Joachim Bandau: Ophelia und das Mannequin

2. DEZEMBER 2016 - 30. APRIL 2017, NEUES MUSEUM

#Ausstellung, #Kolumne, #Kunst, #Natalie de Ligt, #Neues Museum

Hätte die Tochter ihrem Bildhauervater Joachim Bandau (*1936) nicht den Schlüssel zu seinem Skulpturenlager heimlich abgenommen und behauptet, der Schlüssel habe sich in Luft aufgelöst, wäre Vater Bandau, wie oft zuvor angekündigt, in das Depot spaziert und hätte alle seine Skulpturen vernichtet. Und zwar jene Skulpturen, die man derzeit im Neuen Museum begutachten kann und die auf wundersame Weise, wie zeitlos aus der Zeit gefallen scheinen.

Sie könnten von heute sein, sind aber tatsächlich in den Jahren 1967 bis 1974 entstanden. Damals ereignete sich so einiges im deutschsprachigen Kunstraum. Minimal-, Konzept und Performance-Kunst schwappten aus den USA zu uns herüber. Allerorten, auch an den Kunsthochschulen wurde, trotz erbitterten Widerstands der Altvorderen, die Erweiterung des Kunstbegriffs geprobt. Und hier hinein platzierte der damals 30 Jahre junge Joachim Bandau seine technoiden, wie Kreuzungen zwischen Mensch und Roboter anmutenden Objekte, und bestellte mit diesen ein ganz eigenes Feld. Mit ihrer glatten, unangreifbaren Ästhetik geben sie ein perfektes, ewiges Funktionieren vor. Durch das, was diesen Zerrbildern offensichtlich fehlt, nämlich das Humane, zeigen sie uns gleichsam des Menschen Unzulänglichkeit. Man meint, der Künstler habe diese Skulpturen aus den schwelenden Empfindungen der Zeit gebaut. Die fortschreitende Technisierung und Elektronisierung verbirgt zunehmend die Funktionen unter glänzenden Oberflächen. Und in den Star-Mix kommen die unliebsamen Teile der Vergangenheit und Gegenwart, um bis zur Unkenntlichkeit verquirlt zu werden. Die nach 1945 – auch im Taumel des Wirtschaftswunders – wieder erreichte Zivilisierung rechtfertigt andererseits so einige Drecksauereien. In Bandaus Skulpturen hat die Zivilisation es deutlich übertrieben. Irgendetwas Schwerbekömmliches hat sich da verselbständigt und ist zu einer eigenen Spezies geworden. In diese hypermodernen Schreckgestalten hat ihr Erschaffer allerdings auch einige Ambivalenzen eingepflanzt. Diese zu erkunden erfordert die Beschau des Originals. Denn die Machart verrät gleichsam die Faszination des Künstlers an dieser spezifisch technoiden Erscheinung. Hingebungsvoll täuscht er die makellose, industriell erzeugte Oberfläche an. Bandau greift vor allem auf den Werkstoff Fiberglas zurück, der sich willig formen und bearbeiten lässt und der seinerzeit als künstlerisches Material entdeckt wird. Dusch- und Reifenschläuche, Brauseköpfe, technische Verbindungsteile aus Aluminium und kaltem Metall verbaut er mit vakuumverformten Kunststoffteilen und Segmenten von Schaufensterpuppen. Bis auf die technischen Teile verschwindet am Ende alles unter einer dicken Lackschicht, die die Oberfläche oftmals wie Porzellan erscheinen lässt. Die weiblichen Rundungen, die sich hier und da gegen die Blutleere zu stemmen suchen, verleihen so mancher Figur etwas Fetischhaftes, womit Bandau ein weiteres Fass öffnet.  Wie auch immer: Die Skulpturen dürfen nicht schäbig und zusammengezimmert wirken. Denn je besser sie die Perfektion heucheln, desto stärker verkörpern sie das Monströse und Inhumane.

Schon lange wird das Werk des in Köln geborenen Künstlers Joachim Bandau in Nürnberg und im Neuen Museum rezipiert. Es ist ein Gewinn für alle, dass die insgesamt 40 Objekte umfassende Gruppe, aus der aktuell 16 Skulpturen gezeigt werden, in den Besitz des Neuen Museums übergehen.

[Text: Natalie de Ligt]


Bis 30. April
JOACHIM BANDAU: OPHELIA UND DAS MANNEQUIN. FRÜHE SKULPTUREN 1967-1974
Neues Museum, Klarissenplatz.
Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr.
www.nmn.de
 




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