Das Konzept als Botschaft

23. NOVEMBER 2016 - 23. DEZEMBER 2016, KUNSTBUNKER

#Ausstellung, #Kunst, #Kunstbunker, #Malerei, #Natalie de Ligt

Über die Gemälde der Künstlerin Leen Voet – Im Kunstbunker findet seit Jahren so selten etwas statt, dass mich jede Ausstellungsankündigung wie ein Schlag aus dem Nichts trifft. Das Langzeitgedächtnis muss bemüht werden, um nicht dem Gedanken zu verfallen, es handele sich um eine Neueröffnung dieses besonderen Ortes. Verknappung wird auch in Sachen Information betrieben. Vielleicht ist das eine Kombistrategie, durch die das kunsthungrige Publikum in den höchsten Erwartungszustand versetzt und der zu präsentierenden Kunst die Aura des Besonderen verliehen werden soll.

Aktuell werden Arbeiten der in Brüssel lebenden Künstlerin Leen Voet gezeigt. Ihre Bilder und die Präsentation folgen einem auffälligen, geradezu aufdringlichen Konzept. Wie so oft greift Leen Voet auch hier auf bestehende Motive zurück. Diesmal sind es bemüht wirkende Landschaftsbilder aus ihrer Studienzeit. Ihr Lehrer gab ihr damals die Aufgabe, jede Woche eine Landschaft zu malen. Daran hielt sich die angehende Künstlerin, und so kam am Ende ein Konvolut von rund 60 kleinformatigen Papierarbeiten zustande. Den amateurhaften Fingerübungen sieht man eine gewisse Lustlosigkeit an. Leen Voet scheint seinerzeit weder vom Motiv noch vom Vorgang des Malens angetan gewesen zu sein. In der Regel landen solche Dinge irgendwann in der Schublade oder im elterlichen Wohnzimmer. Da aber der Horizont dessen, was als Kunst ausstellbar ist, inzwischen einen Radius von 360 Grad besitzt, lässt sich mit einem entsprechenden Konzept alles in den Kunstkontext einbringen. Und genau diese Methode ist Teil der Kunst von Leen Voet. Deshalb kann sie nun die 25 Jahre alten Bilder mittels eines ausgedachten Konzepts aktivieren. Genauer: Einzelne Landschaften dienen als grobe Vorlage für eine Neuinterpretation, jetzt in Gestalt von großformatigen farben- und formenfrohen Leinwänden. In der Ausstellung werden auserwählte frühe Landschaften mit dem jeweiligen neuen Pendant über Eck auf eine Lattenzaunkonstruktion montiert. Alt und neu treten in den direkten Vergleich, der aber aufgrund der völlig unterschiedlichen Bildansätze doch nicht anzustellen ist.

Eine Handvoll dieser Bild-Bild-Konstruktionen ist im Raum verteilt, während die übrigen rund 55 Landschaftsbilder in einem Band die Wände säumen. Die neuen Bilder sind alles andere als hingerotzt. Sie beruhen auf bewussten und durchaus präzisen bildnerischen Entscheidungen, die jeweils auf ein im Vorfeld festgelegtes Ergebnis ausgerichtet zu sein scheinen, wobei auch Zufälle während des Malvorgangs offensichtlich ausgeschlossen waren. In ihrer Flächigkeit und Plakativität erinnern sie mitunter an das Prinzip Malen-nach-Zahlen. So entziehen sich auch folgerichtig diese neuen Gemälde einer klaren Position, die aus dem Bild selbst herauszulesen wäre. Sie wollen weder schön, noch trashig, noch dekorativ, noch provokant sein. Die Bilder besitzen keine Botschaft, auch nicht eine der Malerei. Und sie besitzen keine Seele. Sie sind reines Bildkonzept, und sie dienen allein dem Konzept, das wiederum auf Entpersönlichung abzielt. Kurz: Das Konzept ist die Botschaft.

Wenn nun, wie bei Leen Voet, das Konzept wichtiger ist als das Werk, so dass das Werk nicht zwingend sein muss, und wenn aber zugleich das Konzept weder neu noch zwingend ist, entsteht ein mentales und emotionales Vakuum beim Anblick der Kunst. Dann ist alles Ratio. Dann sieht das sehr nach Ausstellungskunst aus. Und in diesem Sinn hinterließ der Rundgang durch die Ausstellung bei mir ein Gefühl der Leere. Gleichwohl ist ein Besuch von Leen Voets Präsentation im Kunstbunker lohnenswert, allein weil diese eigenwillige Position triftige Fragen zur Kunst bzw. zu Kunstpraktiken aufwirft. Davon sollte man sich unbedingt ein eigenes Bild machen.

Text: Natalie de Ligt

Bis 23. Dezember
KUNSTBUNKER - FORUM FÜR ZEITGENÖSSISCHE KUNST
Bauhof 9, Nürnberg. Mi-Fr 15-20 Uhr, Sa/So 11-17 Uhr u. n. V.
kunstbunker-nuernberg.org




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