Jürgen Teller - Der Fotograf fürs Ungeschönte

22. JANUAR 2017 - 23. APRIL 2017, KUNSTPALAIS ERLANGEN

#Ausstellung, #Fotografie, #Kritik, #Kunst, #Kunstpalais Erlangen, #Natalie de Ligt

Der großartig unkonventionelle Fotograf Jürgen Teller (*1964) wuchs im kleinen Bubenreuth bei Erlangen auf. Anfang der 1980er Jahre zog er nach London, wo er bis heute lebt. Von dort startete er seine internationale Karriere als Fotograf, die insofern ungewöhnlich ist, weil sie im Bereich der Modefotografie verankert ist.

Hier setzte Jürgen Teller nicht nur seine explizite künstlerische Haltung entgegen alle in der Mode geltenden Regeln durch, sondern schuf auch eine neue, bisweilen verstörende Ästhetik, wie man sie allenfalls in der Kunst oder der Fotoreportage erwarten kann, nicht aber in der Mode. Von Supermodels wie u. a. Kate Moss entstanden intime, ungeschönte Porträts, die sie nicht als Labelträgerin zeigen, sondern als eine nahbare Person, die sich scheinbar ohne jede Inszenierung dem Fotografen zeigt, als sei er eine sehr vertraute Person. Das TV-Sternchen Kim Kardashian fotografierte er, wie sie gleich einem hilflosen Käfer halbnackt auf einem Erdhügel herumkrabbelt und ihr unfassbar großer Hintern wie eine Behinderung erscheint. Da blickt Jürgen Teller gewissermaßen in den Backstagebereich vom Backstage. Für die Fotokampagne eines Juweliers spannte er seinen Familienclan ein. Mutter, Onkel und sein frischgeborenes Kind lichtete er mit dem teuren und edlen Schmuck ab - und zwar im Bubenreuther Elternhaus. Er tauchte die unverhofften Models samt dem Schmuck in hartes Blitzlicht, was den Bildern jeglichen Glanz und die Sättigung raubt, aber dafür das Unliebsame umso schärfer abzeichnet. Weder das häusliche Interieur noch die Angehörigen sind besonders fotogen. Teller nutzt die Kampagne gleichsam für eine Art Familienporträt, wobei er den Betrachtern einen ungeschönten Einblick in sein persönliches, durchaus kleinbürgerliches Umfeld gibt. Das Geschmeide erscheint darin wie ein Fremdkörper, das für die Protagonisten keinen Wert besitzt und mit dem sie entsprechend arg- und achtlos vor der Kamera posieren. Den Auftraggebern, die ja eigentlich eine verkaufsfördernde Inszenierung ihrer Ware wollen müssten, gefällt das offensichtlich. So entsteht eine Liaison, von der beide profitieren: Der Designer lässt sich auf die Kunst von Jürgen Teller ein. Die ist selbst eine Marke, so dass die fotografischen Ergebnisse ihrerseits als Kunst wahrgenommen werden und natürlich auch alles, was auf den Fotos zu sehen ist, egal ob es funkelt oder nicht.

Wenn etwas in Jürgen Tellers Fotografien erstrahlt und mit Wert belegt wird, dann das Moment von Intimität. Ob Fotomodels, Juwelen, Prominente wie Arnold Schwarzenegger, Pélé, Yves Saint Laurent oder Schauspielerinnen wie Charlotte Rampling, ob Stillleben des Alltags, der fränkische Wald, das Mauerwerk der Zeppelintribüne, die private Umgebung, seine Familie oder Jürgen Teller selbst, ihm gelingt es stets, dieses Moment der Intimität herauszuarbeiten und es zum eigentlichen Bildereignis werden zu lassen. In seinen Fotografien wird alles nahbar. Das kann je nach Situation ernsthaft, ironisch, humorvoll, skurril, bizarr oder auch melancholisch sein.

In der Erlanger Schau, die gewissermaßen ein Heimspiel für den Fotografen ist, zeigt er eine ganze Reihe unterschiedlicher Serien und ikonischer Einzelbilder. Immer wieder tauchen hier das heimatliche Umfeld und engste Familienmitglieder auf, die er gewohnt ungeniert in manche der hochbezahlten Fotokampagnen einbettet. Durch seine Professur an der Nürnberger Kunstakademie hat er in seinen Studenten weitere Sparringspartner dazugewonnen. Wie selbstverständlich bindet er sie immer wieder in seine Arbeit als Fotograf ein oder hält auch mal selbst als Modell her. In einer Serie kleinformatiger Bilder, die seine Mutter bei einem Waldspaziergang begleiten und die mit kurzen tagebuchartigen Erinnerungssätzen untermalt sind, schlägt Jürgen Teller ungewohnt ruhige und anrührende Töne an. Auf der anderen Seite ist da dieser Film, in dem er, verkleidet als Franke Dieter, durch die eigene Ausstellung streift und es sich nicht nehmen lässt, in der Rolle des ungehobelten Kunstlaien erfrischend unverblümte Kommentare zu den Bildern abzugeben.

Bis 23. April
JÜRGEN TELLER: DER FOTOGRAF FÜRS UNGESCHÖNTE

KUNSTPALAIS ERLANGEN
Palais Stutterheim
Marktplatz 1, Erlangen
Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr,
www.kunstpalais.de
 




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