Über das Vulgäre in und um uns herum

17. MäRZ 2017 - 18. JUNI 2017, NEUES MUSEUM

#Ausstellung, #Kritik, #Kunst, #Natalie de Ligt, #Neues Museum

Die Ausstellung „Anti-Pop“ mit Werken von Boris Lurie und anderen in einer Besprechung von Natalie de Ligt.

Das Trauma, das Boris Lurie (1924 Leningrad – 2008 New York City) sein Leben lang begleitete, drückte er in Bezug auf seine Kunst mit den Worten aus: „Die Grundlagen meiner künstlerischen Erziehung erwarb ich in KZs wie Buchenwald.“ Luries zweiter Schrecken war die Geschichtsvergessenheit der Anderen, und zum Schrecken jener Anderen machte er seine Kunst. Aber nicht um des Schreckens oder der Provokation willen kombinierte er in seinen Collagen Fotos von NS-Vernichtungslager mit Pin-Ups, malte er Leiber deformierter weiblicher Figuren oder schuf er Skulpturen in Form und Aussehen von Scheißhaufen. Das kompromisslose und radikale Werk des 1946 mit seinem Vater in die USA ausgewanderten Künstlers bezieht stets unmissverständlich Stellung. Es ist eine in Teilen gellende Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazis, die auch der jüdisch stämmige Lurie und seine Familie erleiden mussten.

Als Trägermaterial für seine Bilder dient nicht die saubere, jungfräuliche Leinwand oder das blütenweiße Papier, es sind schmutzige, benutzte Leinwände, Handtücher oder Rupfen sowie vergilbte Papiere. Und das ist nicht als kunstvolle Patina gemeint, sondern als Ausdruck vom schmutzigen Leben und Alltag, wie er es u.a. im KZ erfuhr. Aber auch der aktuelle Alltag sowie die Politik und vor allem die Kunstwelt der 1960er Jahre mit Action Painting oder Pop Art stellten sich Lurie belanglos, konsumversessen und vor dem Hintergrund seiner Erlebnisse als geschichtsvergessen dar und somit dreckig und vulgär. In den amerikanischen Medien etwa wurde der Holocaust weitgehend ignoriert. Und eine ironische Brechung der Konsum- und Warenwelt, wie sie die Künstler der Pop Art vornahmen, war Lurie zu wenig. Sie spielten das Spiel des Kapitalismus mit. Insofern ist Luries Werk immer auch als Gegenpol zur Bürgerlichkeit des damaligen avantgardistischen Kunstbegriffs zu verstehen, als Kampfansage gegen das Kunstestablishment.

Bei Boris Lurie finden sich wenig Malerei, wenig Komposition und dafür viel Collage. Hierfür griff er auf einen immensen Fundus an Zeitungs- und Magazinbilder zurück. Viele seiner Arbeiten spielen auf Sadomasochismus an. Es tauchen Fesselungen oder in enge Schuhe eingezwängte Füße auf. Die Nacktheit des weiblichen Körpers erscheint bei Lurie erotisiert, vor allem aber objekt- und warenhaft, ausgesetzt und gedemütigt. In seiner Serie „Hard Writings“ ist in klarer Komposition jeweils ein Wort in schlichter, plakativer Typografie vor eine Fotografie gesetzt – z.B. das Wort LOAD vor jene Fotografie mit Leichen eines Vernichtungslagers, die Lurie mehrfach verwendet. Der Begriff ist vieldeutig, und in Kombination mit dem Foto bildet das Ganze einen ebenso vielsagenden Zynismus. Load bedeutet laden im Sinne von etwas aufladen, ein Gewehr oder eine Kamera laden, und es meint die Last, sowohl die physische wie die psychische. Lurie bezieht mit seinen Werken und mit den wiederkehrenden Themen wie Gewalt, Macht, Sexualität immer Stellung, als Person und als Künstler. Er meinte seine Kunst nicht ästhetisch sondern grundsätzlich. Sie ist unverbrüchlich mit seiner Lebensgeschichte verbunden, die gewissermaßen sein Werk formte.

Die Ausstellung im Neuen Museum entstand in Kooperation mit der Boris Lurie Art Foundation in New York, wo die meisten Werke herkommen. Thomas Heyden, Kurator am Neuen Museum und der Lurie-Schau, hat eine aufschlussreiche Auswahl getroffen und Luries Werke außerdem mit Werken anderer Künstler mit ähnlich unmissverständlicher Haltung in Dialog gebracht und damit Lurie einen Platz gegeben, den er schon längst hätte erhalten sollen. Die Werke und die Schau sind keine leichte Kost, aber – gerade in Nürnberg – wichtig, sinnvoll und überfällig. Boris Lurie und seiner Kunst gebührt eine fortgeführte Auseinandersetzung.

Bis 18. Juni 2017
BORIS LURIE: ANTI-POP
Neues Museum Nürnberg, Klarissenplatz
Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr.
www.nmn.de
 




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