Mit anderen Augen

14. OKTOBER 2016 - 15. JANUAR 2017, KUNSTHALLE/KUNSTHAUS

#Ausstellung, #Fotografie, #Kunst, #Kunsthalle, #Kunsthaus, #Natalie de Ligt

Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie – Die Schau „Mit anderen Augen“ ist auch deshalb sehenswert, weil in ihr viele unterschiedliche Ansätze und Konzepte zum fotografischen Porträt versammelt sind. 43 deutsche und auch internationale Positionen, beginnend mit den 1990er Jahren, sind in der von der Kunsthalle und dem Kunsthaus Nürnberg ausgerichteten Schau präsentiert.

Die Macher haben ihr außerdem einen fotogeschichtlichen Anspruch verliehen, in dem sie auch FotografInnen einluden, die in ihrem Werk Bezug auf August Sander (*1876-1964) nehmen, dem Heroen und Begründer des dokumentarischen Porträts. Mit seinem systematisch angelegten Gesellschaftsporträt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ schuf er seinerzeit ein einmaliges Dokument. In dieser Tradition stehen im Rahmen der Ausstellung etwa die Arbeiten von Charles Fréger (*1975, Bourges/Frankreich), der mit seinen Farbporträts von Menschen in ihrer Arbeitsumgebung und in Arbeitskleidung einen ähnlichen enzyklopädischen Ansatz wie August Sander verfolgt. Gleichzeitig forciert Fréger eine bestimmte Ästhetik, die das Aufgenommene zu objektivieren scheint. Die Situationen sind in einer Weise ausgeleuchtet und das Set scheint derart komponiert, dass sie an Studioaufnahmen denken lassen. Joerg Lipskoch (*1972) verfolgt mit seinen Schwarzweiß-Porträts von Menschen bei der Arbeit zwar den gleichen Ansatz, gesteht den Porträtierten und somit den Aufnahmen eine gewisse Spontaneität zu, so dass die Situationen insgesamt wie aus dem Leben gegriffen wirken.

Von solchen durchaus klassisch oder traditionell zu nennenden Positionen spannt die Ausstellung einen weitverästelten Bogen zu KünstlerInnen, die das Medium Fotografie aus seinen ursprünglichen Rahmenbedingungen herauslösen, es als Medium reflektieren und auch einen unkonventionellen Umgang damit forcieren. Sabrina Jung (*1978) etwa verwendet für ihre Porträts ausschließlich Fremdmaterial, u.a. für die Werkgruppe „masks of death“ (Totenmasken). Hierfür nimmt sie Studio-Porträts der 1940er Jahren, die sie auf handgefertigte Gipsmasken kaschiert. Durch das Aufziehen auf den dreidimensionalen Träger wirft das Papier zahlreiche Falten und Knicke, die sich nun wie Altersfurchen ausnehmen und das Porträt unnatürlich - gemäß dem Titel - wie eine Totenmaske erscheinen lassen. Geradezu entgegengesetzt nimmt sich da das Werk des gebürtigen Schweizers Beat Streuli (*1957) aus. Man könnte es vordergründig an der Schnittstelle von Straßenfotografie und Fotojournalismus ansiedeln. Sein motivischer Fokus liegt auf Menschen im öffentlichen Raum, die er an immer wieder wechselnden Orten unbemerkt aufnimmt. Mit der Geduld und Beharrlichkeit eines Ornithologen porträtiert er so nicht nur die Menschen in ihrem alltäglichen und natürlichen Sosein, sondern zugleich auch die Städte, in denen sie sich bewegen. Die großformatige Installation im Projektraum der Kunsthalle umfasst eine als Collage angelegte Fototapete, vor die mehrere Monitore gesetzt sind, auf denen weitere Fotografien wie in einer Diaschau ablaufen. Der in der Masse oder Menge der Großstadt aufgehende Mensch erscheint hier einerseits wie er ist, nämlich völlig unspektakulär, gleichzeitig lässt der unvoreingenommene Blick des Künstlers die unbedarften Passanten als sympathische Prototypen der Spezies Mensch an sich erscheinen. Streulis Ansatz ist in diesem Sinn programmatisch, auch für die Ausstellung, weil darin zum Tragen kommt, dass das Porträt vor allem jenes Verfahren ist, um sich des Gegenübers zu vergewissern, hier mittels fotografischer Aneignung. Und in der Vergewisserung des Gegenübers steckt immer auch das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung und Verortung in der Gesellschaft, in der man lebt.

Das Spektrum an Positionen, das diese Ausstellung bietet, kann an dieser Stelle nur gestreift werden. Es lohnt sich, die vielfältigen fotografischen Ansätze, die in der Schau versammelt sind, eingehend zu erkunden. Während in der Kunsthalle vor allem bekannte Positionen und solche mit Bezug zu August Sander gezeigt werden, lässt sich im Kunsthaus manche Entdeckung machen. Hier findet sich mehrheitlich eine jüngere Generation ein, die das Medium Fotografie um neue Aspekte erweitert.

Zur Ausstellung, die vom Kunstmuseum Bonn und der Photographischen Sammlung/SK-Stiftung Köln konzipiert und von dort übernommen wurde, liegt ein Katalog vor. Informationen zum Begleitprogramm findet man auf den Websiten von Kunsthaus und Kunsthalle.


Bis 15. Januar 2017
KUNSTHALLE NÜRNBERG
Lorenzer Str. 32, Nbg. Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr.
kunsthalle.nuernberg.de

KUNSTHAUS
Königstraße 93, Nbg. Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr.
kunstkulturquartier.de/kunsthaus

 




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