Nürnbergs Theater steuert einem Umbruch entgegen

DIENSTAG, 1. NOVEMBER 2016

#Dieter Stoll, #Kolumne, #Kultur, #Oper, #Theater

In den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, ist der Wurm drin. Die Theaterszene der Hauptstadt bebt seit Wochen vor wortgewaltig geführten Abwehrschlachten am Staatsballett und den zwei legendären Schauspielhäusern Volksbühne und Berliner Ensemble, in München gibt es Interview-Aufstand gegen die Diktatur der Prinzipale, in Rostock wird die Zukunft des ganzen Theaters nach Kündigungsturbulenzen immer fragwürdiger, in Augsburg verhindert eine Bürgerinitiative die Sanierung des nicht mehr bespielbaren Hauses, im kleinen Trier rangeln Künstler und Publikum an mehreren Fronten im Kampf für oder gegen einen neuen Intendanten, der etwas wagen will.

NÜRNBERGS THEATER STEUERT EINEM RADIKALEN UMBRUCH ENTGEGEN: IST DEN LEUTEN DAS WURSCHT?

An vielen Orten im Osten (wo oft gleich die komplette Existenzfrage mitschwingt) und im Westen der Republik (wo am wie geschmiert laufenden Kulturversorgungsfließband die lange verborgenen Frustrationen neuerdings öffentlich sprießen) gibt es Zweifel. Und eine bundesweite Initiative aus Schauspielern und Sängern fordert inzwischen mit zunehmendem Rückhalt unter den Betroffenen und staunenden Blicken der informierteren Teile des Publikums neben besserer Bezahlung vor allem mehr Rechte für die Kollegen gegen die undurchsichtige Allmacht von Intendanten und Politikern in allen Städten. Eine Kulturrevolution? Naja… - A weng!

Es ist einige Jahrzehnte her, dass an den deutschen Theatern im Windschatten der gesellschaftlichen 1968er-Revolte der Widerstandsgeist nicht bloß Spielmaterial war und die in ihren Rollen oft so heldenhaft auftretenden Darsteller auch jenseits ihres Kunstgewerbes kämpferisch das Wort ergriffen. Nürnberg gab anno 1975 sogar ein besonderes Beispiel ab, denn da wollte der mit demonstrativer Demokraten-Haltung angetretene „Volkstheater“-Direktor Hans Dieter Schwarze die Macht von oben nach unten durchreichen und Mitbestimmung einführen. Er scheiterte (nicht nur daran) und die beiden noch heute im Haus am Richard-Wagner-Platz aktiven Schauspieler Jochen Kuhl und Marion Schweizer erinnern sich eher schaudernd an Ensemble-Sitzungen, in denen bis zur Erschlaffung diskutiert wurde. Danach bestimmten wieder die abgehobenen Leit-
figuren nach eigenen Regeln. Nicht immer geräuschlos, denn Eberhard Kloke als Opernchef löste mit seiner radikalen Modernisierung eine aufsässige Bürgerbewegung aus, die in der ganzen Stadt mit den Aufklebern „Kloke, nein danke“ und zuverlässig einsetzenden Buh-Konzerten in Premieren Stimmung machte. Als jedoch der übernächste Direktor zwei Drittel des durchaus populären Sänger-Ensembles feuerte, gab es nur ein kurzes Grollen in Kantine und Öffentlichkeit.

Für 2018 werden die Karten grade neu gemischt – es sieht so aus, als ob der als Nachfolger von Peter Theiler berufene Intendant Jens-Daniel Herzog (noch Opernchef in Dortmund und soeben mit der Regie der Operettenschnulze „Der Graf von Luxemburg“ an der Deutschen Oper am Rhein um den Beweis seiner Volkstümlichkeit bemüht) alles auf Neustart stellen könnte. Er selbst an der Opern-Spitze, neuer Schauspielchef (ob er wohl den streitbaren, grade aufsteigenden Kay Voges aus Dortmund mitbringt?), neuer Ballettchef (da gibt es in Dortmund den im Rahmen der Gluck-Festspiele schon mal nach Franken vorgedrungenen Xin Peng Wang), sogar der Posten des Generalmusikdirektors steht offenbar zur Disposition. Langjährige Ensemblemitglieder schauen sich bereits seufzend nach anderen Arbeitsplätzen um. Mal sehen, ob das so oft als „besonders treu“ gepriesene Nürnberger Publikum daran Anstoß nimmt.

2016 ist in Deutschland also die Saison, in der anstehende Leitungswechsel zu Aufständen führen können, Schauspieler nicht mehr „der Pinsel in der Hand des Regisseurs“ sein wollen, öffentlich die Allmacht von Intendanten attackiert wird. Sänger klagten gegen generelle Missachtung ihrer Arbeit unterhalb der Superstar-Schwelle (an Netrebko-Gagen möchte dabei gar niemand denken), die ohnehin mit Kurzzeitkarrieren geplagten Tänzer sprachen der bemerkenswert oft überforderten Kulturpolitik vehement die Kompetenz für die Berufung von Ballettdirektoren ab. Bei den Stammgästen des Theaters wachsen Bedenken, die Nicht-Besucher artikulieren sowieso Unverständnis. Eine Lawine hat sich in Bewegung gesetzt, die mit unkalkulierbarer Plattmacher-Wucht mitten durch die grade aufgebäumte Krise des geliebten, gelobten, gefährdeten Systems rollen könnte. Nürnberg duckt sich vorerst im Auge des Taifuns.

Dabei wäre ja immerhin denkbar, der Öffentlichkeit etwas von den Perspektiven zu vermitteln, die zur Berufung des künftigen Staatsintendanten geführt haben. Und auch, ob er ein Anhänger des radikalen Schnitts ist (was sein gutes Recht wäre, wenn er nur so seinen Auftrag als Chefdesigner auf der großen Spielwiese erfüllen kann) oder Chancen für Dynamik im gleitenden Übergang von der einen zur anderen Ära sieht. Im Frühjahr 2017 muss der letzte Spielplan der jetzigen Theaterleitung veröffentlicht sein, wenige Monate später wird das Ausmaß des Umbruchs durch „Nichtverlängerungen“ (= Kündigungen) in allen Sparten bekannt werden. Von den 28 Schauspielern, die Nürnberg jetzt offiziell als Mitglied des Kusenberg-Ensembles meldet, sind nur sieben (Michael Hochstrasser, Elke Wollmann, Pius Maria Cüppers, Thomas Nunner, Stefan Lorch, Adeline Schebesch, Marco Steeger) durch langjährige Anwesenheit leidlich abgesichert, von den 23 Sängern wohl überhaupt keiner.

Ob das Publikum für die so oft mit großzügig gestreuten Bravo-Rufen belohnten Solisten im entscheidenden Moment auch mal metaphorisch aufsteht, den neuen Leitungsfiguren zunächst eher begründete Skepsis oder doch gleich Blanko-Vertrauen entgegenbringt, womöglich die Steigerung vom Broadway-Oldie (Spezialität Theiler) zur Rock-Oper (Spezialität Herzog) in den Ankündigungen für verheißungsvoll genug hält, wird nächstes Jahr um diese Zeit klarer sein. Umwälzung, Unruhe, Unbehagen? Das Schlimmste, was passieren könnte ist, dass es den Leuten wurscht ist.

 




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