So ein Theater ...

MITTWOCH, 1. FEBRUAR 2017

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Rote Löwen, lange Nasen und arme Leut´ - Schon gleich wieder die halbe Saison vorbei an den Bühnen rundum: am Staatstheater Nürnberg basteln drei Direktoren, während sie die laufende Spielzeit zum Höhepunkt lenken sollen, auch am Feinschliff ihres ultimativen Abschiedsjahres 2018.

Der Opern-, der Generalmusik- und der Schauspieldirektor (Peter Theiler, Marcus Bosch und Klaus Kusenberg) sortieren ihr persönliches Vermächtnis fürs Schlussfeuerwerk. Vom Musiktheater sind die dicksten Brocken im Finale bereits bekannt: Calixto Bieito inszeniert die kolossalen „Trojaner“ von Hector Berlioz, Peter Konwitschny übernimmt Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“, die man vor fünfzig Jahren für unaufführbar hielt und vor vierzig Jahren dann doch in Nürnberg spielte. Noch tiefere Spuren in der Operngeschichte des 20. Jahrhunderts hinterliess freilich Alban Bergs „Wozzeck“ – und die aktuelle Inszenierung dieses Neutöner-Klassikers aus dem Jahr 1925 (!) dürfte denn auch der Avantgarde-Höhepunkt im Februar 2017 (!!) werden. So ist das in der Oper (!!!).

THEATERWEGWEISER FÜR FEBRUAR VON DIETER STOLL:

STAATSTHEATER NÜRNBERG

PREMIERE. Das hochpoetische Theaterstück von Georg Büchner, die literarische Vorlage für den unverrückbar modern gebliebenen Komponisten Alban Berg, war erst vor wenigen Jahren in einer sehr umstrittenen, in Maßen aufregenden Inszenierung am Schauspielhaus nebenan zu sehen – da lief der tragische Titelheld Woyzeck eine Stunde lang rezitierend hilflos nackt im Kreis. Vergleichbare Deutungsfreiheit hat der Regisseur der Oper WOZZECK (der geänderte Buchstabe im Namen gilt als beibehaltener Übermittlungsfehler aus der Original-Handschrift) sicher nicht, aber Georg Schmiedleitner wird es in seinem Projekt zwischen Tennessee Williams („Katze auf dem heißen Blechdach“) und Richard Wagner („Der Ring des Nibelungen“, jetzt komplett) sicher mit mobilisierter Gedankenfreiheit probieren. Die Chancen stehen gut, denn das geniale Werk hat auch in Nürnberg schon grandiose Aufführungen erlebt – einst in kühler Feinschliffregie von Hansgünther Heyme mit Peter van Ginkel und dem Weltkarrierestart von Dunja Vejzovic als Marie. Zuletzt provokant turbulent unter Leitung des umkämpften Opernhaus-Reformers Eberhard Kloke und Regisseur Wolfgang Quetes (mit Jürgen Linn und Elizabeth Whitehouse), wo ein Steg direkt ins Volk quer übers Parkett führte. Nun also Edelbariton Jochen Kupfer in der brachialgewaltigen Titelpartie, aus dessen an Brahms, Mozart und Schubert trainierter Kehle das erschütternde „Wir arme Leut‘“ vermutlich einen besonderen Klageklang gewinnt. Die gebürtige Nürnbergerin Katrin Adel kehrt mit „dramatischem Sopran“ als Marie in ihre Heimatstadt zurück. Am Pult überraschend nicht der Philharmoniker-Chef, sondern sein junger Vize Gábor Káli.
Premiere: 18. Februar, weitere Termine 21. Februar, 2. und 6. März

PREMIERE: Fußball ist unser Leben? Offensichtlich sogar ohne direkte Aussicht auf weitere Sommermärchen. Noch ein Kicker-Drama im Staatstheater-Spielplan, nachdem Albert Ostermaiers Spielerkabinen-Hommage an einen FCN-Trainer auf der Flucht vor den Nazis zwar nicht die Massen aus der Nordkurve lockte, aber großes Lob bei kleinem Publikum bekam. Der bislang letzte gefeierte Club-Coach Hans Meyer war auch da, und vermutlich wird er sich jetzt die deutsche Premiere von DER ROTE LÖWE ebenfalls nicht entgehen lassen, wenngleich sie trotz des Titels keineswegs auf einen mittelfränkischen Leihspieler bei 1860 München verweist. Klaus Kusenberg, ein treuer Fan britischer Dialog-Eleganz, führt Regie beim neuen Stück des Londoner Erfolgsautors Patrick Marber (sein später in Hollywood verfilmtes Drama „Hautnah“ stand 1999 in eindrucksvoller Inszenierung von Oliver Karbus in Nürnberg auf dem Spielplan), der unter anderem Komiker und Vorstand eines Fußballvereins ist. Dieses Hobby am Rasen hat ihn direkt zur Handlung geführt, wo im kleinen englischen Provinzclub der Zeugwart, der Trainer und ein begabter Nachwuchsspieler (Frank Damerius, Marco Steeger, Frederic Bott) um Aufstiegschancen und Transfersummen ringen. Es geht um Macht, Karriere, Ruhm und, naja, auch um ein Mindestmaß an Fairness. Das kann jeder ballverliebte Zuschauer vor oder nach dem Besuch in den Kammerspielen für sich zum Zweiteiler ausbauen, denn in der BlueBox steht weiter Ostermaiers LINKE LÄUFER (ERSTER SEIN) auf dem Spielplan.
Premiere: 25. Februar, weitere Termine  1. und 2. März in den Kammerspielen – Linke Läufer ist am 1. und 13. Februar in der BlueBox zu sehen.

COMEBACK: Nachdem die erste Serie des neuesten Ballett-Doppelabends MONADE (Mauro Bigonzettis „Antiche danze“ als idealer Partner der Kreation des Spartenchefs) mit Traumquoten von nahezu hundertprozentiger Platzausnutzung durch ist, holt Goyo Montero erst mal sein abendfüllendes Handlungsballett CYRANO in neuer Besetzung zurück. Der verliebte Poet mit der langen Nase, der selbstlos seinem bildschönen (aber vergeblich um Worte ringenden) Nebenbuhler das eigene Talent quasi als Karaoke-Kavalier leiht, tritt wieder zum Sprung an – und weil sich die Compagnie seit der Uraufführung in vielen Positionen geändert hat, ist die Wiederaufnahme fast eine Premiere. Edmond Rostands bittersüß romantisches Drama aus der Mantel- und Degen-Ecke wird in Monteros Choreographie auf Musik aus drei Klangepochen gebaut: der 1683 geborene Jean-Philippe Rameau aus Frankreich, der 200 Jahre jüngere Amerikaner Charles Ives und per Auftrag der kanadische Computer-Komponist Owen Belton, der die Brücke zur Gegenwart schlägt. Am Opernhaus ist vor diesem weit aufgerissenen Horizont ein vielbeinig anspruchsvolles, gleichberechtigt auf Show-Reiz bedachtes Spektakel entstanden. Eine lange Nase an alle, die „Handlungsballett“ für tot erklären, wenn auch etwas Pinocchio-Dramatik in der aufwändigen Turbulenz steckt. Man muss nicht übertreiben und gleich der euphorisch urteilenden Zeitschrift „Dance Europa“ folgen, die das als „beste Premiere 2014“ rühmte – ein großer, sehenswerter Abend ist es allemal. Nun also runderneuert.
Termine: 4., 11., 17., 19., 25. Februar und 3. und 5. März im Opernhaus.

PREMIERENFRISCH: Ohne Belcanto war ein Nürnberger Opernspielplan undenkbar, nachdem Peter Theiler die Direktion übernommen hatte. Viel unbekannten Donizetti gab es seitdem, nächsten Monat ist Bellini mit „Norma“ dran, jetzt ging es zurück zum großen Feinschmecker für Bühne und Küche. Gioacchino Rossini ist wahrlich kein Mozart, aber ein faszinierender Schöngesang-Mechaniker, dessen Arien vor kalter Brillanz nur so flimmern. Mit DIE ITALIENERIN IN ALGIER, dem Frühwerk des 21-Jährigen, war er international längst erneut hoch angesehen, als ihn deutsche Musiktheatermacher und ihr Publikum immer wieder auf den unverwüstlichen „Barbier von Sevilla“ festklopften. Das hat sich inzwischen auch in Nürnberg geändert, dank Theilers noch bis 2018 gültiger Spielplan-Politik. Dazu gehört wie ein lokaler Leichtgewichtsschwerpunkt die inszenierende Choreographin Laura Scozzi, die mit ihrer sehr eigenen Comedy-Schablone und viel Lust an dressierter Bewegung wechselhaft erfolgreich über alle Werke herfällt. Mit Rossinis „Reise nach Reims“ war sie gut aufgestellt, der neuerliche Anlauf mit einer bereits in Toulouse entwickelten Inszenierung der „Italienerin“, lässt ihr kitzelndes Talent wieder erblühen. Neben der extra verpflichteten Compagnie ist sogar eine „Erotiktänzerin“ zur körperlichen Verstärkung der akustischen Reize engagiert worden. Allrounder Guido Johannes Rumstadt dirigiert, unter den Sängern sind Mezzosopranistin Ida Aldrian, grade noch der Hänsel am Knusperhexenhaus, und Allzweck-Tenor Martin Platz, zuletzt fürs „Weiße Rössl“ im Einsatz.
Termine: 1., 5., 12., 26. Februar im Opernhaus.

BESTSELLER IM SPIELPLAN: Zu den meistgebuchten Aufführungen der letzten Wochen gehören neben frisch in Umlauf gesetzten Neuproduktionen auch einige stabile Dauerbrenner. Erik Gedeons turbulenter Jux EWIG JUNG, die respektfreie Schlagershow im Künstlerseniorenheim, hat mit vielen ausverkauften Vorstellungen im Schauspielhaus den Bestsellerstatus bereits sicher. Sibylle Bergs giftspritzende Umkreisung der Frau in den Enddreißigern UND DANN KAM MIRNA gehört zu den extrem beliebten Vorstellungen in den Kammerspielen, was neben den Texten und den Schauspielerinnen auch einer augenklappernden Riesenpuppe zu danken ist. Und dann, 60 Jahre nach Elizabeth Taylor und Paul Newman auf der Leinwand, Tennessee Williams‘ DIE KATZE AUF DEM HEISSEN BLECHDACH live. Derzeit ist grade wieder Comeback-Time für den US-Autor schwitzender Dialogpsychologie, und das lockte den seit dem Jahr 2000 hier gastierenden österreichischen Ausnahmeregisseur Georg Schmiedleitner, der in Nürnberg an die Oper verloren schien, mal wieder ins Schauspiel zurück. Josephine Köhler, die begabte Extremakteurin des Ensembles, erobert mit dem im fliegenden Wechsel vom Shakespeare-Projekt „Römische Trilogie“ umsteigenden Stefan Willi Wang die Hauptrollen dieser Zimmerschlacht. Michael Hochstrasser schwebt als grantiger Big Daddy wie ein Phantom mit gefährdeter Bodenhaftung über dem Familiendrama.
Termine: Ewig jung am 5., 13., 23. Februar im Schauspielhaus; Die Katze auf dem heißen Blechdach am 7., 11., 16., 18., 24. Februar im Schauspielhaus; Und dann kam Mirna am 10., 15., 19. Februar in den Kammerspielen.

AUCH SEHENSWERT: Eine geheimnisvolle Gräfin, die mit der Autorität von Geld und Adel von ihrem Schloss aus über die Stadt herrscht, kämpft mit allen Mitteln gegen das Altern. Angeblich zapft sie von jungen Frauen die „ewige Jugend“, was der Volksmund mit dem schönen Begriff „Blutgräfin“ quittiert. Vampirgrusel aus mittelalterlichen Zeiten, den die 33-jährige Autorin Nino Haratischwili (sie stammt aus Tiflis und hat in Deutschland schon reichlich Preise eingesammelt) mit ihrem bereits 30. Stück SCHÖNHEIT zu einer überzeitlichen Studie über Sehnsucht, Macht und Verleumdung verdichtet.
Petra Luisa Meyer, hier mit Inszenierungen wie „Der nackte Wahnsinn“ als Fachfrau für Spaß & Spannkraft bewährt, führte Regie beim schwarzpoetischen Transfusionsspuk. Nicola Lembach spielt mit Bravour die blut- und lebensdurstige Hauptrolle. Tief gebohrt wird nicht, aber an der Oberfläche glitzert es.
Termine: 5., 7., 11., 16., 18. Februar in den Kammerspielen.

MIT BESONDEREM ANSPRUCH: Die wahre Geschichte vom jungen Anwalt, der in Berlin den kurz vor der Machtergreifung stehenden Adolf Hitler zur Verantwortung vor Gericht zwang und wenig später Opfer der Massenverhaftungen wurde, ist denkwürdig. Zuerst wurde das in England im Film und im Theaterstück umgesetzt. Letzteres hat in der deutschen Fassung in Nürnberg unter dem Titel DER PROZESS DES HANS LITTEN eine besondere Besetzung: Schauspielerin Patricia Litten, die Enkelin, in der Hauptrolle der kämpferischen Mutter des Juristen. Eine leider zaghafte Inszenierung von Jean-Claude Berutti, durch Story und Darstellerin dennoch bemerkenswert.
Drei Shakespeare-Dramen zum Preis von einem: John von Düffel, führender Second-Hand-Autor der deutschen Szene, bastelte im Auftrag des Nürnberger Staatstheaters aus drei gewaltigen Raritäten (Coriolan, Julius Cäsar, Antonius und Cleopatra) eine überschaubare RÖMISCHE TRILOGIE. Klaus Kusenberg inszenierte das in dreieinhalb Stunden Spieldauer mit kontrolliertem Pathos und Spektakel-Verzierung. „Verachtung – Verschwörung – Verführung“ steht über den drei Teilen, und wenn Stieg Larsson auch nur unfreiwilliger Pate ist, so bietet die abgespeckte Dreifaltigkeit etwas von Thriller-Spannung im gehobenen TV-Segment. Sandalen gibt es nicht, doch für Cleopatra plätschert der Pool fast wie in Hollywood und alle nippen ständig an einem Drink voller „Wolfsmilch der Macht“.
Termine: Der Prozess des Hans Litten am 1., 9., 19., 26. Februar im Schauspielhaus; Römische Trilogie am 10., 12., 15. Februar im Schauspielhaus.

ERFOLGSERLEBNISSE: Schon vor der viel diskutierten TV-Verfilmung kam in Nürnberg der Aufstieg von den Kammerspielen ins große Haus für Ferdinand von Schirachs Mitbestimmungsjustiz. Debatten fordert das Gerichtsdrama TERROR sowieso in jeder Vorstellung heraus, also hat Frank Behnke als Regisseur der Nürnberger Fassung die Transplantation in den dreifach so großen Rahmen des Schauspielhauses zur wundersamen Schöffenvermehrung persönlich vorgenommen. Und jeder Zuschauer darf am Ende machtvoll abstimmend mal kurz das Bundesverfassungsgericht ignorieren. Wie sagte schon einst ein Bundesinnenminister: Man kann doch nicht dauernd mit dem Grundgesetz unterm Arm herumlaufen.
Die beiden Altmeister im Spielplan, schon seit mehreren Jahren die Garanten ausverkaufter Vorstellungen, sind auch wieder da. Das süffige Hör- und Schauspiel WINNETOU in Karl Mays Pendelverkehr zwischen Sachsen und den ewigen Jagdgründen, nach der „Winnetou“-Neuverfilmung und den diversen Konkurrenzwiederholungen der alten May-Kinohits in den dritten Programmen vielleicht noch süffisanter, und der frei nach dem frühen Hitchcock schwarzweiß wirbelnde Nervenkitzeldesign DIE 39 STUFEN mit fliegenden Szenenwechseln in handgezeichneten Kulissen. Beides macht viel Spaß.
Termine: Terror am 3., 4., 14., 17. Februar im Schauspielhaus; Winnetou am 8. Februar in den Kammerspielen; Die 39 Stufen am 3., 17. Februar in den Kammerspielen.

STAATSTHEATER NÜRNBERG
Richard-Wagner-Platz 2-10, Nürnberg
staatstheater-nuernberg.de


GOSTNER HOFTHEATER

PREMIERENFRISCH. Ob man das Lebensgefühl vom Prenzlauer Berg so ohne Weiteres nach Franken in die „Provinz“ verpflanzen kann? In dieser Saison versuchen das gleich zwei Bühnen der Region. Ehe Marius von Mayenburgs STÜCK PLASTIK, als zündende Zeitgeistkomödie mit der Spannweite ungefähr von Botho Strauß bis Luis de Funès von ihm selbst 2015 spektakulär komisch an der Schaubühne uraufgeführt, auch im Erlanger Markgrafentheater ausprobiert wird, zeigt das Gostner Hoftheater seine Version auf kleiner Szene. Eine Familie mitten in der Burnout-Zeremonie, umschwirrt vom pubertären Sohn, einem nervenden Konzeptkünstler und der über allen Alltagsniederungen schwebenden Haushaltshilfe.
Stephan Thiel inszeniert den wie geschmiert laufenden Lustspieltext für fünf lebenden Pointenschleudern über plumpsbereiten Falltüren.
Letzte Termine: 1., 2., 3., 4., 8., 9., 10. und 11. Februar im Gostner Hoftheater.

GASTSPIEL. Der hinkende Schurke RICHARD III. gehört zu Shakespeares Königsklasse, gilt an den größten Theatern nach wie vor als ultimative Herausforderung (siehe mit dem genialen Lars Eidinger an der Berliner Schaubühne) und bringt mittlere Bühnen stets an den Rand der Verlegenheit. Fürs Staatstheater scheiterten so bedeutende Regisseure wie Hansjörg Utzerath (Komödiantenschwergewicht Hilmar Eichhorn war bei ihm der Böse) und Christoph Mehler (er steckte die zarte Julia Bartolome in die Maske) sehr eindeutig samt jeweils großem Ensemble. Die Alternative? Jetzt sind es gleich zwei Frauen und sonst niemand, die den totalen Shakespeare probieren. Zur Kletterpartie auf der Karriereleiter laden Johanna Steinhauser und Marsha Zimmermann mit der auch jenseits der Theaterkunst verbürgten Beobachtung „Wer hoch steigt, kann tief fallen“.
65 Minuten dauert der „brutal und witzig“ angelegte Schnellkurs über den Zusammenhang von Königreichen und Pferden in Regie von Johannes Lang. Jugendlichen Zuschauern dürfte das spontan besser gefallen als Literaturprofessoren.
Termine: 15., 16. und 18. Februar im Gostner Hoftheater.

GOSTNER HOFTHEATER
Austr. 70, Nürnberg
gostner.de


TAFELHALLE

PREMIERE. Mit Susanna Curtis zur Geburtstagsfeier. 150 Jahre „Wunderland“ mit Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“ ergeben ein reizvolles Jubiläum samt Anlass für weitere „dance affairs“. Mit dem irritierend gespiegelten Titel ALICE.ECILA verspricht die Choreographin ein besonderes Tanztheater-Abenteuer von vier erwachsen gewordenen Titelfiguren, die sich als Bestandteil eines grotesken Schachspiels wiederfinden.  
Premiere: 16. Februar, weitere Vorstellungen am 17. und 18. Februar in der Tafelhalle.

GASTSPIEL. Mit Begriffen wie „Kleinkunst“ oder „Kabarett“ kann man dem Phänomen NESSI TAUSENDSCHÖN nicht gerecht werden. Die Ex-Nürnbergerin mit Wahlheimat Köln beherrscht ätzende Satire, knallige Persiflage, umarmende Poesie und vielsagendes Wortspiel. Insofern ist sie ein theatrales Gesamtkunstwerk.
„Knietief im Paradies“ will sie diesmal waten – und vermutlich wird es wieder zum Fürchten schön.
Termin: 4. Februar in der Tafelhalle.

WIEDER IM SPIELPLAN. Vom Kontrollverlust in Alltag, Politik und Computerspiel ist SHELL SHOCKER beflügelt. Choreographin Eva Borrmann wirft die Akteure „wie Spielfiguren auf ein Brett“ und sortiert Bewegung in Körpersprachmustern, die nicht auf Kommando funktionieren. Nach der Premiere von PLAN MEE gab das viel Diskussion beim Publikum.
Termine. 23. bis 25. Februar in der Tafelhalle.

VORSCHAU. Zwei Produktionen im März sind wohl nur im Februar-Vorverkauf zu erwischen. Der Auftritt von KASPER IN TEUFELS KÜCHE mit dem gelüfteten Geheimnis der schlechten Laune bei ausbleibenden Pfannkuchen, von Thalias Kompagnons nach einem Text von Marc Becker liebevoll umgesetzt, gehört zu den kindsgemütlichen Kostbarkeiten des Puppenspiels für Erwachsene. Hausgemachte Qualität eben. Da bisher alle Aufführungen ausverkauft waren, ist Frühbuchung besonders dringlich zu empfehlen. Auch die Rückkehr des Schweizer Duos OHNE ROLF mit der subtilen Sprechlosigkeit, die eben keine Sprachlosigkeit ist, gehört zu den März-Highlights. Die Dialogschlacht mit Plakaten, vom Nürnberger Burgtheater entdeckt, geht nach Denkpause der vielsagend stummen Herren in die nächste Runde – und da kann im Titel schon mal ein Buchstabe fehlen: „Unferti“heißt der Abend. Der G-Punkt der Satire wird mit Sicherheit sofort nachgereicht.
Termine. Kasper ins Teufels Küche am 1., 2. und 11. März im Foyer der Tafelhalle, OHNE ROLF am 8. März in der Tafelhalle.

TAFELHALLE
Äußere Sulzbacher Str. 62, Nürnberg
tafelhalle.de


KÜNSTLERHAUS

PREMIERE. Noch ein kleines Alternativ-Ensemble, das nach der ganz großen Klassik greift: Nikolaus Strucks frei schaffendes (von der Tafelhalle gestütztes) THEATERPROJEKT wagt es diesmal mit Georg Büchner (siehe auch Woyzeck/Wozzeck am Staatstheater), der mit DANTONS TOD in den Spielplänen durchaus immerwährend präsent ist. Das Drama über die Schreckensherrschaft der Französischen Revolution überraschte zuletzt in Erlangen angenehm, wo die Barrikadenmüdigkeit des Helden in einer spöttischen Lebenskünstler-WG beim Braten von Spiegeleiern relaxte. Der Blick darauf war verwundert, aber mit neuer Aufmerksamkeit. Nikolas Strucks Inszenierung für fünf bis sechs Darsteller*innen wird diese leichte Schulter sicher nicht anstreben, sie konzentriert sich unter Verzicht auf (ohnehin nicht besetzbare) Massenszenen ganz auf die kunstvolle Sprache der Protagonisten, die Blutkessel und Sündfluten ebenso beschwören wie sie die Diktatur „über unsere Leichen schreiten“ sieht, und deutet damit unverhohlen in die Gegenwart. Das Nachbeben des Arabischen Frühlings mit Terror und Fanatismus, aber auch der Frage nach der Verantwortung dafür, will die Aufführung einschließen. Ziemlich ambitioniert, dieses Projekt.
Premiere: 2. Februar. Weitere Aufführungen am3., 7., 8. und 9. Februar im Künstlerhaus.

KÜNSTLERHAUS im KunstKulturQuartier
Königstr. 93, Nürnberg
kunstkulturquartier.de


THEATER SALZ+PFEFFER

COMEBACK. Marc Beckers Stücke (siehe auch Tafelhalle) führen manchmal ein Doppelleben. Seine Komödie MEIER MÜLLER SCHULZ wird oft mit Schauspielern auf großer Bühne gezeigt, aber keine Aufführung ist so langlebig wie die vom Nürnberger Puppentheater Salz+Pfeffer. Als „ziemlich cooler Thriller“ läuft die absurde Story von Herrn Meier, der aus lauter Einsamkeit Herrn Schulz „als Geisel und Gesellschafter“ gekidnappt hat und Frau Müller auf der Suche nach einem passenden Verlobten für die unheile Dreifaltigkeit dazu bekommt. In Regie der Berlinerin Eva Kaufmann werden Schauspieler zu Puppen, könnte aber auch umgekehrt sein.
Auch der Kalorienschlachtruf MAHLZEIT schallt wieder gegen alle TV-Sterneköche durch das Haus am Plärrer: Beim Koch-Happening nach Albert Frank ist Percussionist Werner Treiber für Taktgefühl und Rezeptrealisierung zuständig, während Wally und Paul Schmidt naturgemäß Salz und Pfeffer reichen. Ein Imbiss für alle gehört zum brutzelnden Theater, das immer an der großen Pfanne entlang von heiligen Kühen und armen Säuen erzählt und den Stempel „vegan“ selbstbewusst wie einen Schneebesen schwingt.
Termine: Meier Müller Schulz am 3., 4. und 5. Februar. Mahlzeit am 25. Februar, 4. und 5. März im Theater Salz+Pfeffer.

THEATER SALZ+PFEFFER
Frauentorgraben 73, Nbg
salzundpfeffer-theater.de


STADTTHEATER FÜRTH

GASTSPIEL: Das gibt es schon längst als Zeichentrickfilm und als Musical, als Gutenachtgeschichte sowieso, aber Tanz ist nochmal was Anderes. Man kann das Märchen DIE SCHÖNE UND DAS BIEST in die große Sammlung einordnen, die spätestens seit der ersten Kinoentdeckung von „King Kong“ immer wieder die mit neuem Personal umdekorierte Geschichte von der wundersamen Begegnung zwischen dem makellosen Mädel und dem sehnsüchtigen Scheusal erzählt.  Star-Choreograph Thierry Malandain hat das erst 1998 in Frankreich gegründete MALANDIN BALLET BIARRITZ mit großem Erfolg in diese Zwischenwelt von klassischem Ballett und showtauglicher Pose geführt. Er beschwört eine Harmonie von Nostalgie und Vitalität, die es so vielleicht doch nur auf der Bühne gibt. Der nach wie vor uneinholbare Klangmeister für solche Aktionen ist auch im 21. Jahrhundert immer noch Tschaikowsky. LA BELLE ET LA BETE will „Ausgrenzung und Selbstverlust“ zeigen, wird aber wohl weniger für Philosophie als wegen der perfekten Technik der Compagnie und „atemberaubender Sinnlichkeit“ der Choreographie international gefeiert. Ein Exportschlager – und mancher der vielen Tanztheater-Abonnenten in Fürth, die aus ganz Bayern kommen, wird sich ans letzte Gastspiel der Truppe vor neun Jahren erinnern.
Termine: 8. bis 12. Februar im Stadttheater Fürth.

GASTSPIEL: Dass Filmstars den Mehrwert ihrer Popularität durch Theater-Tourneen abschöpfen (von Nadja Tiller bis Götz George war das einst üblich) passiert kaum noch. Die großartige Nina Hoss spielt nur in Berlin Theater, Til Schweiger glücklicherweise gar nicht. Immerhin, TV-Serientäter tun es manchmal und nehmen es sogar hin, wenn ihr echter Name weniger bekannt ist als der ihrer Rolle. Jetzt reist Yasmina Rezas böse Komödie KUNST durchs Land (das ist die mit dem Streit von drei gutsituierten Herren um die Frage, ob eine weiße Fläche echte Kunst sein kann), eigentlich schon überall gespielt – und im Großraum Nürnberg in drei eigenen Produktionen sogar ganz gut. Aber eben noch nicht von Leonard Lansik, der als verknautschter Privatdetektiv Wilsberg von seinem Antiquariat aus die Verbrecher in Serie jagt. Auf der Bühne ist er eine Rarität. Seine Partner Heinrich Schafmeister und Luc Feit kennt auch jeder auf den zweiten Blick, denn sie spielen an ungezählten TV-Abenden knapp hinter den Hauptdarstellern. Regisseur Fred Berndt hat dafür auch die mobile Kulisse gebaut, denn schließlich begann er seine Theaterkarriere einst in Nürnberg am Schauspielhaus als Bühnenbildner und Regieanfänger.
Termine: 25. und 26. Februar im Stadttheater Fürth.

STADTTHEATER FÜRTH
Königstr. 116, Fürth
stadttheater.fuerth.de


KULTURFORUM FÜRTH

WEITER IM PLAN. Ein Solo für Caligula. Sebastian König, der kürzlich den Schreckensmann im Camus-Stück spielte, stellt sich mutig dem nächsten Antihelden. Im Monolog JUDAS von Lot Vekemans wird dem dunklen Apostel, der als Prototyp des Verräters in die Welt- und Religionsgeschichte einging, das Wort zur Rechtfertigung erteilt. Er erzählt über seine Herkunft, seine Berufung, sein Schicksal und durchbricht damit den Panzer an Verurteilungen, der diese Legende eisern umschließt. 2012 war das ein Theaterereignis an den Münchner Kammerspielen, inzwischen reizt es immer mehr Theater zur Neuinterpretation. Werner Müller führte Regie im unkonventionellen Spielraum des Kulturforum-Saales.
Termine: 2., 3. und 4. Februar im Kulturforum.

KULTURFORUM FÜRTH
Würzburger Str. 2, Fürth
kulturforum.fuerth.de


THEATER ERLANGEN

PREMIERE. Als 2500 Jahre alte, wohl ewig gültige Parabel über Flucht und Integration will Markolf Naujoks seine Inszenierung von Aischylos‘ DIE SCHUTZFLEHENDEN verstehen, die er auf drei Frauen stützt: Auf der Flucht vor der Zwangshochzeit bitten die Töchter des ägyptischen Königs in Argos um Asyl – und bringen damit die politischen Strategen in Verlegenheit. Einerseits das offizielle Prinzip Humanität, andererseits die drohende Gewalt von außen. Das Volk meint „Wir schaffen das“ und ist auf der Seite der Schwachen, die geflüchteten Frauen passen sich der neuen Heimat an. Hanna Franck, Anika Herbst, Janina Zschernig spielen dieses aufrechte Fanal wie einen Vitaminstoß für den  wankelmütigen Zeitgeist.
Premiere: 24. Februar, dann wieder 15. und 16. März auf der Hinterbühne im Markgrafentheater.

WEITER IM PLAN: Der Erlanger Dauerläufer ist Mario Neumann im Solo DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER, und Goethes tragischen Helden spielt er ab März in Konkurrenz zu sich selbst, denn da wird er in der Neuinszenierung ROMEO UND JULIA auch den womöglich noch tragischeren Shakespeare-Jüngling übernehmen. Hier wie dort unter der oft originell zupackenden Regie-Hand von Eike Hannemann, der Nürnbergs Spielplan ja seinen „Winnetou“ bescherte. Jetzt erst wieder das Briefdrama aus Geheimrats Jugendjahren.
Im Kolumnen-Extrakt der Monologe von Sibylle Berg steckt auch der hämende Wunsch zu gutem Appetit. Ihr inszenierter Text VIEL GUT ESSEN, wo am eigenen Herd der Hausherr nur bedingt goldene Worte übers Leben findet und in Sachen umgerührter Vorurteile nichts anbrennen lässt, empfiehlt sich mit Menü im Restaurant der Garage.
Termine: Werther, 7. und 8. Februar. Viel gut essen 15. und 16. Februar im Theater in der Garage.

PREMIERENFRISCH. Auf die Terroranschläge in Paris, dieses explodierende Symptom gesellschaftlicher Verwerfungen, hat Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit WUT reagiert. Der knapp präzise Titel des dabei entstandenen Sprachoratoriums, das in bohrenden, oft verzweifelt wütenden Formulierungen die ganze Weltgeschichte in den Zeugenstand für Aussagen zur Gegenwart zwingt, spiegelt die Stimmungslage der Autorin, aber auch die Hilflosigkeit aller Betroffenen. Die Inszenierung von Paul-Georg Dittrich führt das Erlanger Ensemble erstmals auf eine der von Formulierungskunst vereisten, also immer rutschgefährdeten Textflächen, die den Schauspielern komödiantische Standfestigkeit abverlangen.
Termine: 11. und 12. Februar im Markgrafentheater.

THEATER ERLANGEN
Theaterplatz 2, Erlangen
theater-erlangen.de




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