Wir haben nachgefragt und die Bar- und Clubbetreiber erzählen ihre Meinung zu Lärmschutz, Nichtrauchergesetz, Nachtleben, Kultur und stillen Tagen. Im zweiten Teil mit Thomas Brunner (Unrat), Hobbit (Stars & Stairs) und Martin Kaiser (Stereo).
1. Bist du Raucher / Nichtraucher?
Hobbit: Raucher
Thomas: Nichtraucher
Martin: Nichtraucher
2. Wird in deiner Location geraucht / nicht geraucht?
Hobbit: Wir haben pünktlich zum 1. Januar das Rauchverbot eingeführt und eigentlich positive Resonanz, sowohl von Gästen, als auch vom eigenen Personal bekommen. Verbunden damit haben wir in einen Regenschutz für die Raucher vor der Tür und Abstellmöglichkeiten für Gläser und Flaschen im Eingangsbereich investiert.
Thomas: Natürlich wird nicht geraucht, es gilt seit der Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes im Laden absolutes Rauchverbot. Seltene Ausnahme ist eine geschlossene Veranstaltung.
Martin: Es wird geraucht, Nichtraucherclub war zwar angenehmer, auch nach Meinung der Mehrheit der Raucher, aber deutlich zu laut nachts auf der Strasse.
3. Was hat sich für dich / deine Location seit Einführung des Nichtraucherschutzes zum 1.1.2008 geändert?
Hobbit: Im Laden herrscht logischerweise deutlich angenehmere Luft. Als DJ rauche ich nur noch 2 – 3 Kippen pro Abend (statt ein bis zwei Schachteln), was meiner Lunge extrem gut tut.
Thomas: Insgesamt empfinden die Gäste und Mitarbeiter den Umstand als sehr angenehm. Andererseits fehlt „die Zigarette zum Bier“, es fehlt die Behaglichkeit für die Gäste. Einige Stammgäste verzichten auf einen Besuch, oder kommen zumindest weniger häufig, und damit geht Umsatz verloren.
Martin: Inzwischen durch Einführung des Raucherclubs gar nichts.
4. Begrüßt du den neuen Nichtraucherschutz?
Hobbit: Was Restaurants betrifft auf alle Fälle. Zu einem gemütlichen Bier in einer Bar gehört die Zigarette aber irgendwie dazu. In einem Club halte ich mich notgedrungen an die Nichtraucherregel und freue mich am nächsten Tag, dass die Kippenpackung noch halb voll ist.
Thomas: JA, ich begrüße den Nichtraucherschutz und finde die bayrische Regel, auch wenn sie sehr hart ist, als absolut gerecht. Jeder gastronomische Betrieb wird dadurch gleich behandelt, es gibt keine unfaire Behandlung der Einraum-Gastronomie (wie es das Unrat nun mal ist). Die aktuelle Diskussion in den anderen Bundesländern zeigt diese Problematik ja eindeutig auf.
Martin: Nichtrauchen in Bars, Restaurants und Klubs finde ich sehr angenehm, eine „sozial verträgliche“ Rauchgelegenheit muss aber meiner Meinung nach vorhanden sein.
5. Hast du seitdem vermehrt Probleme mit Anwohnern?
Hobbit: Hier im Rotlichtviertel halten sich die Probleme mit den Anwohnern in Grenzen. Allerdings kommunizieren wir auch viel mit der Nachbarschaft, kehren den kompletten Platz vor unserer Location nach jedem Feierabend und reagieren sehr sensibel, wenn doch einmal ein kritisches Wort von den Anwohnern kommt.
Thomas: Natürlich gibt es Probleme mit den Anwohnern. Die Lärmbelästigung ist stetig präsent, natürlich und vor allem am Wochenende. Die Anwohner wollen ihre Ruhe haben, das müssen wir als Gastronomen respektieren. Wir stehen in der Diskussion mit unseren Anwohnern und versuchen die Ruhe soweit es geht mit den Türstehern durchzusetzen.
Es gibt keinen Gastronomen, der sich, glaube ich, über einen solchen Lärm nicht beschweren oder zumindest ärgern würde, wäre er ein Anwohner ;-)
Martin: Bis zur Einführung des Raucherclubs stark, seit dem nicht nennenswert.
6. Trägt das veränderte Verhalten / Trinkverhalten vieler Jugendlicher deiner Meinung nach ebenfalls vermehrt zur Lärmproblematik bei?
Hobbit: Wir bemühen uns, unsere Türpolitik darauf auszurichten, dass Jungvolk, welches offensichtlich Alkohol in der Nähe des Ladens bunkert, der Eintritt verwehrt wird und versuchen so zu erreichen, dass diese Kiddies nicht vor unserem Laden abhängen. Interessant: Nachdem der Club Stereo Donnerstags 3,- Eintritt verlangt hat, hingen einige oben beschriebene Personen plötzlich vor unserem Laden ab (da bei uns ja nach wie vor der Eintritt frei ist). Da sieht man dann plötzlich, dass die Musik auf einmal gar nicht mehr so wichtig ist und es nur darum geht, möglichst kein Geld auszugeben, heimlich eine Ecke weiter den 99 Cent Weinverschnitt aus verschiedenen EU-Länder aus dem Tetra-Pack zu trinken und einfach da abzuhängen, wo Leute sind. Solche Gäste brauchen wir nicht, das Stereo nicht; solche Gäste braucht niemand. Thomas: Auf jeden Fall !! Manche Gäste kommen schon um 11 Uhr betrunken an. Eindeutige „homedrinker“. Bei abendlichem Streif durch die Stadt wird man vermehrt Zeuge des „Kofferraumtrinkens“, vor allem bei der „Jugend“ – empfehlenswert ist auch immer eine Fahrt in der U-Bahn zwischen 19. und 22 Uhr. Hier trifft man die „Jugend“ schon mit selbstgemischten 1,5 Liter Flaschen an, oder mit „Billig-Sprit“, der sie dann aggressiv macht. Selbstverständlichkeit, Respektlosigkeit der Polizei gegenüber, Pöbeleien und Schmierereien sind das Ergebnis.
Martin: Ich finde in meinen aktiven 24 Jahren Nachtleben die Veränderung nicht so groß wie sie gern beschrieben wird.
7. Sollte man bei dem Versuch, die Problematik dauerhaft in den Griff zu bekommen, eine Kompromisslösung suchen (z.B. schlägt ja die CSU-Stadtratsfraktion vor, die Bar 77 im Einverständnis mit den Anwohnern bis 3h, statt bis 5h offen zu lassen)?
Hobbit: Bei einem Interessenskonflikt ist ein Kompromiss natürlich die beste Lösung. Andernfalls setzt sich der Stärkere einfach durch. Meiner Meinung ist eine Sperrzeitverlängerung in irgendeiner Form aber kein Kompromiss, sondern eine klare Benachteiligung einzelner Läden.
Thomas: Natürlich muss ein Kompromiss gefunden werden, der aber je nach Gastronomie entschieden werden sollte. Man muss sich die „Vorgeschichte“ ganz genau anschauen, um richtig entscheiden zu können. Jedem sollte es aber ermöglicht werden, innerhalb einer bestimmten Frist eine Besserung herbeizurufen.
Martin: Was soll man sonst machen? jede Partei einen Gladiator wählen und bis zum Tod kämpfen lassen?
8. Wie würdest du entscheiden, wenn du Richter wärst und die Wahl zwischen Innenstadtgastronomen und Anwohnern, die sich vom Lärm belästigt fühlen, hättest?
Hobbit: In diesem Fall würde ich, wie hoffentlich jeder Richter, nach bestem Wissen und Gewissen anhand der Gesetze entscheiden. Dies würde ich mir allerdings nur zutrauen, wenn ich mir selber persönlich ein umfangreiches Bild der Lage gemacht hätte. Man muss beide Seiten sehen, die genauen Beweggründe der einzelnen Parteien in Erfahrung bringen und dann eine ganz klare Regelung aussprechen.
Thomas: Das kann ich wegen Befangenheit nicht beantworten.
Martin: Ich denke nicht das Richter so einen riesen Auswahl haben, sie müssen bestehende Gesetze anwenden.
Es wäre sicher keine schlechte Idee die zum Großteil Jahrzehnte alten Gesetze auf heutige Verhältnisse anzupassen.
9. Muss man einen gewissen Grundlärm als Innenstadtanwohner in Kauf nehmen?
Hobbit: Meiner Meinung nach muss man generell als Stadtbewohner einen gewissen Grundlärm in Kauf nehmen. Ziehe ich neben eine Schule und beschwere ich mich anschließend über spielende Kinder im Pausenhof? Ziehe ich neben eine Kirche und beschwere mich anschließend über das ohrenbetäubende Glockengeläut zu jeder Stunde? Ziehe ich in die Nähe von Bahngleisen und verklage anschließend die Deutsche Bahn wegen Lärmbelästigung?
Thomas: Auf jeden Fall ist ein „Grundrauschen“ zu erdulden. Es gibt „Arbeitslärm“ und „vermeidbaren“ Lärm. Allerdings muss bei solch einem abendlichen Lärm auch beachtet werden, was zuerst da war: der Anwohner, oder die Gastronomie. Wer wissentlich neben eine bestehende Gastronomie zieht, der darf sich nicht im Nachhinein darüber beschweren.
Martin: Meiner Meinung nach definitiv JA.
10. Könntest du dir vorstellen, in der Innenstadt in unmittelbarer Umgebung einer gut frequentierten Bar / Disco zu wohnen?
Hobbit: Klar könnte ich mir das vorstellen. Als Nachtmensch bin ich sowieso wach und meist selber vor Ort. Ich könnte mir dies nicht vorstellen, wenn ich Frau und Kinder und nen Büro-Job hätte. Und dann würde ich logischerweise auch nicht in die Nähe einer gut frequentierten Bar / Disco ziehen. Auch nicht in die Nähe von Bahngleisen.
Thomas: Ich würde es vermeiden, dort hinzuziehen. Allerdings kommt es darauf an, ob ich täglich dem Lärm ausgeliefert bin, oder nur an 2 Tagen am Wochenende.
Martin: Also grölende Betrunkene gibt’s bei mir nachts in der Nordstadt auch.
11. Wird deiner Meinung nach durch die derzeitige Debatte das Image der Stadt und des modernen kulturellen Lebens in Nürnberg beschädigt?
Hobbit: Sobald die Stadt anfangen sollte, die angedachten Maßnahmen (kein Bar-DJ, keine Disko-Kugeln) wirklich umszusetzen, ist Nürnbergs Ruf meiner Meinung nach unter den jungen Leuten sofort ramponiert. Aber vielleicht erleben wir dann ja eine Invasion der Rentner, die ihren Lebensabend im beschaulichen, ruhigen Nürnberg verbringen möchten.
Thomas: Auf jeden Fall. Coole Gastronomie stirbt leider aus. Aber nicht nur das schadet der Stadt, sondern wird auch durch besoffene, randalierende „Kiddis“ verschandelt.
Die Gastronomen nehmen sehr viel Geld in die Hand, um erfolgreich zu sein, um Nürnberg ein Gesicht zu geben und eine Vielfalt an Styles zu geben. Messebesucher honorieren das immer wieder und finden das Innenstadtleben sehr ansprechend und freuen sich über unsere Läden und der Stimmung, die selbst ein „Franke“ verbreiten kann.
Martin: Nein, das image als langweiligste deutsche Großstadt kann davon nur profitieren ;-)
12. Hast du das Gefühl, die Stadt stellt sich explizit auf die Seite der Anwohner, oder zeigt sie auch Verständnis für die Gastronomie?
Hobbit: Da kann ich leider nicht mit Erfahrungswerten dienen.
Thomas: Beides. Sie müssen sich entscheiden, deshalb ist der Job, den die da machen, bestimmt auch nicht leicht. Egal wie sie sich entscheiden, entscheiden Sie sich für eine der Parteien „falsch“.
Martin: Ich habe das Gefühl die Stadt sucht einfach den weg des geringsten Widerstands und der geringsten Arbeit .
13. Findest du es zeitgemäß, „stille Tage“ wie Halloween oder den Volkstrauertag weiterhin zu pflegen und ein Tanz- und Musikverbot vorzuschreiben?
Hobbit: Zeitgemäß? Ich empfinde es als einen gravierenden Eingriff der Menschenrechte. In unserer modernen, westlichen Zivilisation wird der Bevölkerung das Tanzen verboten! Würde man dies über ein arabisches Land oder z. B. China lesen, würden alle die Köpfe wegen dieser Rückständigkeit und Unterdrückung schütteln. Aber nein, es passiert direkt vor unserer Haustür und ist reinste Schikane seitens unseres „Frei“staates.
Thomas: Da lässt sich sicherlich drüber streiten. Auch hier wäre ein Kompromiss mehr als erstrebenswert, da es überall funktioniert (Erlangen, Fürth) nur in Nürnberg nicht.
Martin: Absolut nicht.
14. Welche Funktion haben für dich eine Spiegelkugel und ein DJ in einer Bar?
Hobbit: Beides hebt meine Wertschätzung für eine Bar. Entsprechendes Licht trägt ungemein zum Wohlfühlfaktor und zur Stimmung in einer Bar bei. Dasselbe trifft auf den DJ zu und zeigt, dass der Gastronom einfach sehr viel Wert auf das Ambiente legt.
Thomas: Sie dienen der Unterhaltung und sind nicht zwingend Bestandteil einer Disko. Im Fall Bar 77 sind sie ein zentraler Beleuchtungspunkt und dienen nicht der „Animation“. Ohne „Bar-DJing“ kommen Schankwirte (also ohne Essen) heute nicht mehr aus. Die Gäste erwarten eine Animation durch Musik, die man in diesem Fall nur „Live“ erfüllen kann. Es gibt Gastronomie OHNE Bar-Djing, die nicht frequentiert werden, obwohl sie einen ansprechenden Stil haben.
Martin: Unterhaltung.
15. Wo ziehst du den Unterschied zum Discobetrieb?
Hobbit: Der Unterschied besteht für mich in der Lautstärke und der Einrichtung. Ist das Interieur darauf ausgerichtet, dass die Gäste sitzen oder tanzen? Kommen die Leute um ein gemütliches Bier zu trinken und sich zu unterhalten oder um abzugehen? So einfach ist das.
Thomas: Wie in der Frage vorher schon beantwortet, BRAUCHT eine Schankwirtschaft im Sinne eines modernen, ansprechenden „Clubs“ einen DJ, um attraktiv für Gäste zu sein. Nicht umsonst nennen wir uns „Erlebnisgastronomie“ und nicht „geh-lieber-daheim-was-trinken-weil-bei-uns-wirst-ja-nur-bedient-sonst-aber-nix-gastronomie“.
Der Unterschied zur Disko ist auch in der Lautstärke und in der Ausrichtung der Musik zu suchen bzw. der direkten Faktoren dadurch. Lautstärke ? Blitzlicht ? Gedröhne ? vibrieren die Wände? Hell ? Dunkel ? …seeehr viele Faktoren….
Martin: Für mich muss in einer „Disco“ die Tanzfläche das eindeutig zentrale Element des Etablissements ein und mehr als die Hälfte der Grundfläche einnehmen.
16. Wie stehst du zur Vereinbarung bezüglich dem „Flatrate - Saufen“, bei der viele Gastronomen eingewilligt haben, keine alkoholischen Getränke mehr unter 1,50 Euro zu verkaufen?
Hobbit: Sehr positiv. Das hat der sich bedenklich nach unten drehenden Preisspirale einen Riegel vorgeschoben.
Thomas: Vollkommen okay. Das bringt uns mehr Barkultur in der Innenstadt. „Kiddis“ können irgendwo anders hingehen, aber nicht in die Innenstadt, die will keiner von uns wirklich haben, denn das bringt die Innenstadt in Verruf: siehe Tiefenrausch noch vor 2, 3 Jahren.
Martin: Haben wir auch vorher nie gemacht, außerdem ist die Vereinbarung ja auch unsinnig, demnach dürfte ich ja z.b. immer noch einen Long Island Ice Tea für 1,80 verkaufen.
17. Was könnte man ansonsten noch in der Zusammenarbeit zwischen Stadt und Gastronomie verbessern?
Hobbit: Aufeinander zugehen, viel reden, noch mehr zuhören, verstehen.
Thomas: Dialog, Dialog, Dialog !! Wählen von Bürgervertretern aus verschiedenen Straßen. Zusammentreffen zwischen Gastronomie und Bürgervertretern. Offensives Herangehen der Stadt um einen Konsens zu finden zwischen Gastronom und Anwohnerinteressen, und das nicht einfach dem Gastronomen überlassen. Mehr Besuche von Stadtvertretern bei den Gastronomen, die sich über die aktuelle Lage informieren. Sofortige Rücksprache von Beschwerden mit dem betreffenden Gastronom (und nicht sammeln von Beschwerden, bis es zu spät ist, um zu reagieren).
Das Verständnis dafür, dass die Gastronomie am Abend das Leben und das Geld in die Stadt bringt, und damit Steuergelder, Parkgebühren, Strafzettel, …. – und NICHT unsere Burg und auch nicht unsere Kirchen – die sind abends nämlich geschlossen.
Martin: Ich denke offen aufeinander zugehen, offen reden bringt schon viel.
www.starsandstairs.de
www.club-unrat.de
www.myspace.com/clubstereo
Interviews: Alexander Pahl, David Lodhi
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