefühl, dieser Film könnte besser, echter, näher dran sein. Aber schließlich siegt Inhalt über Form. Denn das Finale sitzt. Am 11.06. wird der Film im Casablanca zum Auftakt der Jazz-Reihe gezeigt. Paul Geier vom Jazzstudio Nürnberg wird von Auftritten Bakers im Nürnberger Jazz-Keller berichten.
 


MONSIEUR PIERRE GEHT ONLINE
AB 22.06. // IM CINECITTA
Eigentlich wollte ich den Film nur anschauen, weil Pierre Richard eine Kindheitserinnerung ist. Er war der einzige französische Schauspieler, den ich kannte und ich hatte keine Ahnung, dass es ihn noch gibt. Er ist ein entzückender Herr, der – ähnlich wie Dieter Hallervorden – jenseits der 80 feines Programm bietet. Monsieur Pierre findet das Leben ohne seine verstorbene Frau “zum Kotzen” und verlässt das Haus nicht mehr. Seine Tochter präsentiert ihm Alex, ihren Freund. Der erfolglose, nette Typ zeigt Pierre die große Welt des Internets, in der sich – Überraschung – tolle Frauen verstecken. Mehr zu erzählen, hieße, jedem den Film zu vergraulen, denn die Geschichte ist ziemlicher Unsinn. Jedoch hat irgendwer sehr unglaubwürdige Ergüsse zum schmucken Ganzen geformt, wo zwei charmante Männer ständig über die eigenen Füße und andere Körperteile stolpern. Dieses Drehbuch findet aus jeder Sackgasse heraus.
 


NUR EIN TAG
AB 29.06. // IM CINECITTA & BABYLON
Ein wildes Märchen, das aber auch eine Menge bietet, wenn man kein Kind ist. Lars Rudolph, abonniert auf Rollen als Verrückter und Obdachloser, darf den Fuchs spielen, obwohl er gar nicht schlau ist. Sein Mitbewohner in einer sehr coolen Wald-WG ist Wildschwein Aljoscha Stadelmann, den der Fuchs liebevoll “das fette Schwein” nennt. Aber nett sind die beiden ohnehin nicht zu einander, höchstens, wenn es Trüffelpuffer und schwungvolle Musik gibt, ist mal Frieden auf der Lichtung.
Beide sind begeistert vom Schlüpfen der Eintagsfliege (Karoline Schuch im Badeanzug), die, so finden sie, schon sehr süß ist. Aber eine Zukunft mit ihr, … nun ja. Wie so oft beim Kennenlernen trumpfen die Männer mit einer faustdicken Lüge auf, um den Tag mit ihr zu verbringen. Stunde um Stunde suchen die drei das Glück und haben eine so gute Zeit, dass sie deren Knappheit fast vergessen. Bonus: Einmal mehr Anke Engelke mit einem gar nicht lustigen Part im Kino.
 


 




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